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Jérémie Heitz – Das Interview
Jérémie Heitz – Das Interview
Roman Lachner -

Jérémie Heitz gehört bei der Freeride World Tour sicherlich zu den Ridern mit dem alpinistischtem Background. Wie sein Buddy Sam Anthamatten nutzt der Schweizer den Berg als kompletten Spielplatz – im Sommer wie im Winter. Wir haben den sympatischen Freeride-Profi über die Tour und seine Movie-Projekt „La Liste“ befragt.

Hey Jérémie! Du hast einen recht individuellen Style beim Skifahren. Kannst du jemandem, der nichts mit Skifahren, Bergen oder Winter am Hut hat, beschreiben, was du auf Skiern treibst?

Ich würde es so versuchen: Seitdem ich zwei Jahre alt bin, stehe ich auf den Brettern – das ist inzwischen 25 Jahre her –, und ich entwickle mich und mein Riding seither bei Contests und Filmdrehs immer weiter. Außerdem habe ich meinen Lebensmittelpunkt mitten in den Alpen, wo ein großer Teil der Skihistorie ihren Lauf nahm. Hier versuche ich, auf den Spuren der Steilwand-Pioniere zu wandeln und an den bekanntesten 4.000ern die Evolution unseres Sports bei der Befahrung dieser imposanten Faces zu zeigen. Freeriden ist einfach eine extrem geniale Art, sich in den Bergen zu bewegen. Du kannst über Felsen springen und schneller sein als alles andere, was sich auf dem Schnee bewegt. Obwohl ich ja Profi bin, hat Skifahren nie seinen Reiz verloren, und ich fühle mich gerade im Highspeed-Bereich immer noch wie ein Superheld.

https://www.youtube.com/watch?v=3-TXEUb97Wk

Dann erzähle uns doch mal, wie aus dem kleinen Jérémie ein Superheld im Freeskiing geworden ist, dessen Superpower sein überirdischer Speed ist?

So dramatisch ist es nun auch wieder nicht. Nach zwei Jahren bei der FIS habe ich damals beschlossen, die alpine Wettkampfwelt zu verlassen – alles viel zu strikt. Zudem konnte ich auf internationaler Ebene keine nennenswerten Erfolge feiern. Gerade für Jugendliche steht doch der Fun an erster Stelle, und Sprünge oder Powder sind weitaus interessanter als rote und blaue Stangenwälder. Wenn ich also nicht für Rennen trainieren musste, trieb ich mich abseits der Pisten herum. Ich begann, die Berge immer besser zu verstehen, wobei mir mein Stiefvater als Bergführer oder die Falquet-Brüder extrem hilfreich waren. Ich bin ich auch der Überzeugung, dass ich in eine Familie und in eine Gegend hineingeboren wurde, die mir eine natürliche Art des Freeridens in die Wiege legten und mir ein Verlangen nach dem Spaß im Leben einimpften. Rückblickend muss ich aber zugeben, dass ich froh bin, so viel Zeit auf alpinen Racetracks verbracht zu haben, denn eine bessere Skiausbildung als den Rennlauf gibt es nicht.

„Meiner Meinung nach hat sich Freeriden im Gegensatz zum Freestyle nicht maßgeblich weiterentwickelt. “

Beim Freeriden lief es deutlich besser als bei der FIS, schließlich bist du inzwischen Profi. Wann hast du gemerkt, dass du diese Karriere einschlagen willst und tatsächlich von deinem Sport leben kannst?

Als ich damals mit dem Freeriden begann, hatten mich ja wie gesagt die Falquets unter ihre Fittiche genommen. Die Jungs waren damals schon Vollprofis und konnten ihr Leben ganz gut durch Filme und Sponsorengelder finanzieren. Von ihnen habe ich auch gelernt, wie das ganze Business überhaupt funktioniert und dass es möglich ist, den Traum eines Freeski-Pros zu leben. Und das wollte ich ja schließlich – das ganze Jahr auf Skiern stehen.

Angenommen, es wäre wider Erwarten doch irgendwie in die Hose gegangen. Hättest du einen Plan B gehabt?

