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Marco Baldi wurde 2009 zum Vereinsfunktionär des Jahres ausgezeichnet
Marco Baldi baute aus dem Konkurs-Klub DTV Charlottenburg ALBA Berlin auf © getty

Der ALBA-Manager sagt bei SPORT1 trotz des Siegs im Champions Cup Täler voraus - und hofft auf ein Umdenken des FCB.

Aus Berlin berichtet Michael Spandern

Berlin - Mit einem Schmunzeln genoss Marco Baldi den Gewinn des Champions Cups.

Und die Ironie, dass ALBA Berlin nach einem Sommer, in dem er statt von Titeln von Geduld gesprochen hatte, gleich eine Trophäe in Händen hielt.

Der Sieg des Pokalsiegers über Meister Brose Baskets Bamberg stellt manche Zweifler am neuen Weg der Berliner ruhig. Die Zweifel des Managers am schnellen Erfolg der Albatrosse aber bleiben, wie er im SPORT1-Interview erläutert.

Über den FC Bayern will Baldi an diesem Abend eigentlich nicht sprechen - macht es dann aber aus freien Stücken doch.

Zudem erklärt er bei SPORT1 die Kaderzusammenstellung bei ALBA, die Qualitäten der Anti-John-Bryants und die Rolle von "Heißkiste" Jagla.

SPORT1: Herr Baldi, ALBA hat keine Titelambitionen angemeldet, aber den ersten Titel eingefahren. Eine geschickte Strategie...

Marco Baldi: Wir sind nicht ambitionslos, müssen aber realistisch sein. Das waren wir im Übrigen auch in den vorigen Jahren - nur wollte es keiner hören. Nun sind da Spieler im Markt, die so kräftig aufschlagen und sich so duellieren, dass jeder versteht, wenn wir da nicht mitgehen.

SPORT1: Einen dieser finanziellen Big Player hat ALBA geschlagen, obwohl der weit weniger neue Spieler integrieren musste. Wie weit verschiebt der Sieg gegen Bamberg die Erwartungshaltung nach oben?

Baldi: Gar nicht. Man hat auch gesehen, wie viel abgebrühter die Bamberger sind. Sie haben geschickt Fouls begangen und Fouls gezogen. Bei uns sind viele junge Leute, die sich freuen, hier zu sein und sich längerfristig gebunden haben, die haben eine gigantische Begeisterung. Ich glaube, das hat in diesem Spiel eine große Rolle gespielt. Aber das Tal wird mit so einer jungen Mannschaft zwangsläufig kommen. Entscheidend wird sein, wie sie sich da wieder rauszieht. Es ist ein ganz weiter Weg, bis dieses Team so stabil und reif ist, dass es auch große Spiele gewinnt.

SPORT1: Viele befürchteten vor dem Champions Cup, dass die Centerposition Berlins Schwachstelle werden könne. Doch die dynamischen ALBA-Center könnten auch einige das Fürchten lehren...

Baldi: Jeder versucht es da mit seiner Philosophie. Es gibt in Deutschland nur einen John Bryant. Einige haben versucht ihn zu kriegen, und die Bayern haben ihn halt geholt. Der verändert natürlich das Spiel. Man kann versuchen, irgendeinen Brocken dagegen zu setzen - wir haben das Gegenteil gemacht. Unsere Mannschaft wird von Begeisterung, Aggressivität und vor allem auch Schnelligkeit leben. Da brauchen wir große Leute, die dazu passen - wie Jan Jagla, der das Spiel auseinanderziehen kann, Levon Kendall, Leon Radosevic...

SPORT1: Jonas Wohlfarth-Bottermann nicht zu vergessen...

Baldi: Wie wichtig der ist, hat man ja gesehen. Er hat, obwohl er schlank ist, die Physis, um seine Position zu halten. Wenn wir das ausspielen, was wir haben, nämlich Schnelligkeit und Beweglichkeit, wird es auch für den Gegner schwer, sich auf uns einzustellen.

SPORT1: Radosevic, erst 23 Jahre alt, könnte ein Glückgriff werden. Wie ist es zu dieser Verpflichtung gekommen?

Baldi: Wir haben ihn schon eine ganze Weile auf dem Zettel. Glücklicherweise hat sich Armani Mailand entschieden, den Vertrag mit ihm aufzulösen, und wir waren rechtzeitig zur Stelle.

SPORT1: Was hat ALBA für die vielen Neuzugänge interessant gemacht?

Baldi: Alle Spieler, die hier sind, wollen hier arbeiten und wissen, was für ein Trainer Sasa Obradovic ist. Sie haben Sasa gewählt und damit meine ich Intensität. Sie haben die Bereitschaft, sich zu verbessern und sich längerfristig zu verpflichten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn Mitbieter im Markt sind, die schon während der Saison wahrscheinlich 50 Prozent aller Spieler angesprochen und denen gesagt haben: "Du bist ganz interessant für uns."

SPORT1: Nur mit jugendlichem Enthusiasmus geht es aber nicht. Den Siegtreffer gegen Bamberg hat mit David Logan ein 30-Jähriger versenkt...

Baldi: Wir haben da ein gutes Gemisch. Nehmen Sie Sven Schultze, der keine einzige Sekunde gespielt hat. Der ist der Lauteste auf der Bank und der Erste beim Training. Die jungen Leute sehen, dass eine Karriere wie seine mit 121 Länderspielen nicht allein durch Talent oder glückliches Timing möglich ist, sondern harte Arbeit erfordert. Die Erfahrenen, zu denen ich auch Logan, Clifford Hammonds, Jagla und - obwohl er noch nicht auf dem Zenit ist - Alex King zähle, sollen die Jüngeren hochziehen.

SPORT1: Muss Jagla dazu von Schultze lernen, auch auf der Bank positiv zu sein und sich häufiger mit 2:54 Spielminuten zufrieden zu geben?

Baldi: Nein, er ist positiv und hat in seiner Karriere schon alles erlebt. Er weiß ganz klar, unter welchen Voraussetzungen er hierher gekommen ist. Dass er eine Heißkiste ist und dennoch lieber jede Sekunde auf dem Feld stehen will, ist normal.

SPORT1: Aber ist die geringe Einsatzzeit ein Fingerzeig, was seine Rolle betrifft?

Baldi: Das weiß ich nicht. Wir werden so viele Spiele haben, Spieler werden ins Tal kommen. Wir brauchen auch Spieler, die dann da sind und die man nicht erst drei Spiele lang aufbauen muss. Da gehört Jan mit Sicherheit dazu.

SPORT1: Anders als in den Vorjahren war bei der EM nur ein Albatros für Deutschland dabei. Wie viele werden es bei der WM-Qualifikation im nächsten Jahr sein?

Baldi: Das muss der Bundestrainer entscheiden. Wir sind der Klub, der in den letzten Jahren mit Abstand die meisten Spieler entwickelt hat - sowohl für die Bundesliga als auch fürs Nationalteam. Jonas und Akeem Vargas müssen sich nicht verstecken, die können auf diesem Niveau spielen. Ich hoffe, dass sich der FC Bayern nicht nur darauf versteift, Spieler von irgendwo wegzuholen, sondern seine Strahlkraft auch nutzt, um Spieler zum Basketball zu bringen. Bayern München kann so etwas. Und dann werden alle davon profitieren.

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