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Vincent Feigenbutz vor seinem Fight gegen Giovanni De Carolis
Vincent Feigenbutz vor seinem Fight gegen Giovanni De Carolis © dpa Picture Alliance

München - Vincent Feigenbutz soll Rekord-Champ werden - und die kriselnde deutsche Box-Szene beleben. Er wirkt aber noch überfordert von den gewaltigen Erwartungen.

Als sich die erhitzten Gemüter wieder beruhigt hatten und der Proteststurm der deutschen Boxfans in den sozialen Netzwerken weitgehend abgeflaut war, meldete sich Vincent Feigenbutz noch einmal selbst zu Wort.

Es tue ihm leid, was er direkt im Anschluss an seinen schwer umstrittenen Punktsieg gegen Giovanni De Carolis gesagt habe, teilte der Supermittelgewichtler am späten Sonntagabend über seine Facebook-Seite mit.

Der Kampf sei "nicht ganz so gelaufen" wie er sich das vorgestellt habe, räumte der WBA-Interims-Weltmeister ein, bezeichnete seinen geschlagenen italienischen Herausforderer als "tollen Athleten und Boxer" und versuchte zu retten, was zu retten ist.

Feigenbutz' Analyse sorgt für Verwunderung

Zu sagen, dass er durch seinen unglücklichen Auftritt am Abend zuvor einen längerfristigen Imageschaden erlitten habe, wäre sicherlich zu hoch gegriffen. Fakt ist aber zumindest: Feigenbutz hat vorerst einige Sympathien verspielt.

Nicht, weil er den spektakulären Schlagabtausch mit De Carolis durch ein vermeintliches Fehlurteil gewonnen hatte. Denn dafür sind letztlich immer noch die Punktrichter verantwortlich.

Vielmehr ärgerten sich Experten und Fans über die ständigen Provokationen des jungen Badeners während des Kampfes und seine überheblichen Aussagen im Anschluss.

Obwohl er mit seinem 31 Jahre alten Rivalen größte Mühe hatte, bereits in der ersten Runde zu Boden ging und in der vierten einen weiteren heftigen Treffer einstecken musste, meinte Feigenbutz hinterher, er habe De Carolis "tausende Jabs in die Fresse gehauen und deswegen auch verdient gewonnen".

Mit der Gesamtsituation überfordert

Die Diskrepanz zwischen Wort und Tat, sie handelte Feigenbutz eine Menge Kritik ein - ob von Trainer-Urgestein Ulli Wegner ("Lasst ihm besser noch Zeit"), Ex-Profi Axel Schulz ("Er hat sich durchgeschummelt") oder dem amtierenden WBO-Weltmeister Arthur Abraham ("Er ist noch nicht bereit für große Kämpfe").

Vincent Feigenbutz (r.) in seinem ersten Fight gegen Giovanni De Carolis
Vincent Feigenbutz im Fight gegen Giovanni De Carolis © dpa Picture Alliance

Es wirkte, als wäre gerade mal 20 Jahre junge Feigenbutz überfordert von der Gesamtsituation, in die er und sein Lager sich da hineinmanövriert haben.

Erstmals trat er als Hauptkämpfer einer Live-Übertragung auf, dazu noch vor der aufgepeitschten Kulisse von rund 5000 enthusiastischen Zuschauern in seiner Heimatstadt Karlsruhe.

Feigenbutz, dem seine Nervosität schon beim Einlauf anzumerken gewesen war, wollte es an diesem Abend allen beweisen, kämpfte jedoch mit sich selbst und den letztlich viel zu hohen Erwartungen.

Box-Szene sorgt sich um ihre Zukunft

Diese hatte der "K.o.-Prinz" durch seine forschen Töne im Vorfeld zu Teilen zwar selbst geschürt.

Nach 20 Siegen und 19 Knockouts in seinen bis dahin 21 Profikämpfen war er von der Öffentlichkeit, seinem Management und seinen Promotern aber auch ein Stück weit in die Rolle der aktuell größten deutschen Box-Hoffnung hineingedrängt worden.

Als "Versprechen für die Zukunft" wurde Feigenbutz vielerorts bezeichnet. Die Zukunft einer Box-Nation, deren Aushängeschilder mehr und mehr in die Jahre kommen und deren momentan größtes Zugpferd gar kein Deutscher ist, sondern ein Ukrainer.

Der deutsche Box-Sport steht mittelfristig vor dem Abtritt des 39-jährigen Wladimir Klitschko - wie auch des 36-jährigen Felix Sturm, des 35-jährigen Arthur Abraham oder des 34-jährigen Robert Stieglitz. Und den Verantwortlichen und Anhängern der nationalen Kampfszene scheint das größere Sorgen zu machen, als sie sich eingestehen wollen.

Noch nicht reif für den WM-Titel

Feigenbutz ist es, der diese drohende Lücke schließen soll. Sein Auftritt am Samstag hat gezeigt, dass er noch nicht bereit dazu ist. Physisch nicht, noch weniger aber mental.

Plan des Karlsruhers ist es, mit einem Sieg über den Gewinner des noch ausstehenden Rematches zwischen Sturm und Fedor Chudinov im Frühjahr 2016 jüngster deutscher Weltmeister aller Zeiten zu werden.

Zum Vergleich: Der bisherige Rekordhalter Graciano Rocchigiani war zum damaligen Zeitpunkt vier Jahre älter, Schwergewichts-Champion Wladimir Klitschko am Tage seines ersten WM-Triumphs ebenfalls.

Es wäre daher empfehlenswert, auch Rohdiamant Feigenbutz weniger schnell als gründlich zu schleifen. Ansonsten droht er zu verglühen.

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