Boki in Bamberg: "Das, was die Leute nicht erwarten"
Aus Bamberg berichtet Michael Spandern
Bamberg - Zwei Spieler hat der Deutsche Meister in die NBA abgegeben, ein dritter hätte gehen können.
Doch auch ohne Brian Roberts (New Orleans Hornets) und P.J. Tucker (Phoenix Suns) sowie den statt nach Oklahoma City nach Vitoria gewechselten DBB-Center Tibor Pleiß verlängerten die Brose Baskets ihr Titel-Abo - da sich Bostjan Nachbar für Bamberg und gegen eine Rückkehr in die NBA entschied.
Mit 26 Punkten war der Transfer-Coup Bambergs Topscorer beim Overtime-Sieg gegen ratiopharm Ulm im Champions Cup ( Nachbericht).
Mit Kasan im Euroleague-Viertelfinale
317 Spiele für die Houston Rockets, New Orleans Hornets und New Jersey Nets hat er in der Vita, dazu massig Euroleague-Erfahrung. Zuletzt führte er die neureichen Russen von Unics Kasan bis ins Viertelfinale.
Nun aber spielt der slowenische Nationalspieler, der bei der EM 2005 gegen Deutschland den Halbfinal-Einzug verpasste, in Oberfranken.
Was eine telefonische Frauenfreundschaft damit zu tun hat, verrät "Boki" Nachbar im SPORT1-Interview. Außerdem spricht der 32-Jährige über seine Rolle bei den Bambergern, einen Vulkanausbruch 2013 und den SPORT1-Experten Pascal Roller.
SPORT1: Herr Nachbar, nach 317 Spielen in der NBA und drei Top-Adressen in Russland und der Türkei spielen Sie nun für Bamberg. Manager Wolfgang Heyder sagt, der Zufall hat dabei geholfen. Wie genau kam der Wechsel zustande?
Bostjan Nachbar: Ich hatte einige Optionen - die NBA war eine davon. Ich habe überlegt, mich den Sommer hindurch in Camps anzubieten. Es war seit einigen Jahren meine Sehnsucht, in die NBA zurückzukehren. Vor eineinhalb Jahren hatte ich eine schwerwiegende Sprunggelenksverletzung, die meine Chancen wohl ruiniert hat. Wenn du mehrmals pausieren musst, ist es schwer, das nötige Level zu erreichen. Also entschloss ich mich, etwas zu tun, das die Leute nicht erwarten - und bin nach Deutschland gewechselt. Ich habe mich für einen Titelanwärter entschieden, bei dem ich eine große Rolle spiele. Außerdem wollte ich wieder näher an meiner Heimat sein. Von hier aus sind es ja nur rund vier Stunden mit dem Auto. Nach 14 Jahren im Ausland bedeutet mir das eine Menge.
SPORT1: Bei Dynamo Moskau haben Sie 2008 einen Vertrag unterschrieben, der ihnen eine Jahresgehalt von mehr als drei Millionen Euro netto zusicherte. Auch Efes Pilsen Istanbul und Unics Kasan dürften nicht schlecht gezahlt haben. Haben Sie nun bei den Brose Baskets erhebliche Abstriche machen müssen?
Nachbar: So ist es. Aber es ging mir bei diesem Wechsel überhaupt nicht ums Geld. An diesem Punkt in meiner Karriere jage ich nicht mehr großen Verträgen hinterher. Wenn ich in die NBA gegangen wäre, hätte ich für ein Mindestgehalt unterschrieben. Ich will den Sport genießen, und das kann ich hier.
SPORT1: Wer hat Ihnen das vorab gesagt?
Nachbar: Ich habe mit Casey (Kapitän Jacobsen, Anm. d. Red.) gesprochen, mit dem ich 2005 etwa eine halbe Saison in New Orleans zusammengespielt habe. Seine Frau und meine sind seither in Kontakt geblieben. Ich habe ihn angerufen, und er hatte großen Einfluss darauf, dass ich hergekommen bin.
SPORT1: Was genau hat er erzählt?
Nachbar: Wie professionell hier alles abläuft, wie gut Coach Fleming ist und wie wohl er sich in der Stadt fühlt. Es macht einen großen Unterschied, so etwas von jemandem zu hören, den du kennst und dem du vertrauen kannst.
SPORT1: Sie sind quasi der Nachfolger des besten Offensivspielers der Liga, P.J. Tucker. Was genau erwartet Chris Fleming von Ihnen?
Nachbar: Ich soll verschiedene Positionen spielen. Meine Aufgabe beschränkt sich nicht darauf zu punkten. Ich soll einer der Leader werden, und diese Herausforderung nehme ich an. Mit meiner Erfahrung und Aggressivität will ich all denjenigen, die hier Titel geholt haben, helfen, das Team dort zu halten, wo es hingehört: ganz oben.
SPORT1: Sie haben im Champions Cup mal Small, mal Power Forward gespielt. Was liegt Ihnen eher?
Nachbar: Bei meinen vorigen Klubs musste ich als Power Forward zumeist sehr statisch agieren. Ich mag es mehr, mich zu bewegen, zu dribbeln und zu passen - einfach eingebunden zu sein. Egal, ob auf der Position 3 oder 4.
SPORT1: 2013 steht die EM im eigenen Land an. Wie groß ist Ihre Vorfreude, nachdem sie voriges Jahr wegen einer Operation am Knöchel absagen mussten?
Nachbar: Das hat mich richtig runtergezogen. Das Nationalteam steht für mich an erster Stelle. Nächstes Jahr, daraus machen wir kein Geheimnis, wollen wir unbedingt eine Medaille. Das haben wir noch nie geschafft haben, auch wenn wir nahe dran waren. In Slowenien spielen die Leute jetzt schon verrückt. Wenn die EM dann losgeht, wird es wie ein Vulkanausbruch sein.
SPORT1: Ihr erstes Pflichtspiel für Bamberg hat bei SPORT1 Pascal Roller co-kommentiert...
Nachbar: An den habe ich schlechte Erinnerungen, den mag ich nicht so gern (lacht). Nein, er ist ein großartiger Spieler, vor dem ich viel Respekt habe. Er hat in Belgrad ein fantastisches Spiel im Viertelfinale gegen uns abgeliefert (15 Punkte, Anm. d. Red.). Damals hätten wir die Chance gehabt, ins Halbfinale oder wie Deutschland ins Endspiel einzuziehen. Ich habe Pascal hier nur kurz gesehen, vielleicht haben wir bald mal die Chance, länger darüber zu sprechen.
SPORT1: Die Beko BBL hat einen Award nach Roller benannt - den für den sympathischsten Spieler. Haben Sie das Zeug dazu, den zu gewinnen?
Nachbar: Für den sympathischsten? Nein, den will ich nicht gewinnen. Ich will zunächst mal Meisterschaften gewinnen. Danach können wir uns über solche Preise unterhalten.