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Marko Pesic war von 1995 bis 2004 als Spieler für ALBA Berlin aktiv © imago

Der Bayern-Sportdirektor erklärt im Interview die Münchner Einkaufspolitik. Die EM sieht er nicht als Vorbereitungshindernis.

Von Andreas Kloo

München - Seit zwei Monaten ist Marko Pesic der Christian Nerlinger des Basketballs. "Von null auf hundert" hat er sich in die Aufgabe des Bayern-Sportdirektors gestürzt und gleich einige große Transfers an Land gezogen.

Mit Sharrod Ford, Je'kel Foster sowie den beiden deutschen Nationalspielern Jan-Hendrik Jagkla und Robin Benzing fühlt sich der Zweitliga-Meister gerüstet für das Unternehmen Beko BBL(BERICHT: Drei neue für den Audi Dome).

"Wir haben Spieler geholt, die uns nicht nur dieses Jahr, sondern auch mit einer gewissen Perspektive weiterhelfen werden", erklärt Pesic bei SPORT1 die Transferpolitik.

Mit einem Etat von ungefähr sieben Millionen Euro gehört der Klub jetzt schon zur Liga-Spitze.

Auch eine neue Halle haben sich die Bayern zugelegt. Die Zweitliga-Spiele wurden in der Olympia-Eishalle ausgetragen, nun wird die Mannschaft im 6.700 Zuschauer fassenden Audi Dome. der früheren Rudi-Sedlmayer-Halle, ausgetragen (NEWS: Die Bayern-Eintrittspreise).

Im Interview der Woche spricht Pesic über die Meisterschaftschancen der Münchner und äußert sich zur möglichen Verpflichtung von Lockout-Flüchtlingen aus der NBA.

Außerdem schätzt der 97-malige deutsche Nationalspieler die Chancen des DBB-Teams bei der EM ein. Länderspiele sieht er im Gegensatz zu seinem Pendant aus dem Fußball, Christian Nerlinger, alles andere als lästig.

SPORT1: Ein Job beim FC Bayern ist für viele ein Traumjob. Wie fällt ihr Urteil nach Ihren ersten Wochen als Bayern-Sportdirektor aus?

Marko Pesic: Es macht sehr viel Spaß. Vor allem, weil wir in einer gewissen Aufbruchsstimmung sind. Es passieren gerade sehr interessante Sachen und ich bin glücklich, dass ich hier bin.

SPORT1: Sie waren auf dem Transfermarkt sehr aktiv, konnten Spieler holen, die andere Klubs sicher auch gerne gehabt hätten. Gab es dennoch finanzielle Schmerzgrenzen, die von Präsident Uli Hoeneß gesetzt wurden?

Pesic: Ja klar. Wir haben ein Budget für die Mannschaft vorgelegt bekommen und das ist natürlich begrenzt. In diesem Rahmen haben wir versucht, eine Mannschaft zusammen zustellen. Dabei konnten wir natürlich nicht alles ausgeben, weil wir unvorhersehbare Ereignisse wie Verletzungen bedenken mussten. Der Verein hat im letzten Jahr mit den Ausfällen von Steffen Hamann und Demond Greene zwei sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Deshalb sind wir jetzt noch im Budget und hoffen, dass wir nicht mehr aktiv werden müssen.(DATENCENTER: Der Spielplan 2011/12)

SPORT1:Sie könnten aber noch nachlegen, falls Bedarf bestünde?

Pesic: Wenn unvorhersehbare Sachen passieren, die wir nicht anders regeln können, als neue Spieler zu verpflichten, dann werden wir sehen, ob wir das hinbekommen. Aber wir hoffen natürlich, dass dieser Fall nicht eintritt.

SPORT1: Eine andere Möglichkeit wären Lockout-Flüchtlinge aus der NBA. Haben Sie da jemanden im Blick?

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Pesic: Nein, das kommt für uns gar nicht in Frage. Erstmal, weil wir das nicht finanzieren können und Zweitens, weil wir schon eine Mannschaft zusammen gestellt haben. Bei den Lockout-Spieler besteht die Gefahr, dass sie innerhalb von 48 Stunden zurück in die NBA müssen, sobald der Lockout beendet ist. Diese Planungs-Unsicherheit ist für uns kein Thema.

SPORT1: Dirk Nowitzki käme dann auch nicht für Sie in Frage?

Pesic: Zunächst einmal bezweifle ich, dass Dirk direkt nach der Europameisterschaft zu einem Verein gehen wird. Ich glaube er wird sich erholen und dann auf die neue Saison vorbereiten. Aber wenn Dirk den Wunsch äußert, in Europa oder sogar in Deutschland zu spielen, dann ist das natürlich ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen werden. Aber er hat sich bis jetzt nicht geäußert. Deswegen ist das eher unrealistisch.

SPORT1: Welchen Ihrer neuen Spieler sehen Sie denn als "Königstransfer"?

Pesic: Ich glaube, so einen gibt es gar nicht. Damit würde man dem ein oder anderen Spieler Unrecht tun. Wir haben Spieler geholt, die uns nicht nur dieses Jahr, sondern auch mit einer gewissen Perspektive weiterhelfen werden. Wir haben bei der Zusammenstellung der Mannschaft darauf geachtet, dass die Spieler gut zusammen passen. Darauf haben wir unser Augenmerk gelegt. Sehr nüchtern betrachtet ist das die Mannschaft, wie wir sie uns vorgestellt haben und jetzt müssen wir sehen, dass wir daraus eine Einheit bilden.

SPORT1: Ist das denn auch ein Team, mit dem man schon um die Deutsche Meisterschaft spielen kann?