Gute Frage. Bevor ich mein Leben komplett als Freeski-Pro finanzieren konnte, habe ich tatsächlich eine dreijährige Ausbildung als Landschaftsgärtner abgerissen. Also wer weiß... Vielleicht würde ich jetzt von Montag bis Freitag Natursteinmauern setzen und auf das nächste Wochenende warten, um wieder in den Schnee zu kommen.

Hat ja alles gut geklappt. Jetzt musst du aber auch die Kehrseite der Medaille akzeptieren, die dir einen extrem vollen Terminkalender beschert. Wie bekommst du neben der Freeride World Tour, Sponsorenterminen und deinen Filmprojekten deinen privaten Scheiß überhaupt noch gebacken?

Um ehrlich zu sein, ist das alles gar nicht so dramatisch, da sich die Freeride World Tour und „La Liste“ zeitlich nicht in die Quere kommen. Die angestrebten Gipfel meines Filmprojekts liegen alle über 4.000 Meter Höhe und sind somit überhaupt erst ab März befahrbar, also wenn der Schnee auf dem Eis zu haften beginnt. Zu dieser Zeit ist die FWT dann schon so gut wie gelaufen, und meine „zweite“ Wintersaison mit den Shootings kann losgehen.

©Tero Repo/Red Bull Content Pool ©Tero Repo/Red Bull Content Pool

Was ist mit deinen Sponsoren? Mit einem Steakhouse und einer Brauerei hast du zwei absolute Exoten in deinem Portfolio. Dieses kulinarische Duo hätte wahrscheinlich jeder Sportler gerne, der ein gegrilltes Stück Fleisch und ein kaltes Bier zu schätzen weiß.

Haha... Nein, die beiden Sponsoren haben nichts mit meinem Skisport zu tun. Sie unterstützen mich lediglich im Sommer, wenn ich mit dem Paraglider über die Alpen segle. Im Winter kann ich auf meine langjährigen Sponsoren Mammut, Scott und RedBull zählen, die es mir ermöglicht haben, so viele unterschiedliche Projekte wie zum Beispiel „La Liste“ zu realisieren.

Erzähle uns doch mal, was es mit deinem zweijährigen Projekt „La Liste“ auf sich hat.

Die Idee zu diesem Projekt existiert schon wirklich lange. Der Skisport wurde in den Alpen maßgeblich geprägt und hat großartige Geschichten zu erzählen. Als ich mich irgendwann für die Pioniere im Steilwandfahren und deren First Descents zu interessieren begann, ließ mich dieses Thema nicht wieder los. Irgendwann wurde mir klar, dass auch ich Teil dieser Geschichte bin und etwas erzählen will. Meiner Meinung nach hat sich nämlich Freeriden im Gegensatz zum Freestyle nicht maßgeblich weiterentwickelt. Die Evolution besteht doch darin, steilere Face in größerer Höhe so schnell wie möglich zu befahren. Und genau diese Entwicklung will ich mit „La Liste“ zeigen. Ich habe also eine Liste von 4.000ern zusammengestellt, die schon von Legenden wie Sylvain Saudan, Anselm Baud oder Jean-Marc Boivin befahren wurden. An diesen Hängen kann ich verdeutlichen, wo Freeriden mit dem aktuellen Material und unserem Verständnis für den Sport inzwischen steht.

©Mika Merikanto / Red Bull Content Pool / ©Mika Merikanto / Red Bull Content Pool /

Das hört sich sehr spannend an. Ich habe selber erst einmal googlen müssen: Es gibt genau 82 Gipfel in den Alpen, die die 4.000-Meter-Marke knacken. Irgendwie musstest du dich doch auf ein paar von diesen Kolossen beschränken, oder?

Ja klar! Ein großer Teil dieser Peaks ist überhaupt nicht befahrbar und fällt sofort aus dem Raster. Aus dem Rest haben wir uns natürlich die Gipfel herausgepickt, die aufgrund ihrer Historie, ihrer Schönheit und letztlich auch ihrer Steilheit die potentiellen Mitstreiter übertrumpfen. Glaub mir, ihr werdet einen Film sehen, der mit absolut beeindruckenden Aufnahmen die Freeride-Pioniere in den Alpen begleitet – und das über Jahrzehnte, von damals bis heute. Also ich vergleiche die Runs von damals mit denen, die Sam und ich in diese legendären Hänge schnitzen.

