vergrößernverkleinern
Michael Walchhofer belegte bei der WM-Abfahrt Rang zwölf © getty

Erstmals seit 20 Jahren holt weder in der Königsdisziplin Abfahrt noch im Super-G ein österreichischer Athlet eine WM-Medaille.

Val d'Isere - Abfahrer Michael Walchhofer wurde noch bis weit in die Nacht hinein im Österreich-Haus "Tirolberg" in Val d'Isere gefeiert, als hätte er die Goldmedaille gewonnen.

Dabei blieb dem Salzburger nach der schlimmsten alpinen Niederlage der stolzen Ski-Nation Österreich seit 20 Jahren nur der Titel "Weltmeister der Herzen" - und eine Medaille aus Kristall.

Die erfolgverwöhnten Speedfahrer der Alpenrepublik haben zum ersten Mal seit 1989 in Vail weder in der Königsdisziplin Abfahrt noch im Super-G eine WM-Medaille gewonnen. Das skiverrückte Land ist in seinen Grundfesten erschüttert, die Presse völlig außer sich.

Scharfe Analyse angekündigt

Die Tageszeitung Österreich beklagte ein "schweres Debakel", der Kurier bezeichnete die "Abfuhr in der Abfahrt" als "historische Pleite".

Hans Pum, Alpinchef des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), kündigte noch während des Rennens im Zielraum der Strecke "Face de Bellevarde" eine scharfe Analyse der Pleite an. "Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir haben schon mit einer Medaille gerechnet, weil wir eine starke Mannschaft haben. Das wird aufgearbeitet", sagte er.

Skandal um "Walchi"

Was die böse Schmach von Val d'Isere allerdings erst richtig peinlich machte, war die Reaktion der Österreicher auf das, was wohl als Skandal auf der Bellevarde in die rot-weiß-rote Ski-Geschichte eingehen dürfte. (Ergebnisse und Liveticker)

Pum beschimpfte Jan-Erik Hedström, technischer Delegierter des Weltverbandes FIS, als "Schauspieler" und ereiferte sich: "Ich hoffe, dass du nie wieder verantwortlich für ein Großereignis sein darfst." Der Jury warf er Versagen vor.

Was war passiert? Bevor Walchhofer auf die Piste gegangen war, hatte FIS-Renndirektor Günter Hujara einen Startstopp wegen Nebels im mittleren Streckenteil verfügt. Wegen technischer Probleme hatte der Startrichter davon nichts mitbekommen und Walchhofer starten lassen.

ÖSV-Cheftrainer Toni Giger protestierte, Walchhofer durfte 50 Minuten nach seinem ersten Ritt noch einmal ran, gewertet wurde am Ende aber sein erster Lauf. Begründung: Walchhofer habe vom Stopp nichts gewusst und deshalb unbeeinflusst fahren können.

Walchhofer spielt die Sache runter

Die FIS habe mit dem Leben ihres Athleten Walchhofer gespielt, schimpfte Giger: "Fakt ist, dass Startstopp war. Das bedeutet, dass der Kurs nicht befahrbar war. Wir hatten Glück, dass nichts passiert ist." Pum meinte: "Das hat mit Fairness oder Sport überhaupt nichts mehr zu tun." Nur Walchhofer selbst blieb gelassen. "Das war sicher nicht optimal. Aber auch die Startrichter sind nur Menschen", sagte der Abfahrts-Weltmeister von 2003.

Doch auch "Walchi" musste zugeben, dass das Abschneiden in den Speed-Rennen "ganz bitter für Österreich" war. Er machte gleichwohl einen entspannten Eindruck, als er seinen anstrengenden Tag auf dem "Tirolberg" mit dem ein oder anderen Gläschen Wein ausklingen ließ.

Parolen von Pum

Anders Hans Pum. Der flüchtete sich, noch immer äußerst erbost, in Durchhalteparolen: "Wir wissen, dass wir besser sind als es jetzt im Medaillenspiegel ausschaut."

Noch stünden drei Einzelwettbewerbe bei den Männern aus, und mit Benjamin Raich, Mario Matt und Reinfried Herbst, die zusammen bereits 14 Medaillen bei Großereignissen sammelten, habe man noch einige Favoriten im Team. `Ich hoffe, dass ich eine Medaille mache", sagte Raich prompt - aber: `In die Rolle des Retters der Ski-Nation lasse ich mich nicht drängen."

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel