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Allen Iverson wurde 2001 als 76ers-Spieler zum MVP gewählt © imago

Beim Gastspiel in Göttingen zeigt Allen Iverson Licht und Schatten. Im Interview spricht über Döner und die europäischen Fans.

Aus Braunschweig berichtet Jan Wilke

Braunschweig - Es war das erwartet große Spektakel. Der Auftritt von Allen Iverson überstrahlte das Eurocup-Spiel von Besiktas Cola Turka Istanbul gegen die BG Göttingen mit Leichtigkeit.

Heim- wie Gästefans bereiteten Iverson einen warmen Empfang, schrien seinen Namen und reckten Transparente mit Grüßen in die Luft.(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle des Eurocup)

Besiktas legt Protest ein

Beinahe in Vergessenheit geriet angesichts der allgemeinen A.I.-Mania, dass die Veilchen gegen die Türken eine herausragende kämpferische Leistung zeigten.

Unter ging in dem regen Trubel um den "Superstar des Sports und der Popkultur" (BG-Coach John Patrick) auch, dass die Entscheidung erst in den dramatischen Schlusssekunden fiel.

Weil man auf Istanbuler Seite Unregelmäßigen bei der Einstellung der 24-Sekundenuhr bemerkt haben wollte, reichten die wutentbrannten Gäste nach dem Spiel Protest gegen die Wertung der Partie ein.

Das alles dürfte Iverson kaum mitbekommen haben. Gut gelaunt plauderte der 35-Jährige zur gleichen Zeit mit den Journalisten.

Im Interview spricht A.I. über den Hype um seine Person, die Umstellung auf den europäischen Basketball und seine Ziele für die kommenden Jahre.

SPORT1: Ihr erster Auftritt in der türkischen Liga dürfte Ihnen bei zwei Punkten kaum gefallen haben. Gegen Göttingen sind es 18 geworden. Reicht Ihnen das?

Iverson: Ehrlich gesagt habe ich heute einfach mehr gespielt als zuletzt, das ist der einzige Grund für diesen Unterschied. Wenn du eine Weile auf dem Court stehst, kommst du in deinen Rhythmus und spielst besser. Je länger ich auf dem Feld stehe, desto einfacher wird es für mich. In dem Ligamatch habe ich lange draußen gesessen und nicht mehr zu meinem Spiel gefunden. Das bin ich nicht gewohnt.

SPORT1: Nicht nur in der Türkei, auch bei Ihren Auswärtsspielen ist die Begeisterung riesig. Wie nehmen Sie den Hype um ihre Person wahr?

Iverson: Das ist doch super. Für die Teams, gegen die wir spielen und natürlich für die Zuschauer. Mir geht es darum, meinen Erwartungen gerecht zu werden. Was ich möchte ist, dass die Leute jedes Spiel mit mir genießen - ob wir gewinnen oder verlieren. Dafür arbeite ich hart und gebe alles, was ich kann.

SPORT1: Und es gefällt Ihnen ganz besonders, dass all die Leute nur wegen Ihnen kommen.

Iverson: Natürlich, es ist ein tolles Gefühl. Ich versuche einfach die Fähigkeiten, die Gott mir verliehen hat, auf dem bestmöglichen Weg zu zeigen. Ich will den Leuten etwas Aufregendes zeigen, über dass sie sprechen können.

SPORT1: Wie schwer war denn die Umstellung auf den europäischen Basketball?

Iverson: Die ist gar nicht so groß. Was du lernen musst, ist, den Rhythmus des jeweiligen Teams aufzunehmen. Ich glaube, Basketball ist auch in unterschiedlichen Ländern relativ ähnlich. Das Schwierige ist eigentlich eher, dass du immer wieder neue Nummern und Bezeichnungen für Spielzüge und System lernen musst, die jeder andere im Team schon kennt. Das kann schon frustrierend sein.

