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Wolfgang Kleine erinnert an die Box-Legende Muhammed Ali © SPORT1

Mit Muhammad Ali ist der wohl bekannteste Sportler der Welt verstorben. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert an seine Erlebnisse mit dem größten Boxer aller Zeiten.

"Los, aufstehen, gleich beginnt der Ali-Kampf im Fernsehen!" Mein Vater stand in der Tür. Fast hätte ich verschlafen. Ich beeilte mich, vor den Fernseher zu kommen. Es war 3.45 Uhr morgens an diesem 20. Mai 1965, als erneut ein großes Box-Ereignis stattfand: Der zweite WM-Kampf im Schwergewicht zwischen Muhammad Ali und US-Landsmann Sonny Liston.

Es war aber nicht nur der sportliche Fight, sondern die Begleitumstände dieser Auseinandersetzung zwischen dem "hässlichen Bären" Sonny Liston und "Großmaul" Ali. Für die Fans in Deutschland gab es in den Tagen zuvor kaum ein anderes Sportthema. Cassius Clay, wie Ali noch bei seinem ersten Duell als Herausforderer gegen Liston am 25. Februar 1964 hieß, hatte den verhassten Kontrahenten als 22-Jähriger damals in Miami durch K.o. bezwungen.

Gelingt Ex-Knacki Liston die Revanche? Nach dem Tam-tam vor dem Duell in den USA reagierte das deutsche Fernsehen. Die Box-Fans in München, Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und auch in dem beschaulicheren Bad Salzuflen konnten erstmals einen Kampf aus den USA live verfolgen. Damals noch in Schwarz-weiß und in bescheidener Bildqualität.

Macht nichts, alle wollten diesen Ali sehen, der nicht nur am Rande, sondern auch im Ring mit seinen tänzelnden Schritten einen völlig neuen Stil propagierte. Eine Augenweide für die Kenner! Deshalb saßen sie morgens um 4 Uhr vor den TV-Schirmen, als der Fight aus Lewistown (Maine) per Satellit übertragen wurde - nicht nur ein Sport-, sondern auch ein Medienereignis.

Die Sympathien, die Ali später bei den Fans besaß, hatte der Titelverteidiger damals noch nicht. Vor den beiden Duellen erklärte der spätere Pulitzerpreisträger Murray Kempton: "Liston war ein Ganove: jetzt ist er unser Polizist, er ist der große Neger, den wir bezahlen, damit freche Neger nicht aus der Reihe tanzen."

Die Müdigkeit vor dem TV war gewichen, der Kampf begann. Doch kaum hatte er so richtig begonnen, lag Liston nach einem "Phantom Punch" im Ringstaub. Und das nach 105 Sekunden. Der bis dahin schnellste K.o. der Geschichte war perfekt. Ali tönte: "I am the Greatest!" Und was damals mehr spöttisch belächelt wurde, hat sich später als wahr herausgestellt.

Video

Muhammad Ali hatte meinen Vater und mich in dieser Nacht zwar wieder schnell ins Bett geschickt, aber dafür sind wir in den Jahren danach immer wieder früh für TV-Übertragungen seiner Kämpfe aufgestanden. Die Legende war geboren, das Leben und die Fights des "Größten" wurden verfolgt wie kaum ein anderes sportliches Ereignis. Vor dem Fernseher sammelten sich die vielen Ali-Fans auch bei den weiteren Highlights.

Da folgte der "Rumble in the Jungle" mit dem K.o.-Sieg am 30. Oktober 1974 in Kinshasa über George Foreman, der meinen damaligen Sportchef am Ring in Zaire an den Rand eines Herzinfarktes brachte und uns vor dem TV eine unruhige Nacht bescherte. Da waren die Jahrhundert-Kämpfe gegen Joe Frazier mit dem "Thriller of Manila" bis Ali dann im Jahre 1981 seine große Karriere beendete.

Da war der denkwürdige Auftritt des Box-Olympiasiegers von 1960 zum Auftakt der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta, als Ali als Überraschungsgast mit zitternden Händen unter den Standing Ovations des Publikums das Feuer entzündete. Ali war gezeichnet von der Krankheit Parkinson und trat immer seltener in der Öffentlichkeit auf. Aber seine Bilder, seine Kämpfe bleiben in Erinnerung. Ich war nie der ganz große Fan des Boxens, aber Muhammad Ali war etwas Besonderes.

Wie erklärte jetzt Ex-Kontrahent George Foreman das Phänomen Muhammad Ali zum Tode des "Größten": "Er war größer als der Präsident der Vereinigten Staaten, war der berühmteste Mensch der Welt."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996, 1997 sowie 1998 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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