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Dirk Bauermann begann seine Trainerlauf- bahn 1986 an der Fresno State University © getty

Dirk Bauermann resümiert bei SPORT1 die WM. Benzing hätten "zu hohe Erwartungen" belastet, ein Youngster werde zu wenig beachtet.

Von Julia Scharf

Das Vorrunden-Aus bei der WM in der Türkei hat das deutsche Nationalteam tief getroffen. In einem denkwürtigen Krimi besiegelte Afrikameister Angola den K.o. nach Verlängerung.

Dennoch stellte sich Dirk Bauermann vor seine Youngster, mahnte aber auch mehr Trainingsfleiß an.

Wenige Tage nach der Rückkehr aus der Türkei bilanziert Bundestrainer Dirk Bauermann im SPORT1-Interview die WM und nennt Gründe für das Verpassen des Achtelfinals (Do., ab 17.30 Uhr auf SPORT1 - ein kompletter Rückblick auf die WM). Außerdem geht er auf die Fortschritte und die Defizite seiner Talente ein. 282917(DIASHOW: DIe Einzelkritik der Deutschen)

Sich am Turnier-MVP Kevin Durant zu orientieren, täte "nicht immer gut".

SPORT1: Herr Bauermann, welches Gefühl hatten Sie, als Sie zur WM in die Türkei geflogen sind?

Dirk Bauermann: Vorfreude. Wir hatten sehr hart gearbeitet und fanden uns nach den Siegen gegen die Türkei und Puerto Rico gut vorbereitet. Wir haben uns gefreut, auf der ganz großen Bühne der Welt mitmischen zu dürfen.

SPORT1: Hat sich die Stimmung bei den Debütanten und den Routiniers merklich unterschieden?

Bauermann: Gerade bei den Jungen habe ich an dem Tag, an dem wir das erste Mal in die Spielhalle trainiert haben, gemerkt, dass die Vorfreude in große Anspannung umschlug, was ja auch durchaus hilft, wenn es um Leistung geht. Der ein oder andere hat dann aber deutlich weniger gegessen und weniger gelacht.

SPORT1: Was bleibt vom Auftaktspiel gegen Argentinien in Erinnerung?

Bauermann: Was hängen bleibt, ist einerseits Genugtuung darüber, dass wir eine Mannschaft, die wirklich hervorragend besetzt ist und eine große internationale Erfahrung hat, am Rande der Niederlage hatten. Andererseits vielleicht auch eine Träne im Knopfloch, dass wir es nicht geschafft haben, sie zu schlagen, aber das wäre vielleicht auch zu viel erwartet. Aber dass wir so gut mitgehalten haben, nötigt einem viel Respekt ab. 286196(DIASHOW: Die Vorrunde der WM)

SPORT1: Danach kam das mehr als spannende Spiel mit zwei Verlängerungen gegen Serbien?

Bauermann: Die Schlussphase war etwas ganz Besonderes, wie so oft, wenn es knapp ist und um viel geht. Alle drei Sekunden irgendwelche verrückten, schlimmen oder schönen Dinge. Schön insbesondere der Dreier von Jan Jagla mit einer Sekunde auf der 24-Sekunden-Uhr, von einem Fuß im Zurückfallen. So etwas kann normalerweise nur Dirk Nowitzki. Umso schöner, dass wir nach der knappen Niederlage 24 Stunden vorher belohnt worden sind.

SPORT1: Es folgte aber ein herber Rückschlag gegen Australien. Wie ist die Mannschaft damit umgegangen?

Bauermann: Die Australier wussten nach unserem Sieg gegen Serbien natürlich, dass gerade eine junge Mannschaft viel emotionale und mentale Energie auf dem Feld lässt. Sie haben von Beginn an aggressiv versucht, uns den Schneid abzukaufen. Das ist ihnen gelungen. Da war bei uns der Tank wirklich leer. Es war das dritte Spiel in drei Tagen, da kann man keinem einen Vorwurf machen. Mir wurde relativ schnell klar, dass es nicht reichen würde. Daher habe ich mich auch schnell entschieden, die Leistungsträger für das wichtigste Spiel dieses Turniers gegen Angola zu schonen.

SPORT1: Dieses Spiel ging dennoch verloren. Warum?