SPORT1: In Europa sind die Spiele kürzer. Ein Problem für Sie?

Iverson: Das ist in der Tat ein Problem (lacht). Ich bin es nicht gewöhnt, so kurz zu spielen. Es ist, als würdest du ein paar Mal auf dem Court hin und her laufen und wenn du dann auf die Uhr schaust, denkst du: Mann, die Zeit rennt ja furchtbar.

SPORT1: Sie waren viele Jahre der Superstar der NBA, wurden als Most valuable Player ausgezeichnet. Gehören Sie dort noch hin?

Iverson: Nein, das ist kein Ziel mehr von mir. Es ist ja eines, das ich schon erreicht habe. Ich war bereits NBA-Spieler, habe dort bereits so viel erreicht und so viele Dinge gemacht, auf die ich stolz bin. Mein Herz ist hier in Istanbul. Dieses Team hat mir diese Chance gegeben, deshalb möchte ich es nicht dadurch enttäuschen, dass ich nur an die NBA denke. Ich bin voll darauf fokussiert, dieses Team besser zu machen und ich kann mir gut vorstellen, meine Karriere hier zu beenden.

SPORT1: Große Spieler haben aber doch große Ziele?

Iverson: Die habe ich. Ich will Spiele gewinnen. Viele Punkte erzielen, Rekorde brechen, All-Star werden - das alles sind Dinge, die ich schon auf dem höchsten Level erreicht habe. Als wir den Vertrag machten, wollte ich keine besonderen individuellen Dinge dort drin stehen haben. Ich will einfach ein Teamplayer sein, mich schnellstmöglich einfügen und siegen. Die ersten drei Spiele verloren zu haben - das hinterlässt einen ganz schlechten Geschmack in meinem Mund. Aber es treibt mich auch an, besser zu werden.

SPORT1: Sie sind nun 35. Wie viele Jahre werden Sie die Basketballfans noch auf dem Court erleben?

Iverson: Wenn diese Frage aufkommt, kann ich nur sagen: Ich denke in erster Linie an meine Familie, meine Frau und meine Kinder. Es kommt darauf an, wie lange sie noch mit mir auf Tour sein wollen. Eine anderer ganz wichtiger Faktor bin natürlich ich selbst: Solange ich die Dinge, zu denen ich fähig bin, noch zeigen kann und meinen Level halte, würde ich liebend gern noch eine Weile spielen. Aber wenn ich das, wozu ich gut bin, auf dem Court nicht mehr schaffe, würde ich aufhören. Ich will das Franchise Allen Iverson und die Fans nicht zerstören. Das will ich mir nicht antun.

SPORT1: Wie ist Ihr Eindruck von Europa?

Iverson: Wie ich schon sagte: Es ist wundervoll hier zu sein. Vor allem die Fans begeistern mich ? sie kommen von weit her, um mich zu sehen. Ich will ihnen alles geben, was ich ihnen anbieten kann. Ich habe noch nie einen solchen Enthusiasmus erlebt. Es sind vielleicht nur 6.000 Zuschauer, die dort rufen, aber sie hören sich an wie 10- oder 20.000. Ich bin wirklich froh aus der NBA hierher gekommen zu sein und diese Begeisterung um mich zu erleben.

SPORT1: Anderer Kontinent, andere Kultur, anderes Essen: Haben Sie schon einen Döner probiert?

Iverson: An das Essen passe ich mich gerade noch an (lacht). Ich habe hier bisher jeden einzelnen Tag dasselbe gehabt - und das mindestens zwei oder drei Mal am Tag. Eines kann ich ihnen sagen: Ich habe die French Fries und Grilled Chicken langsam satt, aber ich habe in Istanbul eine Fridays-Filiale [amerikanisches Burger-Restaurant, Anm. d. Red.] gefunden. Nun esse ich eine Menge Käsewraps. Diese Woche kommt meine Frau, ich denke dann wird es besser.

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