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Allen Iverson (l.) steht bei Besiktas Istanbul bis kommenden Sommer unter Vertrag © imago

Bei der Besiktas-Niederlage gegen Göttingen dreht sich alles um Allen Iverson. Der zeigt aber nur sporadisch seine alte Klasse.

Aus Braunschweig berichtet Jan Wilke

Braunschweig - Seine Teamkameraden waren längst mit hängenden Köpfen aus den grau betonierten Katakomben der Volkswagenhalle geschlichen, als die richtige Arbeit für Allen Iverson erst begann.

Da saß der ehemalige Most Valuable Player der NBA in der eher spartanisch eingerichteten Gästekabine, völlig umzingelt von Notizblöcken, Diktiergeräten und Mikrophonen.

Zwar hatte der 35-Jährige gerade mit seinem neuen Klub Besiktas Cola Turka Istanbul im Eurocup gegen die BG Göttingen verloren. Darum aber ging es den Journalisten nur am Rande. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle des Eurocup)

Iverson: 20 Minuten für die Presse

Und so redete A.I. über türkisches Essen, Deutschland, europäische Basketballfans und darüber, dass der schillernde Star überall, wo er auftaucht, wie ein König hofiert wird.

Fast generös bemerkt er: "Ich versuche, die Fähigkeiten zu zeigen, die Gott mir verliehen hat und den Leuten die Dinge geben, die sie lieben. Dass ich hier bin, ist doch großartig für die Fans."

Fast 20 Minuten nimmt er sich Zeit für die Presse. Iverson gefällt sich in der Rolle des umjubelten Megastars.

Ordentliche Vorstellung gegen Göttingen

Ihm fehle der Rhythmus und die Spielpraxis, hatte "The Answer" schon vor dem Spiel zu Bedenken gegeben. Bedingt liegt darin seine ordentliche, aber nicht überragende Vorstellung beim 83:85 gegen die "Veilchen" begründet. Dabei wird deutlich: Das Alter macht auch vor Allen Iverson nicht Halt.

Die A.I.-Fans hatten auf eine spektakuläre One-Man-Show des exzentrischen Stirnbandträgers gehofft.

Was das in die Jahre gekommene Zugpferd Iverson zeigt, ist allerdings im sprichwörtlichen Sinne weder Fisch noch Fleisch.

Licht und Schatten beim Superstar

Zögerlich von der Dreierlinie, aber mit viel Zug zum Korb. 18 Punkte, geniale Szenen wie ein No-Look-Assist und mehrere elegante Layups, aber eben auch einige eigentümliche Faux-Pas.

Etwa als ihm kurz vor Ende ein einfacher Fastbreak misslingt oder wenig später, als er tumb in den einzigen in der Nähe befindlichen Göttinger Louis Dale rennt - Offensivfoul.

Die teils weit angereisten Basketballgourmets beißen sich pikiert auf die Zunge. Ex-Nationalspieler Ademola Okulaja kommentiert gegenüber Sport1: "Allen ist heute kein Faktor."

Zwei Millionen Dollar für A.I.

Den Besuch des ersten Iverson-Auftritts in Deutschland bereuen trotzdem die Wenigsten. Sehen und gesehen haben heißt es für die meisten der 4202 Zuschauer.

Ob Anspielungen auf Iversons Pressekonferenzen zu NBA-Zeiten, Fotos oder freundliche Willkommensgrüße: Der Megastar ist besonders außerhalb des Spielfeldes geradezu omnipräsent.

Gut zwei Millionen Dollar erhält Iverson für sein Engagement in der Türkei. Damit bewegt er sich zwar nicht mehr in den Dimensionen früherer Tage - der Hype um A.I. wird aber so schnell nicht abflachen.

Besiktas glänzt ohne Iverson

"Solange ich die Dinge, zu denen ich fähig bin noch zeigen kann und meinen Level halte, würde ich gern noch eine Weile spielen", erklärt Iverson im Gespräch mit Sport1. Mit einer Rückkehr in die NBA liebäugele er nicht. Nach überragenden Spielzeiten in der amerikanischen Profiliga verließ er die Staaten gekränkt und joblos.

In Istanbul wurde "The Answer" hingegen empfangen wie ein Messias. Die einzige Antwort auf die Probleme der Türken aber scheint er schon nach drei Spielen nicht mehr zu sein.

Erst als er gegen Göttingen ab dem dritten Viertel vermehrt auf der Bank Platz nehmen muss, kommt sein Team wieder heran.

Kulawick: "Auch nur ein Mensch"

Doch, doch, es sei toll - ja - sogar eine Super-Erfahrung gewesen, gegen Iverson zu spielen, erklären die Veilchen-Akteure nach der Partie unisono.

Aber: "Man hat gesehen, dass er nicht der Überspieler ist, der er vor Jahren war. Er ist halt auch nur ein Mensch", sagt Robert Kulawick auf Nachfrage von Sport1. Der Mythos A.I. bröckelt.

Symptomatisch auch die entscheidende Szene des Spiels. Als Besiktas gut 20 Sekunden vor dem Ende des Spiels seinen wohl letzten Angriff organisiert, ist es nicht Iverson, der der tapfer kämpfenden BG den Todesstoß versetzen soll.

Meacham mit Buzzer-Beater

Mire Chapman setzt stattdessen den letzten Wurf daneben. Im Gegenzug trifft Trent Meacham spektakulär per Buzzer-Beater. Fast eine Majestätsbeleidigung - denn solche Auftritte sind nach Iversons Selbstverständis eben ihm vorbehalten.

Während sich eine Göttinger Jubeltraube bildet und die Fans euphorisch die Veilchen und nicht Iverson beklatschen, stapft "The Answer" in die Kabine.

Allein. In Braunschweig. Weit weg von den USA, der NBA und höchsten Basketballer-Weihen.

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