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Deontay Wilder Boxen
Deontay Wilder eroberte den WBC-Gürtel im Schwergewicht von Bermane Stiverne © getty

München - Deontay Wilder ist der erste Schwergewichts-Weltmeister aus den USA seit vielen Jahren. Er hat das Potenzial zum Aushängeschild – auch wegen seiner bewegenden Lebensgeschichte.

Das größte seiner Ziele hat Shannon Briggs bereits verfehlt, bevor sein großer Kampf unter Dach und Fach ist.

"Ich bin Amerikas letzter Schwergewichts-Champion. Und ich werde den Gürtel nach Amerika zurückbringen": Gerne und oft hat der 43-Jährige das gesagt, als Teil seiner Kampagne für einen WM-Fight mit Wladimir Klitschko.

Und ausgerechnet jetzt, wo Briggs dem ersehnten Kampf näher als je zuvor ist, hat seine Ankündigung sich erledigt. Nicht Briggs, sondern ein 14 Jahre jüngerer Landsmann hat am Wochenende die große Durststrecke einer Boxnation beendet.

Durststrecke seit 2007

Deontay Wilder heißt der erste US-amerikanische Champion seit acht Jahren in der höchsten Gewichtsklasse. Und weit mehr als Briggs steht der "Bronze Bomber" für Amerikas Hoffnung, die Hoheit über sie auch dauerhaft wieder zurückzugewinnen.

Es ist eine sehr große Hoffnung, die da gerade ruht auf den breiten Schultern des 2,01-Meter-Manns.

Sein Heimatland sehnt sich ja nicht erst seit 2007, dem Ende von Briggs' kurzer und wenig beachteter WBO-Regentschaft, nach einem Schwergewichtsboxer von Format zurück.

Louis, Ali, Tyson, mindestens Holyfield oder Bowe ist ja der eigentliche Maßstab: eine Figur, die den Sport dominiert und die Massen begeistert.

Wilder besteht ersten Härtetest

Deontay Wilder aus Tuscaloosa, Alabama, hat einen ersten stichhaltigen Hinweis geliefert, dass er diese Figur sein könnte.

Der WM-Kampf gegen Bermane Stiverne war zwar der erste von 34 Kämpfen, die Wilder nicht durch K.o. gewann – aber es war die erste echte boxerische Herausforderung, die er bestanden hat.

Wilder bewies gegen den kanadischen Routinier, dass er mehr Qualitäten hat als seine Schlaghärte und die für seine Größe ungewöhnlich hohe Schnelligkeit und Explosivität.

"Wer kann hier nicht boxen?"

Gegen Stiverne demonstrierte er auch Nehmerqualitäten, Variabilität, strategisches Geschick: Wilders Punktsieg nach 12 Runden war ungefährdet und unumstritten.

"Wer kann hier nicht boxen?", rief er hinterher den Kritikern zu, die zuvor an seinem Weltmeister-Niveau gezweifelt hatten.

Die Vermarkter des Sports dürfte freuen, dass Wilder die Reifeprüfung bestanden und sich den Titel des WBC gesichert hat: Als Typ hat Wilder nämlich alle Anlagen, ein Aushängeschild zu sein.  

Der Kampfstil des Linksauslegers ist spektakulär, die Bereitschaft zu Showeinlagen und Trash-Talk außerhalb des Rings vorhanden – und dann ist da auch noch eine bewegende Lebensgeschichte.

Boxen statt NBA oder NFL

Wilders Tochter kam vor zehn Jahren mit einem Wirbelschaden zur Welt, drohte im Rollstuhl zu enden. Um sie zu versorgen, gab er das College auf und damit auch seinen eigentlichen Traum von einer NBA- oder NFL-Karriere.

Der junge Vater rieb sich in zwei Jobs auf, als Bierlasterfahrer und in einem Restaurant. Und nebenbei fing er das Boxen an, das sich besser mit seiner Lebenssituation vereinbaren ließ.

Über Tyson Fury zu Wladimir Klitschko

Wilder hat einiges bewegt in seiner unwahrscheinlichen Laufbahn und er würde nach eigener Auskunft auch gern auch möglichst schnell noch viel mehr bewegen.

"Als nächstes will ich Tyson Fury, dann Wladimir Klitschko um alle anderen Titel – bis Ende des Jahres", kündigte er nach dem Kampf gegen Stiverne an. Ob es wirklich so flott geht mit dem Vereinigungskampf gegen den WBA-, IBF-, WBO- und IBA-Weltmeister: fraglich.

Klitschko ist in den USA an den Pay-TV-Sender HBO gebunden, mit dem sich Wilders Promoter Al Haymon – der auch Floyd Mayweather managet – heillos zerstritten hat.

Bönte: Wilder wollte leichteren Weg

Bernd Bönte, Klitschkos Manager, berichtet bei SPORT1 außerdem, dass der US-Amerikaner deshalb schon einmal ein Angebot aus seinem Lager abgelehnt hat: "Wilder hatten wir schon letztes Jahr angefragt, aber er wollte erst mal einen leichteren Weg gehen, um einen Titel zu erobern".

Unverständlich ist diese Entscheidung nicht -ein zu frühes Duell mit Klitschko ist für Wilder riskant, zu groß bei allem Potenzial der Erfahrungsvorsprung des Ukrainers in großen Kämpfen.

Früher oder später aber wird Wilder das Wagnis eingehen müssen: Lange wird die Boxnation Amerika nicht akzeptieren, dass ihre große Hoffnung vier von fünf Titelgürteln in fremden Händen lässt.

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