In einem dramatischen und engen Finale bezwingt Gary Anderson Phil "The Power" Taylor mit 7:6 und bezwingt kuriose Umstände.

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Von Patrick Hauser und Adrian Geiler

München - Der Dart war drin, die Darts-Weltmeisterschaft (alle Highlights im Mediencenter von SPORT1) entschieden.

Doch wer jetzt große Emotionen, Tränen oder Ur-Schreie vom neuen Champion Gary Anderson erwartet hatte, wurde ein wenig enttäuscht.

Lässig riss er die Arme hoch, hob eine Faust, drehte sich zu seiner Box, zu seiner Familie um, jubelte kurz, tratschte mit Caller Russ Bray.

Anderson fliegt anfangs davon

"Wir haben so oft so hart gefightet. Heute habe ich es für mich entschieden", sagte ein entspannter Schotte, als er mit Vize-Weltmeister Phil Taylor schäkernd die Siegerehrung genoss. Der 16-malige Champion fügte an: "Im letzten Satz hat Gary mich kaputt gespielt."

In einem der besten WM-Finals in der Darts-Geschichte setzte sich der Flying Scotsman nach dramatischen zweieinhalb Stunden ganz knapp mit 7:6 durch und wurde zum ersten Mal Weltmeister (SERVICE: Das Tableau der Darts-WM).

Im Londoner Alexandra Palace fand der Schotte schnell in sein zweites WM-Finale und ging mit 3:1 Sätzen in Führung. Dabei machte er allein im ersten Satz zwei High-Finishes aus.

Im Anschluss verlor die Nummer 4 der Welt jedoch seinen Rhythmus und gab die nächsten beiden Sätze zu Null ab.

Kurioser neunter Satz

Nachdem "The Power", der in der ersten Runde den Deutschen Jyhan Artut ausgeschaltet hatte, auch den siebten Satz gewinnen konnte, verpasste er die Vorentscheidung zum 5:3: Im achten Satz zeigte der Rekordweltmeister wie im gesamten Match ungewohnte Schwächen auf die Doppel-Felder und nutzte drei Satzdarts auf die Doppel-12 nicht.

Seine Checkout-Quote sank auf durchwachsene 22-Prozent.

Im neunten Satz bewies Anderson dann seine ganze Klasse.

Die ersten beiden Legs verlor der Schotte höchst unglücklich: Im ersten Durchgang traf er die ersten beiden Darts in die Triple-20, mit dem dritten warf er jedoch alle Pfeile aus der Scheibe und verlor das Leg. ,

Auch davor und danach litt Anderson unter mysteriösen Bouncern.

Im nächsten Leg verpasste der Schotte sechs Darts auf 84 Punkte, weil er sich durch Pfiffe aus dem Publikum gestört fühlte und legte sich mit den Fans an. Anderson trotzte dem Ärger im ausverkauften Ally Pally jedoch eindrucksvoll und holte sich die drei folgenden Legs zur 5:4-Satzführung.

Taylor wirft am Neun-Darter vorbei

Anderson, der insgesamt 19-mal das Maximum 180 Punkte (WM-Rekord; Taylor: 13-mal) warf und die klar bessere Doppelquote (39,39 % gegen 32,93 %) aufwies, war nun nicht mehr zu stoppen und schnappte sich Satz Nummer 10.

Altmeister Taylor konterte und warf im ersten Leg des elften Satzes acht perfekte Darts. Den zweiten Neun-Darter der WM 2015, der er tags zuvor angekündigt hatte, verfehlte er um wenige Millimeter, als sein Dart knapp über der Doppel-12 landete (SERVICE: Alles, was Sie zur Darts-WM wissen müssen).

"Nevermind", sagte Taylor zu dieser Szene. Die allgemeine Checkout-Schwäche ärgerte ihn dennoch: "Die Doppelfelder haben mir heute viele Sätze gekostet"

Der "Flying Scotsman" hatte plötzlich Probleme, da seine Darts immer wieder aus der Scheibe bouncten. Taylor blieb eiskalt und verkürzte zum 5:6.

Furioser Entscheidungssatz von Anderson

Den zwölften Satz sicherte sich die Nummer zwei der Welt mit 3:2 Legs, nachdem Anderson das höchstmögliche Finish (170 Punkte) nicht zum Sieg auschecken konnte.

Die Entscheidung fiel im zweiten Leg dreizehnten und letzten Satzes. Taylor vergab drei Darts auf die 32, sodass der Schotte zum 2:0 auschecken konnte. Mit dem dritten Matchdart in die Doppel-12 krönte sich Anderson zum dritten schottischen Weltmeister der Darts-Geschichte.

"Als Taylor zum 6:6 ausglich", teilte der 44-Jährige mit, "dachte ich: Oh man, sowas entscheidet der immer für sich." Er fügte an: "Der Finalerfolg ist etwas ganz besonderes für mich."

Schwere Jahre

In der Tat krönte Anderson mit dem WM-Erfolg ein Comeback, das viele so nicht für möglich gehalten hatten.

2011 wurde er Vize-Weltmeister. Danach siegte er bei der Premier League, zu der er auch dieses Jahr wieder gehören wird. Doch dann musste der Flying Scotsman den Tod seines Bruders und den seines Vaters verkraften.

Die Lust auf Darts war dahin, der Schotte verlor Weltranglistenplatz um Weltranglistenplatz.

Als er 2014 das Darts-Feuer wieder in sich fand, konnte der Mann, der bei der zweiten Aufnahme seines Lebens bereits eine 180 war, wieder große Erfolge feiern - am 4. Januar 2015 den größten.

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