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Svetislav Pesic führte Deutschland 1993 zum EM-Titel © imago

In der Beko-BBL-Kolumne "Klartext" geht Svetislav Pesic davon aus, dass die Regeländerungen Basketball noch attraktiver machen.

Die Beko-BBL-Kolumne "Klartext" erscheint unregelmäßig und greift ein aktuelles Thema auf. Deutschlands Europameistertrainer Svetislav Pesic macht sich Gedanken über die Auswirkungen der Regeländerungen zur neuen Saison.

Die 45. Spielzeit in der Beko Basketball Bundesliga bringt nicht nur für Spieler und Trainer, sondern auch für die Fans einschneidende Regeländerungen mit sich.

So ist die Drei-Punkte-Linie künftig 50 Zentimeter weiter vom Korb entfernt (jetzt 6,75 m). Die begrenzte Zone unter dem Korb ist nicht mehr trapezförmig, sondern rechteckig und rückt damit an der Grundlinie näher an den Korb heran.

Deutschlands Europameister-Macher Svetislav Pesic, der 2002 die jugoslawische Auswahl zum Weltmeistertitel führte, gibt im "Klartext" eine Einschätzung, wie die neuen Regeln das Spiel verändern werden.

Was bringen die neuen Regeln?

Viele Regeländerungen, wie beispielsweise die Einführung des Drei-Punkte-Wurfs 1984 und später die Reduzierung der Angriffszeit auf 24 Sekunden, haben unsere Sportart revolutioniert und gleichzeitig interessanter und populärer gemacht.

In meinen Augen gehören auch die jüngsten Regeländerungen, die vor allem den Angriff unterstützen, in diese Reihe. Sie werden das Spiel schneller machen.

Das Zusammenspiel bei der Penetration zum Korb und die daraus resultierenden Würfen werden sich optimieren. Generell wird der Anteil der in Korbnähe genommenen Würfe steigen.

Zunächst springen natürlich die jetzt größere Entfernung der Dreierlinie und die jetzt rechteckige Zone ins Auge.

Aber auch die anderen Regeländerungen, wie das Rückstellen der Shotclock in bestimmten Situationen auf nur noch 14 Sekunden (statt wie bislang 24 Sekunden), haben es in sich.

Oder, dass der Einwurf nach einer Auszeit in den letzten zwei Spielminuten jetzt ins Vorfeld (bisher Mittellinie) verlegt wird: Hätte zum Beispiel Serbien im WM-Halbfinalkrimi gegen die Türkei seinen letzten Einwurf nach den neuen Regeln viel näher zum Korb ausführen können, hätte das Spiel womöglich einen anderen Sieger gefunden.

Anpassung dauert nicht lange

Die Regeländerungen wurden bereits zur Saison 2009/2010 in der zweiten spanischen Liga LEB eingeführt. Ich hatte die Gelegenheit, eine große Anzahl von Spielen unter den neuen Regeln zu beobachten.

Dabei habe ich festgestellt, dass die Anpassung an die neue Dreierlinie erstaunlich schnell und reibungslos vonstatten geht.

Zwar mussten sich die Schützen erst einmal an den in den Ecken des Spielfelds nur noch 90 cm schmalen Streifen vor der Dreierlinie gewöhnen. Es gab dadurch signifikant mehr Ballverluste durch Übertreten der Auslinie. Aber schon im Dezember waren die meisten Mannschaften statistisch etwa auf dem Niveau der vorhergehenden Saison.

Ich gehe davon aus, dass diese Anpassung in der Beko BBL ähnlich schnell vonstatten gehen wird.

Zusammenspiel mit den Großen wird wichtiger

Durch die deutlich vergrößerte Distanz zwischen der neuen Dreierlinie und der "neuen" Zone steigt die Bedeutung des Eins-gegen-eins-Spiels. Die Penetration zum Korb mit einem Extrapass auf die (ballferne) Weak-Side wird viel mehr an Gewicht gewinnen.

Das Inside-Game, speziell das Ausnutzen der Low-Post-Position, wird noch mehr Dreh- und Angelpunkt der zukünftigen Angriffsplanung. Der Angriff wird näher Richtung Korb rücken.

Ich gehe davon aus, dass sich nicht nur die Anzahl der genommenen Würfe aus dem Zwei-Punkte-Bereich, sondern auch die Trefferquote erhöhen wird.

Das Zusammenspiel der Außenspieler mit den Spielern im Low Post (Inside-Outside-Game) wird noch mehr zum entscheidenden Faktor im Spiel. Entsprechend gewinnen die großen Spieler auf den Positionen vier und fünf an Bedeutung.

[kaltura id="0_5mj9hwqg" class="full_size" title="Dirk Bauermann im SPORT1 Interview"]

Neue Herausforderung für die Verteidigung

Wenn die neuen Regeln das Angriffsspiel forcieren, stellt das umgekehrt natürlich die Verteidigung vor neue Herausforderungen. Wenn ich von defensiven Aufgaben spreche, meine ich zuerst die individuelle Eins-gegen-eins-Verteidigung, aber auch das Zwei-gegen-zwei-Spiel - vor allem beim Pick and Roll.

Gespannt bin ich auch, wie die Verteidigungen gegen das Low-Post-Spiel auf die um einiges größere Entfernung zwischen Drei-Punkte-Linie und der Middle-Low-Post-Position reagieren werden.

Wo ein Spieler früher einen Meter verteidigen musste, sind es nun zwei Meter. Wo man in diesem zentralen Bereich früher einen Schritt tun musste, um bei der Team-Verteidigung zu helfen, sind es nun zwei Schritte.

Meine Überzeugung ist, dass man die Aufmerksamkeit vorwiegend auf die Deny-Defense, vor allem aber auf die "Front the Post" Defense (das Verhindern der leichten Pässe auf den Middle Post) richten muss.

Balance wird wiederhergestellt

Das Basketballspiel lebt seit jeher von einer gesunden Balance zwischen Außen- und Innenspiel, zwischen Fastbreak und Positionsangriff.

Statistisch nimmt ein Team pro Spiel rund 60 Würfe, ein Drittel davon waren über viele Jahre Drei-Punkte-Würfe. In den zurückliegenden Jahren gab es jedoch immer häufiger Partien, in denen Mannschaften die Hälfte ihrer Würfe oder sogar noch mehr von außen nahmen.

Körbe wurden immer weniger herausgespielt, Basketball drohte zu einem reinen Wurfwettbewerb zu verkommen, in dem verstärkt der leichte Dreier gesucht wurde.

Diese Entwicklung, die in meinen Augen eine Fehlentwicklung war, wird durch die neuen Regeln, die deshalb schon lange überfällig waren, korrigiert.

Für die Jugend sind 6,75 Meter zu weit

Kontraproduktiv ist die neue Dreierlinie meiner Meinung nach hingegen im Jugendbereich, wo die 6,75 Meter für die jungen Spieler einfach noch zu weit vom Korb entfernt und deshalb auch gar nicht notwendig sind.

Wie in den USA, wo die Dreierlinie in der NBA fast einen Meter weiter vom Korb entfernt ist als am College in der NCCA, plädiere ich auch bei uns für eine kürzere Dreier-Entfernung im Jugendbasketball.

>> Die Kolumne "Klartext" ist eine Publikation der Beko BBL

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