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Niels Giffey (59) ist gebürtiger Berliner - und auf dem Parkett Dreierspezialist © Getty Images

Gegen Galatasaray (LIVE ab 20.55 Uhr) geht es für ALBA Berlin in der Euroleague ums Viertelfinale. Nationalspieler Niels Giffey spricht über die Herausforderung in Europa, seinen feurigen Coach Sasa Obradovic und Lernen von Dirk Nowitzki.

Von Johannes Hübner und Julian Galinski

Die Chance ist riesig - die Ausgangslage jedoch schlecht.

Vor dem Euroleague-Spiel gegen Galatasaray (ab 20.55 Uhr im SPORT1-LIVESTREAM) plagen ALBA Berlin weiterhin große Verletzungssorgen - unter anderem fehlen die Stars Jamel McLean, Clifford Hammonds und Leon Radosevic.

Dabei haben die Berliner die historische Gelegenheit, mit einem Sieg einen wichtigen Schritt in Richtung des Viertelfinales zu machen. Das ist bisher noch keinem deutschen Team gelungen.

Jetzt sind Spieler wie Small Forward Niels Giffey (23) gefragt. Der US-College-Champion von 2014 und gebürtige Berliner ist nun eine der wichtigsten Stützen des Teams.

Vor dem Spiel gegen den türkischen Traditionsklub spricht er bei SPORT1 über den Wechsel von der Uni zum Profisport, den Kontakt mit Bundestrainer Chris Fleming und den Umgang mit den vielen Verletzten.

SPORT1: Herr Giffey, nach zwei Meisterschaften am College in Connecticut wechselten Sie für ihre ersten Profi-Saison in Ihre Heimatstadt Berlin. Haben Sie den Kulturschock mittlerweile schon verkraftet?

Niels Giffey: Ich bin wirklich zufrieden mit meiner Entscheidung. Privat als auch sportlich bin ich auf dem richtigen Weg. Das Schöne ist, dass mir die Leute hier vertrauen und mich in einer tragenden Position sehen. Zur selben Zeit kann ich für Berliner Jungs jemand sein, an dem sie sich orientieren können. In den letzten Tagen habe ich meine alte Schule besucht. Die Jungs verstehen, dass sie es als Berliner ins Profi-Team schaffen können.

SPORT1: Was sind die Unterschiede zwischen dem Sportlerleben am College und dem eines Profis bei ALBA Berlin?

Giffey: Der Trainingsalltag ist ganz anders strukturiert. Das Training morgens wurde an der Universität durch Schule ersetzt. Jetzt hat man zwei Einheiten an einem Tag. Auch der Spielalltag ist unheimlich unterschiedlich. Diese Doppelbelastung ist eine Sache, an die ich mich erst gewöhnen musste. Du spielst donnerstags international und musst innerhalb der nächsten 48 Stunden wieder ran.

Connecticut Huskies Victory Parade
NCAA-Champions! Niels Giffey (Mitte) mit Leon Tolksdorf bei der Siegerparade © Getty Images

SPORT1: Wie werden Sie in Berlin abseits des Parketts wahrgenommen? Am College sind die erfolgreichen Sportler große Stars, ALBA ist in Berlin ein Profiteam von mehreren.

Giffey: Das ist ein riesiger Unterschied. In Connecticut habe ich in einem Dorf gelebt, es war sehr familiär. Ich hatte wenig zu tun und konnte mich zu 100 Prozent auf Basketball konzentrieren. Drumherum war nicht so viel geboten wie in Berlin. Dafür war ich dort schon ein kleiner Star. In Berlin gibt es dieses Star-Gefühl nicht. Du kannst untertauchen und die Leute interessiert nicht wirklich, wer du bist. Ich kann beides genießen.

SPORT1: Im Herbst findet die Vorrunde der EM in Berlin statt. Der neue Nationaltrainer Chris Fleming bezeichnete Sie als eines der Gesichter der Nationalmannschaft. Haben Sie schon mit ihm gesprochen?

Giffey: Herr Fleming hat sich schon bei allen Spielern gemeldet und den ersten Kontakt hergestellt. Ich kenne ihn aus Gesprächen als er noch Trainer in Bamberg war. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl, ohne dass wir bereits tiefer geplant haben. Ich glaube, er hat einen sehr guten Ansatz, da er möchte, dass sich die jungen Spieler entwickeln.

SPORT1: Was bedeutet für Sie die Heim-EM als gebürtiger Berliner und Spieler von ALBA?

Giffey: Für mich ist es wunderschön. Es ist ganz selten, dass so ein Event in Deutschland und auch noch in deiner Heimatstadt stattfindet.

SPORT1: Die EM-Teilnahme von Dirk Nowitzki ist noch unsicher. Wie könnte er den jungen Spielern in ihrer Entwicklung helfen?

Oklahoma City Thunder v Dallas Mavericks
Hoffnungsträger für die Heim-EM: Dallas' Superstar Dirk Nowitzki © Getty Images

Giffey: Es wäre wirklich genial, wenn Dirk Nowitzki dabei wäre. Als Ressource für uns junge Spieler. Als jemand, der einem viel beibringen kann. Wie man sich in den entscheidenden Situationen verhält. Wie man als Starspieler noch andere Akteure einbindet und das Team an erster Stelle setzt. Ich würde es auf jeden Fall herzlich begrüßen, wenn er dabei sein würde.

SPORT1: ALBA Berlin muss momentan auf mehrere verletzte Leistungsträger verzichten. Was bedeuten die Ausfälle für Ihre Mannschaft und für Ihre persönliche Rolle?

Giffey: In Kombination mit dem harten Spielplan und der Doppelbelastung in der Euroleague ist das für uns ein harter Rückschlag. Jetzt müssen Spieler, die diese Saison noch nicht viel Verantwortung übernommen haben, in diese Rolle schlüpfen und auch Spiele entscheiden.

SPORT1: Mit Galatasaray Istanbul wartet der nächste schwere Gegner in der Euroleague. Wie sehen Sie die Chancen aufgrund der angespannten Personalsituation?

Giffey: Galatasaray ist auch angeschlagen. In Istanbul haben wir gewonnen, jetzt wird es natürlich schwerer. Wir sind uns bewusst, dass es eine große Chance ist, unsere Euroleague-Träume aufrecht zu halten. Das Viertelfinale der Euroleague zu erreichen wäre etwas, das bisher noch kein anderes deutsches Team geschafft hat.

SPORT1: Wie ist es für Sie in der ersten Saison als Profi unter Sasa Obradovic zu spielen?

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Berlins Trainer Sasa Obradovic ist für seine Leidenschaft an der Seitenlinie bekannt © Getty Images

Giffey: Er hat sehr hohe Anforderungen. Gerade taktisch und technisch. Ich gebe zu, es war am Anfang wirklich nicht einfach für mich. Am College kannte ich jeden Trainer und wusste genau, was sie wollten. Ich kannte die Systeme, wusste, wann ich daraus aussteigen und punkten konnte. Obradovic hat abseits des Feldes eine sehr warme Art. Es tut sehr gut, sich nach dem Spiel mit ihm hinzusetzen und das große Ganze zu analysieren. Dann versteht man auch, woher seine Passion für diesen Sport kommt und warum er so emotional ist.

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