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Christian Welp bei der Europameisterschaft 1993
Christian Welp (r.) wurde 1993 bei der Europameisterschaft zum MVP gewählt © SPORT1/Imago

Der Tod von Christian Welp bewegt alle Basketballinteressierten hierzulande. Denn Welp sicherte den größten Erfolg in der deutschen Basketball-Geschichte. Der stellvertretende Chefredakteur von SPORT1, Alexander Wölffing, war an jenem Tag live dabei und erinnert sich.

Wenn die traurige Nachricht des Todes eines Menschen eintrifft, dann tauchen unwillkürlich die prägendsten Bilder zu diesem Menschen auf. Mal sind es viele, mal ist es nur eines. Bei Chris Welp ist es eines, das jeder Basketballfan in Deutschland kennt und liebt, das auch Dirk Nowitzki sehr emotional beschreiben kann:

Chris Welp stopft den Ball am 4. Juli 1993 in der Münchner Olympiahalle 3 Sekunden vor Ende des Europameisterschafts-Finales gegen Russland in den Korb und im Jubel der Zuschauer pfeifen die Schiedsrichter auch noch Foul gegen Russland. Es steht 70:70 - und Chris Welp darf sogar noch an die Freiwurflinie. 3 Sekunden vor Spielende.

Der 4. Juli 1993 ist der größte Tag in der Geschichte einer deutschen Basketball-Mannschaft. Ich durfte diesen Moment in der Olympiahalle miterleben. Diese Tage wären heute undenkbar: Ereignisse im Basketball waren damals gewiss keine nationalen Events, es gab selbst im Finale keine VIP-Reihe oder Sponsorenlogen. Dass die Münchner Halle bei diesem EM-Finale im eigenen Land überhaupt ausverkauft war, lag kurzfristig daran, dass ein lokaler Sponsor zusammen mit dem Deutschen Basketball-Bund nach dem Erreichen des Finales zwei Tickets zum Preis von einem verkaufte.

Chris Welp schaffte also auf Zuspiel von Kai Nürnberger den Ausgleich zum 70:70 gegen Russland, er verwandelte auch den Freiwurf zum 71:70. Und so schnell die Sportart auch ist, so ewig kamen einem die folgenden 3 Sekunden vor. Die Russen hatten den Ball, warfen ihn nach vorne - zu dem Korb hinter dem ich stand - und ein russischer Spieler versuchte aus knapp 8 Metern sein Glück. Diese Sekundenbruchteile, bis klar war "Der Ball geht nicht rein, das Spiel ist aus, Deutschland ist tatsächlich Europameister"  dauerten gefühlt Minuten!

Und der Held des Sieges? Er wurde nicht durch die Halle getragen. Wie auch: Chris Welp war weg! Er war sofort in die Kabine gerannt und genoss den Triumph alleine und im Stillen. So wie er es auch nach dem Viertelfinale getan hatte. Beim sensationellen Overtime-Sieg gegen Spanien hatte Welp mit der Schlusssirene den entscheidenden Wurf versenkt und war danach unauffindbar.

Chris Welp war der wertvollste Spieler der EM 1993 - ganz offiziell wurde er zum MVP gewählt. Dabei hing seine Teilnahme am seidenen Faden. Welp, der nach Detlef Schrempf der zweite deutsche NBA-Profi war, wäre beinahe aus dem Kader geflogen. Bundestrainer Svetislav Pesic zog diesen Schritt in Erwägung, nachdem Welp nicht pünktlich zu einem Lehrgang erschienen war. Doch die Mannschaft um Mike Koch, Hansi Gnad, Henning Harnisch, Mike Jackel, Henrik Rödl, Gunther Behnke und Stephan Baeck sprach sich für Welp aus - aus gutem Grund. Er war der erfahrenste Spieler des Teams - ein ruhiger, kühler Norddeutscher, eben sportlich positiv: cool.

Chris Welp ging seine eigenen Wege: in der Vorbereitung, im Moment des größten Triumphes und auch später. Welp lebte mit seiner Familie in den USA. Und zum Klassentreffens 2013 anlässlich des 20jährigen Jubiläum des EM-Titels reiste er nicht an. Einhellige Meinung im Team: "So isser, der Chris!" Auch typisch: Nach dem 93er-Finale sagte er über die berühmte Szene ehrlich: "War kein Foul, aber nimmt man ja gerne mit."

Zur traurigen Todesnachricht von Chris Welp sind es nach ein paar Minuten also schnell ganz viele Bilder. Der Basketball in Deutschland hat ihm mehr als nur seinen größten Abend zu verdanken!

Christian Welp im Stenogramm:

Name: Christian Welp
Geboren am: 2. Januar 1964 in Delmenhorst
Gestorben am: 1. März 2015
Größe: 2,12 m
Klubs: Washington Huskies/NCAA (1983-1987), Philadelphia 76ers (1987-1989), San Antonio Spurs (1989/1990), Golden State Warriors/alle NBA (1989/1990), Bayer Giants Leverkusen (1991-1996), 1996/97 Olympiakos Piräus/Griechenland, Alba Berlin 1997/98, Viola Reggio Calabria/Italien (1998/99)
Länderspiele: 106
Erfolge: Europameister 1993, Europapokalsieger der Landesmeister 1997 (mit Piräus), deutscher Meister 1991-1996 (mit Leverkusen) und 1998 (mit Berlin), Pokalsieger 1991, 1993, 1995 (mit Leverkusen)

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