Bauermann: Ich fand, dass wir über 38 Minuten alles richtig gemacht haben. Wir wussten, dass die Angolaner über großes individuelles Potenzial verfügen, jeder von ihnen sehr stark im Eins-gegen-Eins ist und auch schwierige Dreier treffen müssen. Wir wussten, dass wir mit großer Geduld vorgehen mussten und unsere Chance kommen würde. So war es dann ja auch. Wir lagen ja bis zwei Minuten vor dem Ende deutlich vorn. Dann kamen einige Situationen, die uns um den Lohn der harten Arbeit gebracht haben. Auf der einen Seite die Dreier von Gomez und Almeida, auf der anderen die Ballverluste, die sich eine Mannschaft, die weiterkommen will, so nicht leisten darf. Dann spielen plötzlich die Nerven eine Rolle. Dann kann es passieren, dass so ein Spiel in die Verlängerung geht, und da haben wir es nicht geschafft, es zu unseren Gunsten zu drehen. Das war sehr bitter, weil es unnötig war, und hat uns wirklich weh getan.

SPORT1: Wie lange haben die Spieler gebraucht, um aus diesem Tief wieder herauszukommen?

Bauermann: In der Kabine herrschte totale Niedergeschlagenheit, Sprachlosigkeit, und es floss die ein oder andere Träne, weil man so ein Spiel vielleicht ein Mal in der Karriere verliert. Wir haben dann am Abend noch zweimal mit ihnen gesprochen. Einmal direkt nach dem Spiel, dann noch mal um 12 Uhr nach dem Essen, um zu versuchen auf das zu schauen, was sie an Positivem geleistet haben. Wir wollten Ihnen klarmachen, dass wir es den Fans in Deutschland schulden, uns mit einer Energieleistung und einem Erfolg zu verabschieden. Wir haben versucht, dass Training am Morgen so zu gestalten, dass es Spaß macht.

[kaltura id="0_5mj9hwqg" class="full_size" title="Bauermann im Exklusiv Interview"]

SPORT1: Wie haben sich die drei viel beachteten Talente Tibor Pleiß, Elias Harris und Robin Benzing bei diesem Turnier entwickelt?

Bauermann: Tibor hat sich sicher weiterentwickelt, aber auch er hat noch einen weiten Weg vor sich. Er hat verstanden, dass er sowohl athletisch, als auch im individual-technischen und taktischen Bereich eine Menge Arbeit zu tun hat. Elias hat die Aufgabe, auf der Position 3 und damit weniger in Korbnähe zu spielen, sehr gut bewältigt. Aber er muss sein Handwerkszeug verbessern. Sein Wurf muss stabiler sein. Seine Verteidigung am Ball muss besser werden. Robin war auch deshalb, weil er der deutsche Topscorer in der Beko BBL war, mit zu hohen Erwartungen belastet. Die konnte er nicht bestätigen. Er hatte in der Vorbereitung Spiele, in denen er großartig gespielt hat, aber auch Spiele, in denen es ruckelte. Keiner hat enttäuscht, aber sie verstehen jetzt besser, wie groß der Wettbewerb auf der internationalen Bühne ist. Und wir dürfen Tim Ohlbrecht nicht vergessen, der nur ein Jahr älter als die Drei ist, und für mich einen großen Schritt in Bonn und in diesem Sommer gemacht hat. Er hat mit Abstand das beste Turnier gespielt, das wir bisher von ihm gesehen haben.

SPORT1: Wie weit kann der MVP der WM, Kevin Durant, mit seinen 21 Jahren eine Orientierung sein?

Bauermann: Sie müssen sich zunächst an Europäern, die eine hohe Qualität haben, orientieren. Der zu weite Blick auf die NBA tut vielleicht nicht immer gut. (Irritation um doppelten Bauermann)

SPORT1: Wie beurteilen Sie aber das, was die USA mit ihrem jungen, nicht eingespielten NBA-Dutzend abgeliefert hat?

Bauermann: Sie haben eine hervorragende Leistung gebracht und es geschafft, ihre immense Athletik mit einer guten Verteidigung und Mannschaftsdienlichkeit zu verbinden. Da muss man sicher dem Trainer Mike Krzyzewski ein Riesenkompliment machen.

SPORT1: Was ist Durant in der NBA noch zuzutrauen?

Bauermann: Vielleicht wird er in der Hierarchie eines Tages Kobe Bryant und LeBron James ablösen. Mit dieser Größe und dieser Beweglichkeit auch noch einen so stabilen Wurf zu haben, ist schon etwas ganz Besonderes.

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