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Wladimir Klitschko (l.) gewann als Amateur 112 Kämpfe bei nur 6 Niederlagen

München - Kubrat Pulew muss lange auf die "Chance des Lebens" gegen Champion Wladimir Klitschko warten. Seine Karriere beginnt im Keller.

Zwei Tage vor dem großen Kampf überkam es Kubrat Pulew dann doch noch.

"Er hat kein Herz. Er ist wie ein Mädchen", lästerte der Bulgare in einem "RTL"-Interview über Vierfach-Champion Wladimir Klitschko, dem er am Samstagabend (ab 22.30 Uhr im LIVE-Blog) in Hamburg gegenüber stehen wird, und urteilte: "Ich weiß, dass ich der bessere Boxer bin."

Da war sie also, die mittlerweile branchenübliche Verbalattacke des Herausforderers im Vorfeld eines Boxfights.

Pulew fehlt bei Pressekonferenz

Bis dahin hatte man glatt meinen können, Pulew wisse, dass er Klitschko mit markigen Sprüchen allein nicht beeindrucken könnte.

Immerhin hatten das in den zurückliegenden zehn Jahren, die der amtierende Weltmeister nach Version der WBA, WBO, IBF und IBO mittlerweile ungeschlagen ist, schon viele seiner Gegner versucht - und allesamt waren sie gescheitert.

Der offiziellen Pressekonferenz am Wochenanfang war Pulew jedenfalls fern, sein Stuhl auf dem Podium leer geblieben.

PK-Eklat als Psychospielchen oder Werbetrick?

Gut möglich, dass eines der beiden Lager den Eklat bewusst initiiert hatte.

Das von Pulew, um den Titelverteidiger mit kleinen Psychospielchen aus dem Konzept zu bringen. Das von Klitschko, um die mediale Aufmerksamkeit vor dem Kräftemessen am Samstag noch einmal zu erhöhen.

Wer auch immer die vertragliche Vereinbarung, nach der die beiden Kontrahenten bei offiziellen Terminen im Vorfeld nur von maximal drei Personen begleitet werden dürfen, letztlich ganz genau nahm beziehungsweise nicht einhalten wollte - das Ergebnis bleibt das Gleiche:

Der Hype um Klitschko ist wieder einmal riesig und sein insgesamt 66. Profikampf spätestens seit Montag, allerspätestens aber seit Pulews großspurigen Aussagen am Donnerstag in aller Munde.

"Chance des Lebens" für den Herausforderer

Menschen aus 150 Ländern werden live am Fernseher dabei sein, wenn "Dr. Steelhammer" seine Gürtel aufs Spiel setzt - und im Normalfall erneut erfolgreich verteidigt.

Denn auch wenn Klitschko ihn "einen der besten Schwergewichtler der Welt" nennt, nimmt der Herausforderer - wie die meisten seiner Vorgänger - die krasse Außenseiterrolle ein.

Für Klitschko ist es bereits der 26. WM-Kampf. Für Pulew der erste - und mit Abstand größte seiner bisherigen Laufbahn.

"Ich habe jahrelang auf diesen Kampf gewartet", berichtete der 33-Jährige kürzlich. Immer wieder sei er vertröstet worden. So wie zuletzt im September, als Klitschko wegen einer Bizepsverletzung passen musste.

Nun, beim Nachholtermin, gebe es keinen Ausweg mehr für den Titelverteidiger, betonte Pulew: "Jetzt muss er boxen. Es ist die Chance meines Lebens."

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Profi-Debüt mit langem Anlauf

Eines Lebens, das seit jeher voll und ganz im Zeichen des Boxsports steht.

Im Alter von 15 Jahren reifte bei dem in Sofia geborenen Pulew der Entschluss, sein Hobby zum Beruf zu machen. Fortan trainierte er mit seinem Vater und dem jüngeren Bruder Tervel im heimischen Keller wie ein Irrer.

13 hürdenreiche, aber auch sehr erfolgreiche Jahre im Amateurbereich später war es dann endlich so weit: Pulew gab sein Profi-Debüt.

Mit einem technischen K.o. über den Rumänen Florian Benke begann für "The Cobra", der unter dem Sauerland-Banner und dementsprechend vorzugsweise in Deutschland kämpft, im September 2009 eine Serie von mittlerweile 20 Siegen, denen keine einzige Niederlage und nicht einmal ein Unentschieden gegenüber stehen.

Klitschko lobt den Ex-Europameister

"Besonders gegen sehr große Boxer hat er immer gut ausgesehen", lobte Klitschko jüngst seinen Rivalen, dessen bislang größter Erfolg der Gewinn des Europameister-Titels vor gut zwei Jahren war.

Zahlreiche bekannte Namen hat Pulew in seiner gerade mal fünfjährigen Profikarriere schon besiegt - unter anderem die US-Routiniers Travis Walker und Danny Batchelder sowie Tony "The Tiger" Thompson, den Klitschko einst erst nach elf hart umkämpften Runden niederstrecken konnte.

Und doch dürfte er es am Samstag ungleich schwerer haben.

Weltmeister marschiert von Sieg zu Sieg

Wer sich Klitschko, diesem 1,98 Meter großen und etwa 110 Kilogramm schweren Modellathleten, in der jüngeren Vergangenheit auch in den Weg stellte - er wurde meist gnadenlos aus dem Weg geräumt.

Selten musste der jüngere der beiden Brüder aus Kiew über die volle Distanz, wie etwa bei den Duellen mit dem Briten David Haye oder dem Russen Alexander Powetkin. Umso öfter schickte er seine Gegner vorzeitig auf die Bretter, wie zuletzt den Australier Alex Leapai vor sieben Monaten.

Klitschko versteht es nur zu gut, die im Normalfall kleiner gewachsenen Rivalen durch seine enorme Reichweite auf Distanz zu halten - und dann durch taktisches Geschick auszukontern.

Auch mit 38 noch voller Tatendrang

Ein Schicksal, das auch Pulew droht.

"Ich kann es kaum erwarten, dass es losgeht", sagte Klitschko, der auch mit seinen 38 Jahren noch kein bisschen satt oder müde wirkt, am Montag.

Pulew sei sicher "einer der Besten", wiederholte er noch mal, um anschließend aber selbstbewusst hinzuzufügen: "Nach dem Champion."

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