Jetzt rede nicht lang um den heißen Brei herum, erzähle uns lieber von deinem absoluten Highlight in „La Liste“!

Ich denk gar nicht dran. Schaut euch lieber den Film an! Ihr werdet es nicht bereuen, soviel kann ich versprechen.

"Glücklicherweise konnte ich meinen Sturz nach 15 Metern stoppen. Wenn ich vor dem steileren Part nicht zum Halten gekommen wäre, hätte die Sache wohl ein schlimmeres Ende genommen."

Komm schon, mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse. Magst du uns nicht mit einer kleinen Geschichte etwas anfüttern?

Also gut, aber nur weil ihr es seid und weil mir dieser Tag immer in Erinnerung bleiben wird. Am Nordost-Face des Grand Combin in den Walliser Alpen ging nämlich so einiges schief – was ich aber komplett auf meine eigene Kappe nehmen muss. Nachdem wir damals die Nacht im Base Camp verbracht hatten, machte ich mich zusammen mit meinem Buddy José auf den Weg nach oben. Anfangs lief auch alles nach Plan. Unten war der Hang ziemlich steil, flachte aber nach oben hin zunehmend ab. Nachdem wir diese steile Rampe hinter uns gebracht hatten und uns somit in etwas moderaterem Gelände befanden, entschied ich mich dafür, mit Skiern ein kleineres Eisfeld zu queren, um dann den Aufstieg auf der anderen Seite fortsetzen zu können. Da die Sonne in dem Face nicht für allzu große Probleme sorgen konnte, traute ich den Verhältnissen, stieg in die Bindung und fuhr los. Doch ich merkte schnell, dass das Eis unter mir recht unregelmäßig beschaffen war. Noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, poppte ich aus meiner Bindung und fing sofort an, nach unten zu rutschen. Glücklicherweise konnte ich meinen Sturz nach 15 Metern stoppen. Wenn ich vor dem steileren Part nicht zum Halten gekommen wäre, hätte die Sache wohl ein schlimmeres Ende genommen. Für diesen Tag war der Drop aber gelutscht, weil sich mein Ski Richtung Tal verabschiedet hatte und ich mit Pickel in der Hand zurück ins Base Camp abrutschen musste.

Nochmal Glück gehabt! Nachdem ihr eure Liste jetzt abgearbeitet habt: Bastelt ihr schon an einer neuen, oder was ist geplant?

Ich werde natürlich wieder bei der World Tour mitmischen. Vielleicht habe ich ja etwas mehr Glück und stehe am Ende auf dem Treppchen. Neben der FWT möchte ich noch ein paar Ideen verwirklichen, die schon ewig in meinem Kopf herumspuken. Jetzt Details zu verraten, wäre aber definitiv noch zu früh, weil dieses Projekt noch in den Kinderschuhen steckt.

©Dom Daher / FWT ©Dom Daher / FWT

Geht es womöglich wieder auf das Dach der Welt? Sam Anthamatten hat uns letztes Jahr in einem Interview erzählt, dass sich der Himalaya zum nächsten Freeride-Hotspot entwickeln könnte.

Sam ist Teil von „La Liste“ – und klar hat er recht. Genau aus diesem Grund haben wir uns letzten Sommer den Himalaya genauer angesehen. Erst kürzlich hat mir Sylvain Saudan erzählt, dass er schon vor 50 Jahren ähnliche Ambitionen hatte: Skifahren in Regionen zu transferieren, in denen die Berge doppelt so hoch sind wie die Alpen. Wenn du seinen abenteuerlichen Erzählungen lang genug zuhörst, willst du sofort in den nächsten Flieger nach Kathmandu steigen. Unglücklicherweise ist Freeriden in dieser Höhe und diesem Gelände nicht gerade einfach. Darum habe ich für mich persönlich beschlossen, dass mir noch die nötige Erfahrung und das Training in dieser Höhe fehlen, um mich wirklich an ernsthafte Lines im Himalaya heranzuwagen.

