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Sasa Obradovic trainiert seit 2012 ALBA Berlin
Sasa Obradovic trainiert seit 2012 ALBA Berlin © getty

München - ALBA Berlin legt dank Coach Sasa Obradovic eine famose Saison aufs Parkett. Niels Giffey erklärt das serbische Trainerphänomen.

Tradition verpflichtet. Acht Meistertitel, sieben davon in Serie - das kann außer ALBA Berlin nur Ex-Gigant Bayer Leverkusen vorweisen.

Doch solch imposante Erfolge können auch zum Mühlstein am Hals eines ganzen Klubs werden, wenn die Gegenwart mit der Vergangenheit nicht mithalten kann.

Berlin musste diese Erfahrung nach der letzten Meisterschaft (2008) und dem Pokalsieg (2009) schmerzhaft erleben. Die Brose Baskets Bamberg zogen auf der linken Spur vorbei und feierten Erfolge am Fließband.

Gleichzeitig entschied der FC Bayern München, ein Basketball-Projekt ohne Kompromisse auf die Beine zu stellen.

Nicht arm, aber auch nicht sexy

Nach dem Meistertitel der Bayern 2014 mit fünf Berliner Überläufern (insgesamt sogar 7 Ex-Albatrosse) im Dress des FCB musste sich ALBA schließlich eingestehen: Berlin ist zwar nicht wirklich arm, aber eben auch nicht mehr sexy.

Doch in dieser Saison läuft der Hase in der Hauptsatdt wieder anders. Zwölf Siege in Serie, ungeschlagener Tabellenführer in der Beko BBL.

Die Top16-Runde der Turkish Airlines Euroleague vor dem Spiel gegen Limoges CSP (ab 20.10 Uhr LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM) ist zum Greifen nah.

Ein Saisonstart nach Maß.

Der Pokalsieger der letzten zwei Spielzeiten muss finanziell zwar etwas kleinere Brötchen als in den vergangenen Jahren backen, dem sportlichen Erfolg tut dies aber keinen Abbruch.

Bei SPORT1 erklärt ALBA-Neuzugang und College-Champion Niels Giffey den beeindruckenden Start der Berliner.

"Die Defense bringt uns die Siege, darauf basiert bisher unser Erfolg", sagt der gebürtige Berliner und präzisiert: "Alle finden sich im System von Coach Obradovic wieder. Die Mannschaft ist tief besetzt, und charakterlich sind das alles klasse Typen."

Champion als Spieler und Trainer

Ein verschworene Gemeinschaft, die sich letzte Saison im Liga-Finale mit 1:3 in der "Best-of-Five"-Serie gegen Bayern geschlagen geben musste.

Ein Rückschlag, der für den ehrgeizigen Head Coach Sasa Obradovic nur schwer zu schlucken war.

Sasa Obradovic konnte mit dem Auftritt seiner Mannen zufrieden sein
Sasa Obradovic wurde 1997 als Spieler Deutscher Meister mit ALBA Berlin © Getty Images

Aber der Serbe war und ist ein verbissener Wettkämpfer. Ein Champion als Spieler und Trainer, unnachgiebig und immer fordernd - bis der Erfolg sich einstellt.

"Er erwartet von uns höchste Professionalität und investiert dabei natürlich auch selbst sehr viel. Das ist sein Weg. Davon fühlt man sich mitgezogen", erklärt Giffey die Arbeitsweise seines Coaches: "Physisch und mental werden wir von ihm voll gefordert. Er lässt keine Entspannung zu, Komfort-Zone ist bei uns verboten."

Obradovic gönnt sich auch selbst keine Entspannung, gerade während der 40 Minuten eines Spiels.

Ganzkörpereinsatz an der Linie

Jeder Spielzug, jeder Korberfolg, aber auch die Fehler werden mit jeder Faser des Körpers mitgelebt.

Der Ganzkörpereinsatz des 45-Jährigen führt manchmal sogar dazu, dass sich die eigenen Spieler Sorgen um ihn machen.

"Er sagt ja selbst, dass er es wahrscheinlich nicht bis 80 schaffen wird. Aber das ist nun mal der Weg, den er lebt und der ihn letztlich auch zum Erfolg führt", beschreibt der Nationalspieler die teils grotesken Verrenkungen, die Obradovic am Spielfeldrand aufführt.

Es scheint fast so, als ob er im Geiste immer noch mitspielt. So wie 1995, als Obradovic die Berliner zum Gewinn des Korac Cup führte.

Viele Titel sollten folgen: Welt- und Europameister mit Jugoslawien, das Double mit ALBA als Spieler, Meisterschaften und Pokalsiege als Coach im In- und Ausland.

Giffey (Mitte), Cliff Hammonds (l.) und Kapitän Alex King

Diese Erfahrung gibt er jetzt an seine junge Mannschaft weiter und hat einen klaren Ansatz.

"Er lässt nicht zu, dass wir nur durch individuelle Klasse gewinnen, sondern auch durch seine Systeme, die wir kreativ umsetzen. Wir sollen das Spiel lesen und nicht nur Einzelaktionen abliefern", sagt Giffey.

18,3 Assists pro Spiel, fast 90 Punkte im Schnitt und ein exzellente Dreierquote garantieren eine gut geölte Offensive, doch hier liegt noch nicht der Unterschied zum großen Rivalen aus dem Süden der Republik.

In der Defense die Nase vorn

Bayern kommt auf fast identische Werte, doch in der Defense haben die Berliner die Nase deutlich vorn.

Im Gegensatz zu den Münchnern (77,7) lassen die Albatrosse nur 70,5 Punkte des Gegners zu. Teambasketball über alles, doch ein Spieler ist nach Ansicht Giffeys trotz des tiefen Kaders unverzichtbar: Cliff Hammonds.

"Er ist das absolute Paradebeispiel für unser Team", hebt der zweimalige College-Champion den besten Verteidiger der vergangenen Saison hervor.

Und selbst nach Erfolgen wie im Champions Cup, als sich ALBA mit 76:68 direkt bei den Bayern für die Finalschlappe revanchierte, erhält Obradovic den Druck aufrecht.

"Er lässt nie locker. Dass durchzuziehen, ist bestimmt auch für ihn nicht einfach. Er hat jeden Tag 15 erwachsene Männer vor sich, die er eigentlich ständig disziplinieren muss", so Giffey.

Nach vier Jahren bei den Connecticut Huskies ist Disziplin kein Problem für den Berliner, sein erster Coach am College steht in der Schleifer-Skala sogar noch über Obradovic.

Teamchemie auf sehr hohem Niveau

"Jim Calhoun, eine echte Trainer-Legende in den USA, war noch ein bisschen tougher als Obradovic. Der hat einen als 18-Jähriger schon ziemlich hart rangenommen."

Disziplin und Härte ja, aber nur gepaart mit Zusammenhalt. Und so sieht Giffey die Teamchemie trotz der späten Neuzugänge von Marko Banic und Alex Renfroe auf einem sehr hohen Niveau.

Auf eines könnte der 23-Jährige aber trotzdem verzichten.

"Also ich glaube nicht, dass ich mit Obradovic in den Urlaub fahren will", stellt er trocken fest und muss dann doch laut loslachen: "Wobei das wahrscheinlich der einzige Zeitpunkt ist, an dem er abschalten kann."

Soweit muss Giffey ja vorerst auch gar nicht gehen. Eine verlängerte Meisterfeier auf den Partymeilen der Hauptstadt wäre schon ein Anfang.

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