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Marco Baldi baute ALBA Berlin 1990 aus der BG und dem DTV Charlottenburg auf

Berlin - Manager Marco Baldi erklärt bei SPORT1, was bei ALBA Berlin anders als beim FC Bayern ist und warum er keinen Neid hegt.

Seit ALBA Berlin nicht mehr von zu erringenden Titeln spricht, holt der einstige Abomeister wieder welche.

2012 und 2013 den Pokalsieg, nun wie im vorigen Jahr den Champions Cup - auch wenn viele Beteiligte das vorsaisonale Duell zwischen Meister und Pokalsieger eher als Härtetest vor dem Auftakt der Beko BBL am Donnerstag interpretieren.

Dennoch: Ein Ausrufezeichen war der überlegene Erfolg der Berliner gegen den Topfavoriten FC Bayern allemal.

Ohnehin will Geschäftsführer Marco Baldi, der seit der Gründung der Kopf von ALBA ist und von 1996/97 bis 2002/03 sieben Jahre in Folge ein Meisterteam aufbaute, sich weder ducken noch neidisch nach München schauen.

Im ausführlichen SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige über die Unterschiede zwischen den Albatrossen und dem neuen FC Bayern, seinen Vorstoß für den Münchner Profibasketball, vermeintliche Seitenhiebe und die Erwartungshaltung in Berlin.

SPORT1: Herr Baldi, wie gut ist der Berliner Kader im Vergleich zur vorigen Saison aufgestellt?

Marco Baldi: Wir sind sehr jung, was den Vorteil hat, auch hungrig, begeisterungsfähig und lernwillig zu sein. Der Nachteil ist, dass es wesentlich schwieriger ist, sich aus Schwächeperioden herauszukämpfen. Wir müssen sehen, wie wir mit Niederlagen umgehen. Wir haben weder die Qualität noch die Erfahrung im Kader wie Bamberg oder Bayern. Dem müssen wir eine enorme Geschlossenheit und Intensität entgegensetzen. 

SPORT1: Mit Alex Renfroe und Marko Banic kamen aber kurz vor Saisonstart noch namhafte Verstärkungen. Wie weit musste sich ALBA dafür aus dem Fenster lehnen?

Baldi: Wir mussten noch mal ins Portemonnaie greifen, auch wenn Verletzungsausfälle teilweise versichert sind. Durch erfolgreiche Spiele und infolgedessen größeren Zuschauerzuspruch werden wir das wieder reinholen.

SPORT1: Ist der Spielraum für weitere Nachverpflichtungen während der Saison ausgereizt?

Baldi: Ich denke schon. Aber wir sind in der vorigen Saison ganz ohne Nachverpflichtungen ausgekommen. Und Jonathan Tabu (Sehnenabriss im Brustmuskel, d. Red.) kommt ja irgendwann zurück.

SPORT1: Sie gehen in die dritte Saison nacheinander, in der ein Titel nicht ausdrücklich als Ziel formuliert ist. Wie kommt das in Berlin an?

Baldi: Es hat viele Jahre gedauert, bis in Berlin klargeworden ist, dass sich die Gewichte in der Liga verändert haben. Und zwar nicht erst seit zwei Jahren oder, wie viele denken, durch Bayern München, sondern auch vorher schon. Die Liga ist wirtschaftlich extrem gewachsen.

SPORT1: Wie macht sich das bemerkbar?

Baldi: Spieler wie Carlon Brown und Trevor Mbakwe waren von Maccabi Tel Aviv - dem Euroleague-Champion - umworben und sind trotzdem in Bamberg gelandet. Ein Maarten Leunen spielt jetzt in Ulm, genau wie Boris Savovic. Dass sich die Bayern sich den vorige Saison leisten konnten, haben viele noch verstanden... Das ist eine positive Entwicklung, die es uns leichter macht, uns zu erklären. Wir haben das vier, fünf Jahre in den Berliner Wald gerufen, und es hat keiner gehört. Da hieß es immer nur: 'ALBA nicht Meister? Alles Dreck!' Das ist nun einer realistischeren Einschätzung gewichen.

