Erdbeben? Nein! SPORT1-Redakteur Michael Spandern wird Zeuge eines Weltrekordversuchs und erlebt den Dirkules-Hype auf Litauisch.

Kein Parkplatz, dafür die böse Befürchtung, dass der desaströse Zustand der lettischen Straßen plötzlich nach 50 km landeinwärts in Litauen in meinem Kopf Spätfolgen zeitigt, als sei ein Schlagbohrer unter Starkstrom im Einsatz.

Meine Ankunft im deutschen Vorrunden-Ort Siauliai am Montagabend ist im Wortsinne erschütternd.

Rund fünf Minuten dauert das Phänomen, dass über sechs Städte des Basketball verrückten Baltikumstaats hereinbricht.

Erst als ich die vermeintliche Naturgewalt durch das krampfhafte Klammern an meinen Koffer langsam vom Kopf zurück in die Erde abgeleitet habe, dämmert mir, dass ein direkter Zusammenhang mit der EM besteht, die erstmals seit 1939 erstmals wieder in Litauen steigt.

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Hunderte, nein Tausende von Menschen überfluten die Jablonskio Street, in Händen einen orange-weißen Plastikball mit dem Eurobasket-Logo.

Ein Streetball-Turnier - bei dem sowohl Vier- als auch 75-Jährige auf Korbjagd gehen? Hier halte ich nichts mehr für ausgeschlossen.

Aber nein, soeben ist ein Weltrekordversuch vor der 2007 eröffneten Arena im Südwesten der Stadt über den Asphalt gegangen. Auch in den drei weiteren Vorrunden-Orten Klaipeda, Alytus und Paneyezys sowie in der Hauptstadt Vilnius und in Kaunas, wo die K.o.-Runde steigt, dribbelten die Litauer minutenlang mehr oder weniger synchron.

Zu Ehren des besten Basketballers Europas, den sie live bejubeln dürfen? Richtig, bestätigt ein junger Mann. Dann dürften sie sich hier in Siauliai ja besonders geehrt fühlen, meine ich.

Nein, wundert sich der Litauer mit der gehörnten, gelb-grün-roten Mütze: Arvidas Sabonis sei doch in Vilnius.

Ich hätte es ahnen müssen: Dirkules-Hype hin oder her - der 2,23-Meter-Mann, dessen Zauberpässe in Portland gern mit dem Schlachtruf "Sabadabadu!" gefeiert wurden, genießt in seiner Heimat einen unantastbaren Heldenstatus.

Er führte die Sowjetunion zum sensationellen Olympia-Gold 1988, zum WM-Titel 1982 und zum Triumph bei der EM 1985 in Stuttgart. Mit Litauen holte er 1995 EM-Silber.

Und 2011? Ist er Teil eines Weltrekords, denn insgesamt haben mehr als 55.000 Litauer die Erde zum Beben gebracht und das polnische Spektakel von 2009 überboten. Ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde winkt - und wenn mein Kopf noch immer im Stakkato nickt, dann nur in Anerkennung dieser Basketball verrückten Nation.

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