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Linkshänder Marc Zwiebler hat fünf Mal die Deutsche Meisterschaft gewonnen © getty

Deutschlands Nummer eins, Marc Zwiebler, spricht im Interview mit SPORT1 über den Aufschwung im deutschen Badminton.

Von Matthias Becker

München - Luftlinie sind es von Saarbrücken nach London nur 564 Kilometer, doch für Marc Zwiebler ist der Weg so viel weiter.

Um sich für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in der englischen Hauptstadt zu qualifizieren, muss Deutschlands bester Badmintonspieler mindestens eineinhalb mal um den Globus reisen 434896(DIASHOW: Die Sportstätten in London).

Gut 60.000 Kilometer wird Zwiebler hinter sich haben, wenn im kommenden April der Qualifikationszeitraum für die Spiele endet - und geht es so weiter, wie es für den Weltranglisten-16. begonnen hat, dann besteht an der Qualifikation kein Zweifel.

Am Sonntag gewann Zwiebler die Canada Open (NEWS) und damit sein erstes Grand-Prix-Turnier. Im Finale besiegte der 27-Jährige den Indonesier Taufik Hidayat, Olympiasieger von 2004, zum zweiten Mal binnen einer Woche.

Bevor am 8. August in London, quasi als olympischer Test-Wettkampf, die Weltmeisterschaften starten, spricht Zwiebler im Interview der Woche mit SPORT1 über die Reisestrapazen, den Aufschwung der deutschen Badmintonspieler und den Traum vom ganz großen Wurf.

SPORT1: Herr Zwiebler, Herzlichen Glückwunsch zum ersten Grand-Prix-Titel. Können Sie sich vor lauter Reisestress überhaupt schon über den Sieg bei den Canada Open freuen?

Marc Zwiebler: Der Stress ist immer da, schließlich läuft seit dem 1. Mai der Qualifikationszeitraum für Olympia 2012. Wenn ich zuhause bin, muss ich die alte Wäsche aus- und die neue einpacken. Da bleibt nicht viel Zeit zur Freude, selbst nach so einem tollen Erfolg. Der Blick geht immer direkt auf das nächste Ereignis.

SPORT1: In zwei Wochen steht die WM in London an. Sind Sie mit Setzplatz 14 und der Auslosung zufrieden?

Zwiebler: Den Setzplatz habe ich mir erarbeitet, hätte aber schon gerne eine bessere Auslosung gehabt. Im Achtelfinale wartet der zweitbeste Chinese, im Viertelfinale käme dann mit Lee Chong Wei die Nummer 1 der Welt. Das sind schon ganz dicke Brocken. Lieber hätte ich noch mal gegen Taufik Hidayat (Olympiasieger von 2004, den Zwiebler zuletzt zwei Mal geschlagen hat, Anm. d. Red.) gespielt. Aber ich muss eben das Beste draus machen.

SPORT1: Sind Siege gegen Hidayat noch etwas Besonderes?

Zwiebler: Er gehört immer noch zu den großen Vier mit Lee Chong Wei, Peter Gade und Lin Dan. Vom Namen her gibt es kaum etwas Größeres. Es ist es schon sehr schön, gegen so jemanden zu gewinnen.

SPORT1: Täuscht der Eindruck, oder sind die deutschen Spitzenspieler insgesamt näher an die Weltspitze herangerückt?

Zwiebler: Wir kratzen mittlerweile in allen Disziplinen an der absoluten Weltspitze. Ab und zu können wir auch mal richtig große Namen raushauen, auch wenn das leider noch zu selten vorkommt. Um bei den großen Turnieren weit nach vorne zu kommen, muss man mehrere Große am Stück schlagen. Da ist Juliane (Schenk, Weltranglisten-10. Im Dameneinzel, d. Red.) unsere Speerspitze, sie kann an jedem Tag gegen jede Spielerin der Welt gewinnen. Aber auch wir anderen kommen Jahr für Jahr immer näher ran.

SPORT1: Ist es auch deshalb so schwer, bei einer WM eine Medaille zu gewinnen, weil eben immer noch ein neuer starker Asiate kommt?

Zwiebler: Die Dominanz der Asiaten ist schon noch sehr groß. Bei der WM muss man drei, vier harte Spiele überstehen und auch mal ein Quäntchen Glück haben. Ich glaube aber schon, dass wir in fast allen Disziplinen in den nächsten Jahren auf eine Medaille hoffen dürfen.

SPORT1: Sie hatten vor einigen Jahren große gesundheitliche Probleme. Ist da wieder alles in Ordnung?

Zwiebler: Ich hatte vor fünf Jahren wegen schwerer Rückenprobleme eigentlich schon mit dem Leistungssport aufgehört. Das ist nach einer Operation zum Glück wieder zu 95 Prozent in Ordnung. Den Reisestress und das viele Sitzen im Flieger merke ich immer noch, aber im Moment behindert es mich nicht mehr.

SPORT1: Die Olympia-Qualifikation 2008 war wegen der Verletzung eine Zitterpartie. Wie sieht es diesmal aus?

Zwiebler: Das Ziel war, die Qualifikation diesmal stressfreier zu gestalten als letztes Mal. Die Ausgangsposition ist viel besser, und mit den ersten Turnieren konnte ich schon vorlegen und mir ein kleines Polster aufbauen. Das ist auch für die Planung gut, wenn man am Ende der Qualifikation nicht mehr überall hinfahren muss, sondern mehr trainieren kann. Im Moment bin ich sehr optimistisch, aber bevor ich die Qualifikation nicht schwarz auf weiß habe, werde ich mich nicht zu sicher fühlen.

SPORT1: Wie viele Kilometer reisen Sie für die Olympia-Qualifikation eigentlich?

Zwiebler: Das ist schon eine Menge. Mit den Flügen nach Asien und den Turnieren in Europa kommen grob geschätzt schon mindestens 60.000 Kilometer zusammen.

SPORT1: Das ist ein großer Aufwand, reich wird man beim Badminton schließlich nicht. Wie lange wollen Sie sich das neben dem Studium denn noch zumuten?

Zwiebler: Da muss man unterscheiden, wie lange man es machen kann und wie lange man es machen will. Erfahrungsgemäß haben Europäer mit Anfang 30 ihre besten Jahre. Aber ich mache meine Entscheidung davon abhängig, wie viel Spaß ich am Spielen habe und wie erfolgreich ich bin. Ich kann mich noch in sehr vielen Dingen verbessern. Dieses Potenzial gibt mir jeden Tag neue Motivation. Wenn ich mich nicht mehr steigern kann, wird es irgendwann vorbei sein.

SPORT1: Stichwort Potenzial: Von Platz 16 der Weltrangliste ist es nicht mehr weit bis ganz oben. Wo sehen Sie die Grenze des Erreichbaren?

Zwiebler: Meine Entwicklung in der Weltrangliste geht in den letzten Jahren stetig nach oben. Das will ich natürlich fortsetzen. Nach Olympischen Spielen hören auch auch immer ein paar ältere Spieler aus der Spitze auf. Ich will mich auf jeden Fall in die Top Ten und mich da stabilisieren. Und dann sehen wir mal, wie weit es noch nach vorne geht.

SPORT1: Gibt es Pläne über Olympia 2012 hinaus?

Zwiebler: London ist natürlich das zentrale Ziel. Bei allem was darüber hinaus kommt, werden wir dann mal sehen.

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