SPORT1: Wie lauten also Ihre Ziele für 2014?

Baldi: Wir wollen alles versuchen, um in die Playoff-Halbfinals zu kommen. Angesichts unserer Strukturen und unseres Budgets glauben wir auch, dass wir da hingehören. Und wir wollen, was sehr ambitioniert ist, unter die Top 16 in Europa kommen.

SPORT1: Beneiden sich den FC Bayern und die Brose Baskets um ihre höheren Etats?

Baldi: Überhaupt nicht. Ich zeige nicht auf die Anderen und mache sie dadurch groß. Das brauchen wir gar nicht. Unser Ziel muss es sein, da auch hinzukommen, aber auf unserem Weg. Wir haben keinen Fußballklub im Rücken, und das meine ich gar nicht negativ, und wir haben auch keinen Mäzen, der es wissen will und große Veränderungen vornimmt.

SPORT1: Wie sieht Ihr Weg aus?

Baldi: Der Anteil unseres Hauptsponsors liegt zwischen 15 und 20 Prozent. Wir leben vom Markt, und deswegen haben wir beispielsweise auch in China investiert, und irgendwann, in diesem Falle erfreulich früh, kann man dann etwas Zählbares ernten. So arbeiten wir. Aber ich sage dass ohne Missgunst und nicht als Seitenhieb, denn je mehr Mittel in den Basketball fließen, desto stärker wird der Wettbewerb. Auch in Bamberg oder München fällt das Budget nicht vom Himmel, alle arbeiten dafür.

SPORT1: Gebührt dem FC Bayern also Dank dafür, dass er den Markt kräftig ankurbelt?

Baldi: Nein. Ich glaube, beim FC Bayern haben sich Sportprofis sehr genau angeschaut, wann und warum sie in Basketball einsteigen. Mitte der 90er-Jahre war ich selbst mal mit einer Delegation in München und habe vorgesprochen, ob es möglich wäre, Basketball auf eine professionelle Ebene zu heben, um diese Hebelwirkung zu erzielen, die damals noch viel stärker gewesen wäre. Nun haben die Bayern gesehen, dass Basketball eine globale Sportart ist und sich die Liga sehr, sehr gut entwickelt hat. Dass sie seither der Liga noch mal einen Schub gegeben haben - keine Frage.

SPORT1: Wie sehen Sie die Chancen, dass ALBA da mittelfristig finanziell konkurrieren kann?

Baldi: Für uns ist es wichtig, auch in 25 Jahren noch da zu sein. Wir haben viele kommen und gehen gesehen. Jeder muss selbst wissen, wie er sein Terrain nutzt und seine Mittel investiert. Wir stecken an die 15 Prozent in unser Jugendprogramm, und müssen natürlich zusehen, dass die Spieler, die wir da entwickeln, auch bei uns landen. Ich hoffe, dass der FC Bayern nicht nur für die Marke und die Öffentlichkeit arbeitet, sondern auch eine große Abteilung aufbaut. Wir können nur ernsthaft wachsen, wenn wir Kinder zum Basketball bringen. Und da haben die Bayern mit ihrer Strahlkraft hervorragende Möglichkeiten.

SPORT1: Was kann sich der FCB von ALBA abschauen?

Baldi: Ich bin kein Ratgeber. Es gibt ja viele handelnde Personen bei Bayern, die bei uns waren und unser Programm in- und auswendig kennen. Sie müssen entscheiden, was für Bayern das Beste ist. Das würde ich mir niemals anmaßen.

SPORT1: ALBA feiert sein 25-jähriges Bestehen, Vorstandschef Axel Schweitzer hat Zweifel, dass die Münchner ähnlich nachhaltig arbeiten. Glauben Sie, dass der FCB in 25 Jahren noch ein Big Player im Basketball ist?

Baldi: Ich hoffe es.

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