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David Holston (r.) erzielt im Schnitt 17,2 Punkte, John Bryant (l.) kommt auf 14 Zähler © imago

Wer bekommt die Krone des wertvollsten Spielers? Holston hat den nötigen Funk. Ulms Bryant beeindruckt als "Monchhichinator".

Von Sven Simon

Köln - Es gibt viele Kriterien, die angelegt werden können bei der Wahl zum wertvollsten Spieler der Saison.

Wer soll also der Nachfolger von DaShaun Wood werden - der Profi mit den besten Statistiken, einer aus dem Kader des Tabellenführers oder doch derjenige, der ligaweit seinem Team am meisten fehlen würde?

Die tief besetzten Brose Baskets könnten beispielsweise den Verlust von P.J. Tucker weitaus besser verschmerzen als die Telekom Baskets Bonn den von Tony Gaffney.

Natürlich muss der Blick bezüglich des MVPs schon auf die oberen Tabellenränge gerichtet werden, denn wie wertvoll kann ein Sportler schon sein, wenn sein Team im Mittelmaß dümpelt?

Aber da mit den Brose Baskets, ratiopharm Ulm und den Artland Dragons drei Teams an der Spitze der Beko BBL stehen, die auch außergewöhnliche Einzelkönner mit imposanten Statistiken in ihren Reihen haben, schließt das eine das andere zum Glück nicht aus.

Tucker der Bamberger X-Faktor?

Beim Meister stellt sich die Frage: Wer ist der eine entscheidende Mann bei dem Klub, der es nach Leverkusen (1990 und 1991) und Berlin (2002 und 2003) als dritter in der Geschichte der Liga schaffte, das Double von Meisterschaft und Pokal zu verteidigen?

Wie auch in der Spielzeit 2010/11 ist es schwer, bei den Bambergern einen Akteur über die anderen zu stellen.

Topscorer und effektivster Profi ist P.J. Tucker, aber irgendwie fühlt es sich falsch an, den Neuzugang zum MVP zu küren.

Schließlich holte das Ensemble von Teamspielern auch ohne ihn vier Trophäen in den vergangenen zwei Jahren (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Außerdem: Auch wenn Tucker als Combo-Forward in allen Bereichen des Spiels stark genug ist, um einen würdigen MVP der Beko BBL zu repräsentieren, so gibt es doch zwei Akteure, die ihm vorzuziehen wären.

Es sind die beiden effektivsten Profis der Liga, ohne die ihr Klub mit Sicherheit wesentlich tiefer in der Tabelle rangieren würde.

[kaltura id="0_cj5l8aec" class="full_size" title="Bamberg putzt die "Spatzen""]

Gesamtpaket John Bryant

Zum einen ist das John Bryant. Der Center von ratiopharm Ulm ist bester Rebounder und statistisch gesehen der effektivste Profi der Liga.

Ein Tanzbär mit weichem Handgelenk, der weit mehr Kondition hat als noch vergangene Saison. In sechs Partien griff er Rebounds im zweistelligen Bereich ab, gegen Bamberg, Trier und Oldenburg kam er sogar auf 15 oder mehr Bretter.

Der Koloss aus Kalifornien mit dem angenehmen Wesen ist als Mischung aus Kuscheltier und Zonenzerstörer quasi der Monchhichinator der Liga.

Positiv ist dabei, dass er in der Offense kaum Egotouren mit wilder Wurfauswahl fährt, sondern sich die meisten seiner Punkte aus dem Spielverlauf heraus ergeben.

Zauber-Zwerg überzeugt

Aber mit David Holston gibt es einen Spieler, der dem MVP des Allstar-Games vorzuziehen wäre.

Der Zwergen-Spielmacher der Artland Dragons liefert sich einen heißen Kampf mit Oldenburgs Bobby Brown um Platz eins in der Topscorer-Liste und ist einer der besten Assistgeber der Liga. Kurz ein paar Höhepunkte: Gegen Phoenix Hagen lieferte er 28 Punkte, neun Assists und sieben Rebounds, gegen die Giessen 46ers 29 Zähler und sechs Assists.

Wem in diesen Fällen der Gegner nicht prominent genug ist, dem seien Holstons 25 Punkte und fünf Assists beim Sieg gegen ALBA Berlin ans Herz gelegt.

Oder auch sein Auftritt im Derby (18 Punkte, acht Assists und fünf Rebounds) gegen Oldenburgs früheren NBA-Profi Brown, sowie seine vier Dreier in der Verlängerung gegen die Bayern inklusive des Gamewinners vom Parkplatz.

Sensationspotential bei Holston

Holston hat ein perfektes Mittelmaß zwischen dem Forcieren des eigenen Abschlusses und dem Blick - gerne auch aus dem Drive heraus - für freie Mitspieler.

Außerdem ist die Aufbau-Position die am stärksten besetzte in der Beko BBL.

Da geht es in der Spitze gegen Jungs wie Brian Roberts, DaShaun Wood, Bobby Brown und Jared Jordan, und selbst bei Tübingen als Mittelklasseteam erwartet einen mit Lou Campbell ein Gegner, der vor zwei Jahren bei den Eisbären Bremerhaven selber noch MVP-Kandidat war.

Außerdem hat das Spiel von Holston einfach mehr Funk als das von Bryant und zieht einen leichter in seinen Bann.

Das ist kein objektives Kriterium, aber am Ende spielt Holstons Größe von nur 1,70 Metern natürlich eine Rolle: die Aussicht, den kleinsten Spieler der Liga zum MVP zu küren, ist rein story-technisch einfach zu gut, um von den wählenden Journalisten im Sinne der Objektivität komplett ausgeblendet werden zu können.

Brown würdiger MVP-Kandidat?

Kurz zu Bobby Brown von den EWE Baskets Oldenburg, dessen Name bei der MVP-Diskussion auch immer mal wieder fällt.

Als er in der Saison 2007/08 bei ALBA Berlin gespielt hat, war die deutsche Basketball-Gemeinde begeistert von ihm.

Eigentlich nur als zweiter Aufbau geholt, wurde er nach Goran Jeretins Kreuzbandriss noch vor Saisonbeginn zum Starter befördert. Ein Einser, der frisch vom College kam, führte die Albatrosse wie ein Veteran bis zur Meisterschaft.

Er sog das Wissen von Luka Pavicevic ? früher selber Weltklasse-Aufbau ? in sich auf, gab vorne und hinten mit vollem Einsatz den Duracellhasen und bildete mit Julius Jenkins ein Alley-Oop-Duo, wie es von zwei Guards noch nie vorher in der Liga zu sehen gewesen war.

"I don't play defense"

Bei seinem zweiten Engagement in Deutschland sind von seinem Rundum-Sorglos-Paket oftmals nur noch die immer noch beeindruckenden Scorer-Fähigkeiten zu sehen (wie schwer der athletische Einser zu stoppen ist, zeigt die Tatsache, dass niemand in der Liga öfter an der Freiwurflinie steht).

Da er bereits in Berlin und auch in der NBA bei Sacramento und New Orleans gezeigt hat, dass er in allen Bereichen unseres Spiels großartig sein kann, ist es enttäuschend, dass seine Spielweise und seine Körpersprache nun weniger an seine Zeit in Berlin, sondern an Bill Murrays Satz in einer Szene bei Space Jam erinnern: "I don't play defense."

Deshalb fällt Brown als MVP-Kandidat raus.

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