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Sven Schultze gab 2000 sein Debüt in der Nationalmannschaft © imago

DBB-Routinier Sven Schultze spricht im Interview über seinen Ruf als Haudegen und Handtuchschwenker sowie die Chancen bei der EM.

Von Michael Spandern

München - Nicht wenige hatten ihn als Streichkandidaten auf ihrer Liste, doch ALBA Berlins Edeljoker Sven Schultze ist auch für Dirk Bauermann unverzichtbar.

Der 33-jährige Forward erhielt nach dem Supercup sein Ticket für die EM (ab 31. August LIVE im TV auf SPORT1) - und war davon keineswegs überrascht: "Der Coach weiß, was er an mir hat." 442265(DIASHOW: Der DBB-Kader für die EM)

Der Franke ist als kompromissloser Haudegen bekannt, aber auch als unermüdlicher Handtuchwedler, der sein Team von der Bank aus nach vorne peitscht.

"Er macht Dampf, auch wenn er gar nicht spielt", sagte Dirk Bauermann, der den Vize-Europameister von 2005 nicht nur als Ersatz für Dirk Nowitzki, sondern auch als Small Forward einsetzen will.

Im SPORT1-Interview spricht Schultze über die erste Woche mit den NBA-Stars, Schutzdienste für Dirkules und die Chancen bei der EM.

SPORT1: Herr Schultze, seit genau einer Woche sind Dirk Nowitzki und Chris Kaman bei der Mannschaft - was hat sich geändert im deutschen Team?

Sven Schultze: Wir trainieren viel 5 gegen 0, um die Systeme einzuspielen und wieder aufzufrischen. Zudem steht der endgültige EM-Kader von zwölf Spielern fest. Keiner muss sich mehr Gedanken machen, wer noch aus dem Team fliegen könnte. Jeder von uns kann sich auf seine Rolle bei der EM einstellen.

SPORT1: Was bedeutet es für Sie, mit den beiden NBA-Stars in einem Team zu stehen?

Schultze: Es ist immer schön mit Spielern dieser Klasse zu spielen. Keiner von uns hat alle Tage einen NBA-Champion an seiner Seite. Anderseits ist es für mich doch ganz normal. Einige im Team kennen Dirk schon lange oder haben zumindest 2008 bereits mit ihm gespielt. Für Lucca Staiger, Philipp Schwethelm, Robin Benzing oder Tibor Pleiß ist es etwas schwieriger, weil es das erstes Mal ist. Sie müssen erst das Gefühl dafür bekommen, ihre Freiheiten zu nutzen, wenn die Gegner Dirk oder auch Chris zu zweit oder dritt verteidigen. Wir müssen uns als Mannschaft zurechtfinden.

SPORT1: Bei den Mavericks ist Nowitzki immer mehr in die Führungsrolle hineingewachsen. Bemerken sie einen Unterschied, wie er als Leader im Vergleich zu 2008 auftritt?

Schultze: Ich sehe überhaupt keinen Unterschied. Dirk ist durch die Art und Weise, wie er spielt, ein Leader. So ist er bei den Mavericks und im Nationalteam zum Leader aufgestiegen. Er ist nicht lautstärker geworden, sondern ein ganz normaler Typ geblieben - trotz seiner Erfolge.

SPORT1: Ruft Nowitzki die jüngeren Spieler nicht auch mal zu sich und redet länger mit ihnen?

Schultze: Dirk gibt Tipps. Während des Spiels sagt er kurz etwas, im Training auch. Er hält aber keine Schwätzchen. Auch Chris gibt Tipps: Tibor Pleiß hat er im Training Ratschläge gegeben, wie er im Low-Post den Ball besser schützen kann. Die NBA-Spieler sind vor allem für die jungen Spieler sehr hilfreich.

SPORT1: Sie gelten als mit allen Wassern gewaschener Haudegen, der einstecken, aber auch kompromisslos austeilen kann. Wie gefällt Ihnen Ihr Image?

(DATENCENTER: Der EM-Spielplan)

Schultze: Jeder weiß: Ich spiele mit sehr viel Energie. Ich lange manchmal hin und mache ein härteres Foul. Das Image habe ich mir über die Jahre erarbeitet. Der Coach weiß, was er daran hat. Im vergangenen Jahr hat dem Team vielleicht ein Spieler gefehlt, der in der entscheidenden Phase hinlangt. Ich will aber nicht nur mit Härte, sondern auch mit meiner Erfahrung und mit meinen Würfen von außen dem Team helfen.

[kaltura id="0_qne65ryh" class="full_size" title="Schultze: Profitieren von Dirk"]

SPORT1: Dirk Nowitzki hat gesagt, er trage ein Fadenkreuz auf seinem Rücken. Im Nationalteam muss er ja gewöhnlich noch mehr einstecken als in der NBA. Inwieweit ist es Ihre Aufgabe, Nowitzkis Bodyguard oder Rächer zu sein?

Schultze: So extrem darf man das nicht sehen. Mir hat Coach Bauermann nicht gesagt, dass ich der Bodyguard bin. Jeder fühlt sich für Dirk verantwortlich. Jeder Gegner ist sehr motiviert gegen Dirk zu spielen, härtere Fouls stehen auf der Tagesordnung. Doch von unserem Team springt jeder für Dirk in die Bresche. Wir müssen ihn auf jeden Fall beschützen. Begeht der Gegner ein böses Foul, müssen wir ein Zeichen setzen: So nicht! Das ganze Team stärkt Dirk den Rücken, es ist keine Spezialaufgabe für mich.

SPORT1: Alle betonen, Sie seien unheimlich positiv, auch wenn sie länger die Bank drücken. Haben Sie sich das im Verlaufe Ihrer Karriere bewusst angewöhnt?

Schultze: Meine Art auf der Bank hilft mir, im Spiel zu bleiben. Ich kann nicht ruhig sitzen bleiben und muss mich bewegen. So bin ich, wenn ich auf das Feld komme, gleich voll im Spiel. Für die Spieler auf dem Feld ist es wichtig, wenn die Teamkollegen auf der Bank sie anfeuern. Für mich gehört sich das so, ich feuere meine Teamkameraden schon all die Jahre an.

SPORT1: Wie realistisch ist es für das DBB-Team, einen der ersten sechs Plätze zu erreichen?

Schultze: Das kann ich mir gut vorstellen. Wir müssen aber erst die Vorrunde gut überstehen. Wenn Dirk und Chris ihr Level aus der abgelaufenen NBA-Saison erreichen, wenn wir uns aneinander gewöhnen und gegenseitig profitieren, haben wir eine reelle Chance auf die ersten sechs Plätze.

SPORT1: Schon um das Viertelfinale zu erreichen, müsste Deutschland zwei Teams aus dem Quintett Serbien, Frankreich, Spanien, Litauen und Türkei hinter sich lassen. Welche am ehesten?

Schultze: Wir haben beim Turnier in Izmir auch ohne Nowitzki und Kaman gezeigt, was wir drauf haben. Und wir haben uns bei großen Turnieren oft gesteigert und immer besser zusammengespielt. Wir können alle Mannschaften besiegen. Nur weil sie NBA-Spieler in ihren Reihen haben, macht es sie noch nicht zu außergewöhnlichen Mannschaften. Unsere Gegner haben Respekt vor uns. Natürlich scouten sie uns und machen auch unsere Schwächen aus. Aber das gleiche machen wir auch. Wir müssen mit einer geschwellten Brust ins Turnier gehen.

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