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Crailsheim Merlins-Schneechaos-Grafik
Die Crailsheim Merlins verpassten das Auswärtsspiel in Hagen wegen des Schneechaos © SPORT1

München - Wetterkapriolen zwingen Crailsheim zur Improvisation - vergeblich. Trainer Enskat widerspricht dem Vorwurf mangelnder Professionalität.

Dieses Bild dürfte allen Beteiligten noch lange im Gedächtnis bleiben.

Plötzlich stapften mitten auf der A6 mehr als ein Dutzend Zwei-Meter-Hünen durch den Schnee an den wartenden Autos und deren erstaunten Insassen vorbei. Ein Basketball-Team aus der Beko BBL mitten auf der Autobahn - auf der Suche nach einem Ausweg aus dem drohenden Schlamassel.

Was den Crailsheim Merlins auf dem Weg zur Auswärtspartie bei Phoenix Hagen widerfuhr, stellt ein kurioses Novum in der Geschichte des deutschen Basketballs dar.

Die Partie des 15. Spieltags musste abgesagt werden, sie wurde mit 0:40 gegen die Schwaben gewertet - ein erheblicher Rückschlag im Abstiegskampf (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle). Eine letzte Hoffnung bleibt.

LKW legt Verkehr lahm

Auf dem Weg zur Auswärtspartie ins 414 Kilometer entfernte Hagen fielen die Merlins den einsetzenden Wetterkapriolen zum Opfer.

Der Mannschaftsbus des Tabellenschlusslichts steckte nach einer Vollsperrung wegen des Wintereinbruchs fast sechs Stunden auf der Autobahn fest. Die Folge: Der Aufsteiger verpasste den Tip-Off um halb Sieben abends, die Partie wurde abgesagt.

"Das Hauptproblem war, dass nach etwa einer halben Stunde unmittelbar vor uns ein LKW in die Leitplanke gekracht ist und komplett quergestanden hat. Daher musste die Polizei die Autobahn für zwei Stunden komplett sperren", schildert Trainer Ingo Enskat im Gespräch mit SPORT1.

"Da es während der Bergung dann auch noch angefangen hatte, stark zu schneien, wurde im Anschluss die Autobahn für weitere zwei Stunden nicht von der Polizei freigegeben."

Zu Fuß zur Ausfahrt

Dabei hatten die Verantwortlichen alles versucht, selbst ein zwischenzeitlicher Fußmarsch stand auf dem Programm.

"Wir haben dann Kleinbusse organisiert, die uns an der nächsten Ausfahrt abholen sollten. Um die zu erreichen, sind wir mit den Spielern eineinhalb Kilometer durch den Schnee gestapft", erzählt Enskat.

Die Starting Five fuhr mit dem ersten Minibus voraus. In der höchsten Not halfen: die Frauen. Tochter und Gattin des stellvertretenden Abteilungsleiters Joachim Wieler hatten die Vans schnellstmöglich an die Autobahnausfahrt gefahren: "Wir haben dann sogar nochmal die Fahrtroute geändert, aber irgendwann war es einfach nicht mehr zu schaffen."

Pommer übt scharfe Kritik

Eine Meinung, die Jan Pommer offenbar nicht teilt. "Professionalität heißt: vorbereitet. Diese Vorbereitung hat hier nicht stattgefunden. Das ist betrüblich und sehr ernüchternd", kritisierte der Geschäftsführer der Beko BBL. Ein Vorwurf, den Enskat so nicht stehen lassen will.

"Wir sind neun Stunden vor dem Spiel losgefahren, was sehr großzügig geplant ist. Wir sind wegen des Winters extra nochmal eine weitere Stunde früher gestartet. Im Bus war vom Zeitpunkt des Unfalls an wirklich Hochbetrieb" sagt der gebürtige Bremer, der im November das Amt des Cheftrainers übernahm und seither in Doppelfunktion als Sportlicher Leiter und Coach an der Seitenlinie agiert.

"Telefonate mit der Ligaleitung wurden geführt und das Vorgehen abgestimmt. Wir haben gleichzeitig auch die Fahrpläne der Bahn gecheckt um vielleicht mit dem Zug nach Hagen zu kommen", meint er.

Bitterer Rückschlag

Doch am Ende half alles nichts, die Fans in der Halle mussten enttäuscht nach Hause gehen, die Punkte blieben in Hagen (STENOGRAMME: Der 15. Spieltag).

Es ist ein bitterer Rückschlag im Abstiegskampf. Nur zwei Siege schlagen zu Buche, Hagen gilt als direkter Konkurrent. Zusätzlich wird der mutmaßliche Verursacher eines Spielausfalls kräftig zur Kasse gebeten. Es drohen bis zu 50.000 Euro Strafe. Eine empfindliche Summe für einen Aufsteiger mit einem geschätzten Etat von 1,5 Millionen Euro.

Protest gegen die Spielwertung

Doch noch gibt es Hoffnung. Crailsheim wird gegen die Spielwertung Protest einlegen.

"Es wird jetzt viel um die Interpretation gehen, wie das Ganze rechtlich ausgelegt werden kann und muss. Ich verlasse mich darauf, dass unsere Leute alle Möglichkeiten und Optionen durchgehen", erklärt Enskat bei SPORT1 das anstehende Prozedere: "Es ist ja eine ganz neue Situation, die jetzt entschieden wird und bei der natürlich unterschiedliche Interessen aufeinander treffen."

An einen Nachteil aufgrund eventuell mangelnder Reputation glaubt er nicht: "Die Liga wird mit Sicherheit eine vernünftige Entscheidung treffen und ich glaube nicht, dass dabei der Stellenwert von einem Topverein oder einem kleineren Klub ausschlaggebend sein wird."

Am morgigen Dienstag soll voraussichtlich die Entscheidung fallen - das Bangen der Merlins geht weiter.

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