Was nicht ist, kann ja noch werden. Lass uns nochmal auf die Tour zurückkommen. In den letzten drei Jahren wurdest du als einer der absoluten Titelaspiranten gehandelt, hast den Thron aber leider stets knapp verfehlt. Auch weil du immer volles Risiko gegangen bist, und die Judges bei Stürzen oder Unsauberkeiten kein Auge zudrücken konnten. Letztes Jahr musstest du dich durch deinen Sturz in Chamonix bereits nach dem zweiten Tourstopp von deinen Titelträumen verabschieden. Mit einem Crash hat man bekanntlich kaum mehr eine Chance auf den Gesamtsieg. Gehst du die kommende Saison etwas zarter an oder trittst du das Gaspedal wieder bis auf Anschlag?

Eigentlich weiß jeder, der auf der Tour auf den Sieg in der Gesamtwertung hofft, dass er nur eine einzige Strategie verfolgen kann: Vollgas, aber ohne Abflug! Ich sehe Freeriden im Grunde genommen recht simpel und nicht als exakte Wissenschaft. Schon alleine die Tatsache, dass du der beste Rider sein kannst und doppelt so viel trainiert hast wie der Rest, schützt dich nicht vor Stürzen. Ein kleiner Prozentsatz lässt sich in unserem Sport einfach nicht kontrollieren. Genau aus diesem Grund werde ich auch meinem radikalen Stil treu bleiben – auch weil es mir eben genau so am meisten Spaß macht.

"Oh Mann, die Nachrichten über ihren Verlust haben mich wirklich zutiefst erschüttert. Nachdem ich von Estelles Tod erfahren habe, war es alles andere als einfach, mich auf meine Performance beim Filmen zu konzentrieren."

Wir möchten deine Highspeed Lines auf der Tour auch keinesfalls missen. Mit welchen Gefühlen gehst du, abgesehen vom sportlichen Aspekt, in die neue Toursaison? Mit Estelle Balet und Matilda Rapaport hat der Freeridesport letztes Jahr zwei seiner Aushängeschilder verloren, die beide in Lawinen ums Leben gekommen sind.

Oh Mann, die Nachrichten über ihren Verlust haben mich wirklich zutiefst erschüttert. Nachdem ich von Estelles Tod erfahren habe, war es alles andere als einfach, mich auf meine Performance beim Filmen zu konzentrieren. Immer wenn ich auf meinen Skiern stand, musste ich an sie denken. Und dann erwischte es auch noch Matilda! Es ist äußerst hart zu realisieren, dass diese beiden talentierten Sportler und Freunde von mir so kurz nacheinander tödlich verunglückt sind. Ohne die beiden wird die Tour sicherlich nicht mehr dieselbe sein.

https://www.youtube.com/watch?v=NMg32sTrmEM

Uns hat der Verlust der beiden Mädels auch ganz schön mitgenommen. Ein Grund mehr, darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Prävention und die richtige Einschätzung der aktuellen Lawinensituation sind. Selbst du als absoluter Profi beschäftigst dich jedes Jahr intensiv mit dieser Problematik und besuchst Lawinencamps.

Stimmt genau! Ich bin mir sicher, dass kontinuierliches Üben dazu führt, in Notsituationen sein Handeln reflexartig abrufen zu können. Leider denken viele, dass allein die Lawinenausrüstung genügt, um mehr oder weniger unverwundbar zu sein. Was diese Freerider aber nicht berücksichtigen ist die Tatsache, dass die zerstörerische Kraft einer Lawine vor nichts Halt macht. Nur mit Wissen kann man sich vor dieser Naturgewalt schützen. Aus diesem Grund gebe ich allen Einsteigern immer wieder den Rat, sich mit der kompletten Materie auseinanderzusetzen und sich über die Berge so viel Wissen wie nur möglich anzueignen. Der Lernprozess kann euch vor gefährlichen Situationen oder gar dem Verlust eines Freundes bewahren. Beinahe überall werden inzwischen Lawinencamps angeboten – viele von diesen sind sogar kostenlos. Ausreden, wieso du immer noch keinen dieser Kurse besucht hast, zählen also nicht mehr.

Pass jedenfalls auf dich auf! Vielen Dank für das Interview und tritt der Konkurrenz bei der FWT gehörig in den Arsch.



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