vergrößernverkleinern
2014 NBA D Santa Cruz Warriors Media Day Images
Mitchell Watt ist seit 2012 Profi in Europa und spielte für zwei Klubs in Israel © Getty Images

München und Berlin - Am College ist die Karriere von ALBA-Zugang Mitchell Watt fast zu Ende. Seine Nervenkrankheit verheimlicht der Modellathlet damals. SPORT1 stellt den Kämpfer vor.

Nur schnell die Treppen hoch, doch die Schritte werden immer schwerer. Die Beine werden sauer, die Kräfte lassen nach.

Ein Gefühl, das viele Menschen früher oder später ereilt.

Wenn aber nach einem Treppenabsatz der Körper komplett versagt, die letzten Stufen nur auf allen Vieren zu bewältigen sind und die Beine nicht mehr gehorchen, dann sind Körper und Geist in Alarmbereitschaft.

"Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche"

"Dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche war sehr beängstigend. Vor allem als Sportler, der sich auf seine Athletik und seine Kraft verlassen muss", beschreibt ALBA Berlins Neuzugang Mitchell Watt die wohl schwersten Minuten – und Treppen – seines Lebens im Gespräch mit SPORT1.

Der 25-Jährige erkrankte vor seinem zweiten College-Jahr (2009) bei den Buffalo Bulls am Guillain-Barre-Syndrom, einer Nervenkrankheit, bei der es zu entzündlichen Veränderungen des peripheren Nervensystems kommt.

Hauptsymptome dieser Krankheit: Lähmungen, beginnend in den Beinen. Auf der Treppe in Buffalo hat Watt dieses Wissen nicht. Seine Beine funktionieren einfach nicht mehr.

"Ich wollte Antworten, sofort", blickt der Power Forward zurück. Im Krankenhaus bekommt er sie zunächst nicht, muss zeitweise sogar im Rollstuhl sitzen und hat letztlich Glück, dass sein Trainer einen guten Neurologen als Freund hat.

Heftige Diagnose

Doch auch der zweite Arzt hatte keine frohe Kunde, zumindest aber eine Diagnose: Guillain-Barre-Syndrom.

"Die Ärzte verwendeten dieses ganze Fachchinesisch und am Ende hieß es, ich werde vielleicht keinen Sport mehr machen", so Watt und verrät sein Lebensmotto: "Ich versuche dem Leben mit Humor zu begegnen, wollte die Diagnose nicht hinnehmen. Ärzte wissen viel, aber sie wissen nicht alles."

Von all dem bekommen die Fans und Journalisten in Buffalo nichts mit.

Watt kämpft sich stillschweigend durch die Offseason und kehrt trotz einer sehr mühsamen Reha zurück aufs Feld.

"Musste das Gehen wieder lernen"

"Ich musste das Gehen wieder lernen. Die Reha war nicht körperlich schmerzhaft, es war eine mentale Herausforderung, sehr frustrierend. Mein Nervensystem reagierte unglaublich langsam. Mein Hirn wollte los, gab die Impulse, aber mein Körper konnte es nicht umsetzen."

Die Statistiken bleiben im Sophomore-Jahr nicht überraschend mäßig, die Kritiker werden lauter, aber Watt behält seine Erkrankung für sich.

"Ich mag keine Ausreden. Wenn ich auf dem Platz stehe, dann gebe ich alles. Und die Erkrankung wäre eine gute Ausrede für eine schlechte Leistung gewesen", erklärt Watt sein Handeln.

Aber nach und nach funktioniert der Körper des 2,08-m-Modellathleten wieder und die Zahlen schießen für die Bulls, für die übrigens auch Bambergs Center Yassin Idbihi (2003-2007) auf dem Parkett stand, in den Himmel.

Enttäuschende Summer League

Mit 16,3 Punkten, 7,3 Rebounds und 2,2 Blocks empfiehlt sich Watt für den NBA-Draft, doch kein Team hat Interesse am Spieler des Jahres in der MAC-Conference des Jahres 2012.

Der Umweg über die Summer League bleibt ebenfalls erfolglos, auch wenn es 2012 bei den Memphis Grizzlies und an der Seite von Bayern-Rückkehrer Deon Thompson gut läuft.

Zwei Engagements in Israel, drei weitere Enttäuschungen in der Summer League und einen Cut wenige Tage vor NBA-Start bei den Golden State Warriors später sitzt Watt also in einem Berliner Kaffee und wirkt trotzdem zufriedener denn je.

"Berlin ist ein absolutes Top-Team, alles ist sehr professionell. Der Verein kümmert sich sehr, es wird viel Wert auf das Gemeinschaftsgefühl gelegt. Ein riesen Unterschied zu Israel", spult Watt das bekannte Neuzugang-Gerede ab - mit einem kleinen Unterschied.

Es wirkt ernst gemeint.

Austausch mit Coach Obradovic

Watt ist offen, erkundete sofort die Stadt und verhält sich trotz seiner 25 Jahre relativ erwachsen. Der US-Profi ist mit seiner Frau nach Berlin gekommen, die ihm auch in Israel bei Ironi Nes Ziona den Rücken frei gehalten hat.

Die Hauptstadt hat Watt auf einer nächtlichen Erkundungstour aus Ermangelung an Nahrungsmitteln und der Suche nach einem Restaurant schon gut kennengelernt, und auch mit ALBA-Coach Sasa Obradovic gab es vor dem ersten Saisonspiel gegen Ulm (20 Uhr im LIVETICKER) bereits einen sehr intensiven Interessenaustausch.

"Er ist ein sehr schlauer Typ und testet die Grenzen seiner Spieler ständig aufs Neue. Vor allem mental", beschreibt Watt den emotionalen Serben mit breitem Grinsen: "Er hat ein gewisses Bild vor Augen, wie er sich Basketball vorstellt - und langsam gleichen sich unsere Bilder an."

Obradovic wird das Intensitätslevel wie immer hoch halten und Watt weiß: "ALBA hat einen Kader zusammengestellt, der durch die ständige Herausforderung wachsen soll."

Für einen Menschen, der es aus dem Rollstuhl zurück in den Profisport geschafft hat, dürften sogar Obradovic' Ansprüche machbar erscheinen.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel