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Dirk Bauermann (l.) trainierte von 2010 bis 2012 die Basketballer des FC Bayern © imago

NBA-Profi Ben Hansbrough behauptet, der Ex-Bayern-Trainer habe Spieler physisch angegriffen. Bauermann weist das weit von sich.

Von Martin Harasimowicz und Michael Spandern

Los Angeles/München - Ben Hansbrough sagte es nicht in Rage, und er meinte es ganz offenbar auch nicht metaphorisch.

Dirk Bauermann, so behauptete dessen ehemaliger FC-Bayern-Schützling gleich in zwei Interviews nach einem NBA-Spiel wortgleich, sei "ein Trainer, der Spielern an die Gurgel geht".

Ein Vorwurf, der den 55-Jährigen bis ins Mark erschüttert - und den er bei SPORT1 weit von sich weist. "Das ist das Abstruseste, das ich je gehört habe. In meinem Leben habe ich noch keinen Spieler angefasst. Einfach unfassbar - alleine auf die Idee zu kommen."

Hamann als Zeuge pro Bauermann

Er hat glaubwürdige Zeugen auf seiner Seite. Zum Beispiel Bayern-Kapitän Steffen Hamann, der von 2003 bis 2011 im Nationalteam, sechs Spielzeiten bei den Brose Baskets Bamberg und zwei in München unter Bauermann spielte.

Die Behauptungen seien "Müll. So etwas hat es in all den Jahren, in denen er mein Trainer war, nie gegeben", betont er bei SPORT1. "Und ich hatte auch nie den Eindruck, dass er die Kontrolle verloren hat."

Denis Wucherer, zu Hansbroughs kurzer Bayern-Zeit 2011 Bauermanns Assistent, versichert SPORT1: "Dirk Bauermann hat Spieler weder körperlich angegriffen noch persönlich beleidigt. Das hat er bei seiner rhetorischen Stärke auch überhaupt nicht nötig."

Viele seiner 123 Länderspiele fielen in die Ära Bauermann, und Wucherer sagt: "Solche Vorfälle gab es nie."

Pesic: Vielleicht nicht so gemeint

Genauso viel Gewicht hat die Aussage von Bauermanns damaligem Vorgesetzten beim FC Bayern, Marko Pesic. Schließlich darf der Manager spätestens, nachdem Bauermann ihm unlängst "menschliche und fachliche Qualitäten" für diesen Job abgesprochen hat, nicht zu dessen Freunden gezählt werden.

"Dass Dirk Bauermann irgendjemanden körperlich angegriffen hat, schließe ich aus", sagt Pesic zu SPORT1.

Allerdings wollte der 36-Jährige auch partout nicht wahrhaben, dass Hansbrough tatsächlich behauptet hat, Bauermann packe Spielern an die Kehle. "Vielleicht hat er gemeint, dass er - wie viele andere Trainer - Druck auf die Spieler ausübt, um sie besser zu machen", mutmaßt er.

"Eine überspannte Persönlichkeit"

Der Kontext der Interviews spricht eine andere Sprache. NBA-Profi Hansbrough, dessen Vertrag beim FCB im Dezember 2011 nach nur 137 Spielminuten in zehn Bundesliga-Partien aufgelöst wurde, kreidet Bauermann an, dass er in München floppte.

"Er ist eine so überspannte Persönlichkeit, dass ich es wirklich schwer fand, für ihn zu spielen", sagte der US-Amerikaner da. "Er wird im Training wütend, verliert die Beherrschung und geht Spielern an die Gurgel."

Bauermann erwidert: "Ich hätte nicht gedacht, dass ein verletztes Ego einen Spieler dazu bewegen kann, solche Unwahrheiten in den Mund zu nehmen. Ben sollte sich, wenn er es wirklich so gesagt hat, schnellstens entschuldigen."

Hansbrough auch in Slowenien schnell weg

Dabei hatte er den Spielmacher menschlich gar nicht in übler Erinnerung behalten: "Er war kein schlechter Kerl und hat nie versucht, schlechte Stimmung zu machen", blickt Bauermann zurück.

Aber Hansbrough sei weder bereit noch fähig gewesen, sich zu einem Spieler zu entwickeln, der mehr für andere als für sich selbst Korbchancen kreiert. "Ich habe Ben das zugetraut, als ich seine Verpflichtung empfohlen habe. Das war eine Fehleinschätzung", sagt Bauermann nun.

"Deshalb hätte er in Europa auf hohem Niveau nie eine Rolle spielen können", erklärt sich Bauermann Hansbroughs Scheitern auch bei der folgenden Station beim KK Krka in Slowenien, "wo er nach zwei Monaten auch wieder weggegangen ist - sang- und klanglos, ohne sich zu verabschieden, so wie ich das gehört habe".

14 Punkte, aber Abfuhr beim Debüt

Die Sichtweise des Spielers, der mittlerweile bei den Indiana Pacers respektable sieben Minuten pro Partie erhält, ist freilich eine andere.

Gleich nach seinem Debüt im Bayern-Trikot, der 61:90-Testspielpleite in Treviso, habe es das erste Zerwürfnis gegeben: "Ich habe 14 Punkte gemacht, ganz ordentlich gespielt, und am nächsten Tag schimpft er einen aus."

"Ben wollte individuell glänzen", glaubt Bauermann. "Und für einen Spieler, der beim dritten Spielsystem und der zweiten Pick-and-Roll-Variante überfordert war, war einfach kein Platz."

Hansbrough kritisiert dagegen: "Bauermann kann sich nicht gut auf Spieler einstellen. Als eine neue Generation von Spielern aus Amerika nach Europa kam, hat ihn das entblößt. Das ist, glaube ich, einer der Gründe, warum er seinen Job in München nicht behalten konnte."

"Ich halte ihn für keinerlei Coach"

Bauermann habe die deutschen Spieler, mit denen er bereits Erfolge gefeiert hatte, bevorzugt, klagt Hansbrough. "Gerade was Spielmacher angeht, lässt er sich nicht auf deren Stärken ein. Er wollte, dass ich die Dinge so mache, wie er es gewohnt ist - er ist also kein Player's Coach, ich halte ihn für keinerlei Coach."

Ein Player's Coach will Bauermann auch gar nicht sein: "Es ist die Aufgabe eines Trainers, Leitplanken zu setzen, an denen sich die Spieler orientieren können und müssen."

Er reklamiert aber für sich, die Spielweise eines Teams anpassen zu können, sodass die Stärken herausragender Spieler auch zur Geltung kommen. Schließlich habe das Nationalteam mit Dirk Nowitzki anders gespielt als ohne den NBA-Superstar.

Bauermanns drei Grundpfeiler

"Die Grundpfeiler waren allerdings immer die gleichen: Verteidigung auf höchstem Niveau, intelligentes, uneigennütziges Entscheidungsverhalten und mannschaftliche Geschlossenheit."

Bauermann, wenige Tage vor der laufenden Beko-BBL-Saison vom FC Bayern gefeuert, coacht inzwischen den litauischen Renommierklub Lietuvos Rytas und bereitet im Sommer die polnische Nationalmannschaft auf die EM vor.

Auch dort werde es mit den Spielern, die Bauermann nicht gut kennt, nicht funktionieren, prophezeite Hansbrough: "Die werden bald dieselbe Meinung wie ich von ihm haben."

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