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Das Urteil ist überraschend: 115:113, 113:115 und  114:114  werten die Punktrichter - und damit unentschieden. Kein Sieger? Nein, zwei, meinen auch die Kontrahenten
Zwei Sieger des Stuttgarter Spektakels: Felix Sturm und Robert Stieglitz erkämpften sich weitere lukrative Auftritte

Stuttgart - Sturm und Stieglitz retten ihre Karrieren und wollen "eine Ära prägen". Spektakel geht vor Titeln. Abraham hat Stieglitz satt.

Der Kampf hatte sichtbare Spuren hinterlassen.

"Hat jemand ein Taschentuch für mich?", fragte Boxprofi Felix Sturm, als er weit nach Mitternacht zur Pressekonferenz im Bauch der Stuttgarter Arena erschien.

Immer wieder tupfte sich der 35-Jährige das Blut aus dem Gesicht, welches von Kratzern und Schrammen geradezu übersät war.

Zwölf Runden mit offenen Visieren

Zwölf Runden lang hatten er und sein Rivale Robert Stieglitz den rund 8000 Zuschauern in der tobenden Halle sowie Millionen zuhause an den Fernsehschirmen eine spektakuläre Schlacht geboten (Bericht).

Immer wieder war Stieglitz, der ein irres Pensum abspulte, mit schnellen Schlagkombinationen nach vorne geprescht. Immer wieder konterte Sturm, der insgesamt zurückhaltender auftrat, ihn geschickt aus.

Am Ende trennten sich die beiden entthronten Weltmeister unentschieden - und wahrten so ihre Chance, nach schweren Rückschlägen in der jüngeren Vergangenheit doch noch mal in die Weltspitze zurückzukehren.

Sturm drängt auf Rückkampf

"Unsere Arbeitsplätze sind in den kommenden Jahren auf jeden Fall gesichert", hielt Sturm mit einer gewissen Erleichterung fest und erklärte:

"Wir haben die Möglichkeit, eine Ära zu prägen. Das sind die Kämpfe, die Deutschland braucht. Die Leute werden jetzt eher nach einem Rematch schreien als nach einem Kampf gegen Arthur Abraham - und ich hoffe, dass es da dann noch mehr knallt."

Ob es dabei um einen WM-Gürtel gehe oder nicht, sei letztlich doch sowieso einerlei, betonte Sturm: "Hinterher wird über den Kampf gesprochen, nicht über irgendeinen Titel."

Altersvorsorge statt Titeljagd?

Es klang ein bisschen so, als habe sich der viermalige Mittelgewichts-Weltmeister mit seiner aktuellen Situation abgefunden.

Denn Fakt ist: Mit 35 Jahren ist Sturm im Herbst seiner Karriere angekommen, allzu viel Zeit auf Topniveau dürfte ihm nicht mehr bleiben.

Tritt er noch ein oder womöglich zweimal gegen Stieglitz und anschließend vielleicht auch gegen WBO-Supermittelgewichts-Champion Abraham an, macht er vermutlich mehr Kasse als auf dem steinigen Weg zurück zu einem WM-Kampf im Mittelgewicht.

Sturm kündigt Auszeit an

"Vor Sommer" boxe er allerdings überhaupt nicht mehr, kündigte Sturm, der sich ein knappes halbes Jahr nach seiner ernüchternden Punktniederlage gegen den Australier Sam Soliman wieder deutlich verbessert präsentiert und zum insgesamt dritten Mal unentschieden geboxt hatte, anschließend an.

Seine Frau erwarte das zweite gemeinsame Kind, in den kommenden Monaten wolle er sich vorwiegend um die Familie kümmern.

Abraham lieber gegen Sturm als gegen Stieglitz

Zeit, die der nach diesem intensiven Gefecht nicht weniger erschöpfte und extrem wortkarge Stieglitz eigentlich für einen weiteren Kampf gegen Abraham nutzen könnte. Immerhin ist der zweimalige Champion durch das Remis am Samstagabend zum Pflichtherausforderer des 34-Jährigen aufgestiegen.

Dieser wiederum würde aber lieber zum ersten Mal gegen Sturm als zum vierten Mal innerhalb von nur zwei Jahren gegen Stieglitz antreten. "Für die Zuschauer wäre das interessanter", sagte er.

Ginge es nach dem Deutsch-Armenier, dürften sich Sturm und Stieglitz im kommenden Jahr also gerne noch einmal duellieren, ehe er sich im Anschluss den Sieger - im besten Fall Sturm - zur Brust nimmt.

Karriereende abgewendet

Die Option auf weitere Auftritte auf der ganz großen Bühne haben sich jedenfalls sowohl Sturm als auch Stieglitz durch ihr Unentschieden aufrecht erhalten.

Für den Verlierer dieser "Super Fight Night" wäre die Karriere nach jeweils fast 14 Profi-Jahren womöglich vorbei gewesen. So aber geht der Weg für beide Boxer weiter.

"Beim nächsten Mal wird Felix noch stärker sein", versprach Sturms neuer Trainer Magomed Schaburow, der den Leverkusener zum ersten Mal betreut, das in den zurückliegenden acht Trainingswochen Erarbeitete von seinem Schützling aber "noch nicht so ganz umgesetzt" gesehen hatte.

"Wenn es nur ein paar Minuten länger gegangen wäre, hätte es Felix schwer gehabt", analysierte Stieglitz' Trainer Dirk Dzemski. Und sein Promoter Ulf Steinforth ergänzte: "Das schreit nach einem zweiten Kampf."

Ohne Titel. Aber mit Spektakel.

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