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Ulli Wegner über Floyd Mayweather - Manny Pacquiao
Floyd Mayweather (l.) und Manny Pacquiao treffen in der Nacht zum Sonntag in Las Vegas aufeinander © Getty Images/Montage: SPORT1

München - Deutschlands bester Box-Coach Ulli Wegner erklärt im SPORT1-Interview, was er sich vom großen WM-Duell Floyd Mayweather - Manny Pacquiao erwartet.

Rund 150 Medaillen sammelten seine Schützlinge bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften.

Fünf Profiboxer und eine Boxerin formte er zu Weltmeistern, von Sven Ottke bis Marco Huck. Ulli Wegner ist der erfolgreichste Boxtrainer Deutschlands - und sein Expertenwissen ist nicht nur bei den Athleten gefragt.

Beim Duell zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao, dem Aufeinandertreffen der zwei Weltergewichts-Weltmeister, die derzeit als die beiden besten Boxer der Welt gelten, wird der 73-Jährige als Co-Kommentator vor Ort in Las Vegas sein.

Im SPORT1-Interview spricht Wegner über seine Erwartungen "Kampf des Jahrhunderts" (So., ab 4.30 Uhr im LIVETICKER).

SPORT1: Herr Wegner, Sie sind seit über fünf Jahrzehnten im Boxgeschäft. Wie viele angebliche Kämpfe des Jahrhunderts haben Sie in der Zeit denn so erlebt?

Wegner: Uff… viele, wenn man so zurückdenkt.

SPORT1: Und, wird Mayweather gegen Pacquiao der Kampf des Jahrhunderts?

Wegner: Sagen wir's mal so: Die Amerikaner verstehen es weit besser als alle anderen, einen Kampf zu etwas Besonderem zu machen. Wenn ich zurückdenke an früher: Es gab durchaus auch Ausnahmeboxer in Russland, in der ehemaligen DDR, in Bulgarien, Rumänien - aber die sind natürlich nicht so als Medienstars aufgebaut worden wie die, die in den USA groß rauskommen. Mayweather und Pacquiao haben das auf jeden Fall gut gemacht, sie haben ihr Duell ja auch schön lange herausgezögert und herumgepokert. Aber natürlich, sie haben auch die sportliche Klasse.

SPORT1: Sind die beiden für Sie die besten Boxer der Welt, gewichtsklassenübergreifend?

Wegner: Man muss das schon so sagen. Gut, da ist natürlich noch Wladimir Klitschko, aber der regiert im Schwergewicht ja einsam über allem. Ein reizvolleres Duell als Mayweather - Pacquiao gibt es in jedem Fall keines, auch wegen der unterschiedlichen Stile, die aufeinanderprallen: Mayweather ist ein Defensiv-Stratege, der über seine Bewegungsschnelligkeit kommt, sein Geschick, seine Reflexe - und seine mentale Stärke. Vom Prinzip her ist er ein ähnlicher Kämpfertyp wie Henry Maske früher: Der hat auch gewusst, wie man seinen Gegner unter den psychischen Druck setzt, so zu attackieren, dass er genauso zurückschlagen konnte, wie er wollte. Pacquiao dagegen: Der sucht den Fight!

SPORT1: Wer wird gewinnen?

Wegner: Mayweather hat ja anders als Pacquiao noch nie einen Profikampf verloren. Die meisten sehen ihn da als Favoriten, ich auch anfangs. Aber neulich erst, ich saß auf der Couch, habe Champions League geguckt, Atletico gegen Real - und bin dabei ins Überlegen gekommen. Ich habe mich gefragt: Ulli, hast du dich da nicht verrannt?

SPORT1: Warum?

Wegner: Ich habe jetzt viele Videos gesehen und bin nicht mehr so überzeugt wie vorher. Ich sehe Schwächen bei Mayweather - und wenn Freddie Roach, Pacquiaos Trainer, die richtigen Schlüsse daraus zieht, kann er Probleme kriegen.

Manny Pacquiao - Floyd Mayweather
Manny Pacquiao bereitet sich mit einer Joggingrunde in Los Angeles auf dem Kampf vor © Getty Images

SPORT1: Was für Schwächen haben Sie entdeckt?

Wegner: Mayweather kommt ja wie gesagt aus der Defensive. Er antwortet seinem Gegner in dem Moment, wenn er versucht ihn anzugreifen. Er weicht aus, zieht die Schulter hoch, dreht sich nach rechts, landet schnelle Konterschläge. Mayweather allerdings wird verwundbar, wenn es gelingt, ihn einzuengen. Man muss in den Raum vorstoßen, mit dem er arbeitet, ihm die Luft nehmen, seine Taktik durchzuziehen. Ich tue aber mich noch schwer damit zu beurteilen, ob Pacquaio das so kann. Es hängt viel davon ab, wie gut Roach ihn einstellt.

SPORT1: Pacquiao ist Linkshänder und Rechtsausleger, ein Typ, der als schwieriger zu Boxen gilt. Kann das entscheidend sein?

Wegner: Ich denke nicht. Gucken Sie sich an, wie viel Zeit die beiden jetzt hatten, sich aufeinander vorzubereiten. Mittlerweile werden Sie sich in- und auswendig kennen. Dass Rechtsausleger schwerer zu boxen sind, ist für mich eine Weisheit, die sich immer mehr überholt hat.

SPORT1: Warum?

Wegner: Im Boxen ist es auf Weltklasseniveau nicht anders als im Fußball: Die Strategien entwickeln sich immer weiter. Der eine Trainer entwickelt eine Abwehrkette, der andere organisiert seine Passwege so, dass er die Abwehrkette knacken kann. In einem Jahr ist der Fußball von Barcelona das Maß der Dinge, im nächsten Jahr ist Real besser darauf eingestellt. Beim Boxen ist die Entwicklung ähnlich. Das ist nicht mehr: Du suchst den Leberhaken - und gut. Man muss flexibler, variabler sein. Mayweather ist ja auch deswegen etwas Besonderes, weil er sich während eines Kampfes immer nochmal neu einstellen kann, die Strategie des Gegners beantwortet und sich so aus der Bedrängnis rausboxt.

Floyd Mayweather vs. Manny Pacquiao
Floyd Mayweather beim öffentlichen Training am 14. April © Getty Images

SPORT1: Pacquiao muss damit folglich auch rechnen.

Wegner: Deswegen weiß ich eben auch noch nicht, wie's ausgehen wird. Aber ich sage Ihnen was: Rufen Sie mich in der zweiten Runde an, dann weiß ich's.

SPORT1: Vor fünf Jahren ist das Zustandekommen des Duells ja an der Uneinigkeit gescheitert, wie die Dopingkontrollen laufen sollen. Jetzt haben sich beide umfangreichen Blut- und Urintests der US-Agentur USADA unterworfen. Erwarten Sie da nun einen sauberen Kampf?

Wegner: Ich nehme es an. Alles, was man dazu sagen kann, ist Spekulation, aber mein Gefühl ist: Da ist so viel Geld im Spiel, dass die beiden es wohl nicht riskieren würden, das durch einen Skandal zu gefährden.

SPORT1: Nochmal zum Thema Jahrhundertkampf: Welcher Kampf war denn für Sie der des 20. Jahrhunderts?

Wenger: Ali gegen Frazier. Da kommt nichts ran, auch nicht in diesem Jahrhundert.

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