Pesic: Das kann man nicht vorausplanen. ALBA Berlin beispielsweise ist letztes Jahr mit sehr hohen Erwartungen in die Saison gegangen - man wollte unbedingt Meister werden und sich für die Euroleague qualifizieren. Wenn man den Kader zu Beginn sieht und dann vergleicht, in welcher Zusammenstellung das Team aufgehört hat ? da ist sehr viel passiert. Trotz aller Änderungen - es wurden ja unter anderem beide Aufbauspieler und der Trainer getauscht - waren sie eine Minute vor Schluss des fünften Finalspiels sogar Meister. Was ich damit sagen will: Jetzt kann man noch nicht sagen, wer ein Meisterschaftsfavorit ist oder dass man mit diesem Team den Titel holen kann.

SPORT1: Neben der Beko BBL stehen Sie unverhofft auch noch im Eurocup. Welche Rolle spielt dieser Wettbewerb bei Ihren Saisonszielen?

Pesic: Dass wir diese Wildcard bekommen haben, ist ein Zeichen, dass das Projekt FC Bayern auch in Europa sehr gut aufgenommen wird. Wenn wir diesen Wettbewerb spielen, dann richtig. Wir gehen nicht hin und sagen: "Jetzt sind wir halt dabei, mal sehen dass wir ein bisschen Erfahrung sammeln", sondern wir wollen schon ein paar Spiele gewinnen. Wenn wir es schaffen, in die Top 16 zu rutschen, wäre das natürlich ein Riesen-Erfolg.

SPORT1: Sie eröffnen am 29. September den Audi Dome gegen den türkischen Meister Fenerbahce Istanbul. Ist die türkische Liga der internationale Maßstab, mit dem Sie sich messen wollen?

Pesic: Nein. Ich bin sehr gut befreundet mit Neven Spahija, dem Trainer von Fenerbahce und der Verein war auch sehr interessiert. Sie haben sogar ihr eigenes Turnier, dass am folgenden Wochenende stattfindet, um einen Tag verschoben, weil sie gerne in München spielen wollten. Das hat mit einer Signalwirkung nach außen überhaupt nichts zu tun.

SPORT1: Dennoch wird in der Türkei kräftig investiert. Besiktas hat sich offensichtlich Deron Williams gesichert. Wie stehen Sie dazu?

Pesic: Es scheint so, dass die türkische Wirtschaft zur Zeit aufblüht. Das kann man daran sehen, dass Turkish Airlines die Euroleague sponsert, Beko, ein türkisches Unternehmen, sponsert nicht nur die BBL, sondern auch die russische Liga ? da bewegt sich sehr viel. Wenn man dort das Geld hat, um in den Basketball zu investieren, ist das für den Sport natürlich super. Aber wie langfristig und standhaft das ist, wird man sehen. Aber dass NBA-Spieler in die Türkei gehen - ich glaube Williams wird nicht der einzige sein ist ein Zeichen, dass Basketball in der Türkei eine große Rolle spielt.

SPORT1: Auch der FC Bayern hat einen Zuschaueransturm zu verzeichnen, die Stehplatz-Dauerkarten sind schon vergriffen. Gleichzeitig steigt dadurch auch der Druck. Haben Sie Befürchtungen, dass bei ausbleibenden Erfolgen auch das Zuschauerinteresse abnimmt?

Pesic: Ich hoffe, dass nicht nur Sieg oder Niederlage darüber bestimmen, ob die Halle voll wird, sondern auch die Einstellung der Spieler, die Art und Weise und mit welchem Enthusiasmus sie für diesen Verein spielen. Der Funke muss auch auf die Fans überspringen, damit sie auch in schweren Zeiten und nach mehreren Niederlagen ihr Team unterstützen. Die Mannschaft ist auch auf der Basis zusammen gestellt, dass sie Emotionen weckt und sich für den Verein zerreißt.

SPORT1: Zum Nationalteam: Die Teilnahme von Dirk Nowitzki und Chris Kaman macht Hoffnung auf eine erfolgreiche EM. Was ist drin fürs DBB-Team?

Pesic: Der Titel wird es sicherlich nicht. Da gibt es Mannschaften, die eingespielter und erfahrener sind als unser Team. Abgesehen von den beiden NBA-Spielern plus Jan-Hendrik Jagla und Steffen Hamann haben wir eine sehr junge Mannschaft, aber auch eine Mannschaft mit einer sehr großen Perspektive. Jetzt gilt es, dieses Team mit Dirk und Kaman zusammen zubringen, damit es funktioniert und jeder Spieler seine Rolle kennt. Das Ziel sollte sicherlich sein, die ersten sechs Plätze, die im nächsten Jahr eine Qualifikation für Olympia garantieren, anzugreifen. Aber auch wenn es nicht klappt, ist es nicht so schlimm. Aber jetzt über eine Medaille zu sprechen, ist total unrealistisch.

SPORT1: Könnte sich für den FC Bayern ein Nachteil daraus ergeben, dass neben dem Trainer auch mehrere Spieler (Hamann, Jagla, Benzing, Schwethelm, Anm. d. Red.) aktiv sind und dadurch eine kürzere Erholungszeit haben?

Pesic:Ich habe selber jahrelang für Deutschland gespielt und muss sagen: Das Trikot der deutschen Nationalmannschaft ist heilig! Über die Nationalmannschaft kommt nichts. Wir stellen jetzt vier Nationalspieler und den Bundestrainer, aber wir sind stolz, dass sie bei der Nationalmannschaft sind. Natürlich haben wir dadurch weniger Zeit, um die Mannschaft einzustellen, damit sie am 3. Oktober zum Liga-Auftakt in Bonn gut spielt. Aber Dirk (Bauermann, Anm. d. Red.) ist erfahren in solchen Situationen und viele Spieler haben schon mit- und gegeneinander gespielt und kennen sich. Deshalb lässt sich dieses Problem auch lösen.

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