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Vanessa Low und Markus Rehm setzen sich die Paralympics 2010 zum Ziel © getty

Im Interview der Woche sprechen die amputierten Weltrekordler Vanessa Low und Markus Rehm über den Wert des Behindertensports.

Von Michael Spandern

München - Zwei folgenschwere Unfälle. Zwei Menschen, die wieder aufstanden. Und wie.

Vanessa Low (19) und Markus Rehm (21) haben sich bei den behinderten Sportlern ganz nach oben gekämpft.

Die beidseitig oberschenkelamputierte Low holte im November ebenso wie Rehm, dem nach einem Unfall beim Wakeboarden der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, WM-Gold im Weitsprung.

Die beiden auch im Sprint erfolgreichen Leichtathleten vom TSV Bayer 04 Leverkusen, die die Paralympics 2012 fest im Blick haben und bei SPORT1 nun monatlich über ihren Weg nach London schreiben, halten zudem den Weltrekord. Low verbesserte ihren noch in der Vorwoche auf 3,98 Meter.

Im Interview der Woche von SPORT1 sprechen Low und Rehm über den Stellenwert des Behindertensports, ihre Motivation und Vorbilder sowie ihr Leben mit Prothesen. Und sie widerlegen den Vorwurf, Materialsportler zu sein.

SPORT1: Viele Randsportarten klagen über mangelnde Beachtung, von den Behindertensportlern nimmt man nicht mal deren Klagen wahr. Vermissen Sie nicht die Anerkennung für Ihre Leistungen?

Vanessa Low: Natürlich wäre es schön, wenn wir manchmal noch mehr Zuschauer hätten.

Markus Rehm: Aber das Medieninteresse wächst, und es braucht einfach ein bisschen Zeit, dass unsere Wettbewerbe noch bekannter werden.

SPORT1: Mike Powells Weitsprung-Weltrekord steht bei 8,95 m, Ihrer bei 3,98 m beziehungsweise 6,84 m. Vergleichen Sie doch einmal die Leistungen, die dahinter stehen...

Low: Wir trainieren alle sechsmal die Woche oder mehr und versuchen immer, unser Bestes zu geben. Trotzdem ist unser Leistungspotenzial noch nicht so ausgereizt wie bei den nicht-behinderten Leichtathleten.

Rehm: Wir beide betreiben unseren Sport ja noch nicht sehr lange, aber trotzdem ist das Niveau bereits sehr hoch. Nur die Leistungsdichte ist geringer als bei den nicht-behinderten Athleten.

SPORT1: Neben den Rekorden haben Sie beide auch Gold bei den Weltmeisterschaften im November in Ihren Lebensläufen. Was bedeutet Ihnen mehr?

Low: Mir persönlich der Weltrekord. Da weiß ich, dass keiner in meiner Klasse je so weit gesprungen ist wie ich.

Rehm: Der Titel war schon eine sehr schöne Sache. Aber der Weltrekord hat einfach einen höheren Stellenwert.

SPORT1: Sie wurden durch tragische Unfälle schlagartig behindert, haben ein beziehungsweise beide Beine verloren. Wie haben Sie das weggesteckt?

Low: Weil ich im Krankenhaus im Koma lag, habe ich das erst nach und nach mitbekommen. Als ich dann hellwach war, wusste ich, was passiert ist und habe es ganz gut verkraftet. Ich habe immer viel Unterstützung aus der Familie und von meinen Freunden gehabt.

Rehm: Durch die Familie und die Freunde, die einen besucht haben, war das alles relativ gut zu verkraften. Auch der Kontakt zu anderen Amputierten, die Sport treiben, hat da geholfen. Allein durch diese Motivation habe ich schnell wieder zurückgefunden.

Low: Der Sport hat das i-Tüpfelchen gegeben, ich habe mich wieder voll leistungsfähig gefühlt. Ich habe gemerkt, dass ich wieder etwas für den Körper tun kann, und auch Anerkennung gefunden. Der Kontakt zu den anderen Sportlern ist super, da man sich austauschen kann. Es ist eine schöne Gemeinschaft, sogar weltweit.

Rehm: Der Sport hilft dir einfach, über so ein Schicksal hinwegzukommen. Ich behaupte: die beste Therapie für einen frisch Amputierten wäre, mit uns ins Trainingslager zu fahren. Wie wir mit unserer Behinderung umgehen und Sport treiben wie vorher, das ist eine große Motivation.

SPORT1: Es heißt, nur wer seine Behinderung akzeptiert, kann im Spitzensport Erfolg haben. Aber was bedeutet es, seine Behinderung zu akzeptieren?

Low: Man darf nicht darüber nachdenken, was wäre wenn. Man muss damit abschließen, das Beste daraus machen und sein Leben leben wie es vorher war, vielleicht sogar noch intensiver. Man darf auch kein Problem damit haben, sich zu zeigen. Ich habe zwei Prothesen und laufe auch mit kurzer Hose rum. Ich kann mich zeigen, ohne dass ich mich schämen müsste.

Rehm: Mich schämen wegen meiner Prothesen? Ganz im Gegenteil. Ich achte darauf, dass sie cool aussehen und färbe sie auch. Da werde ich sie bestimmt nicht verstecken.

SPORT1: Allerdings müssen ihre Sportprothesen nicht nur gut aussehen?

Rehm: Nein, das ganze System muss stimmen, die Prothese muss perfekt am Bein fixiert sein und auch perfekt auf das gesunde Bein abgestimmt sein.

SPORT1: Mit dem Training verändern sich Muskulatur und Sehnen. "Tunen" Sie dann Ihre Prothesen?

Rehm: Bei Einsteigern ist es erst mal wichtig, dass sie Vertrauen in ihre Sportprothese haben und sich langsam an den Unterschied zu ihrer Alltagsprothese gewöhnen. Wenn man irgendwann schneller wird, muss man die Prothese nachjustieren. Sie müssen für die Geschwindigkeit ausgelegt sein und dem gesunden Bein auch nachkommen.

Low: Beim Autofahren kann man sich auch nicht einfach in einen Ferrari setzen und losfahren. Das geht erst, wenn man alles unter Kontrolle hat.

SPORT1: Jetzt, wo Sie beide quasi Ferrari fahren: Hören Sie oft den Vorwurf, Sie seien Materialsportler?

Low: Ich höre schon mal von nicht-behinderten Teamkollegen, die langsamer sind: die ist ja nur so schnell, weil sie drei Federn hat. Letztlich müssten die es aber besser wissen und wissen, dass auch wir hart trainieren, um schneller zu werden.

Rehm: Wir brauchen eben die Prothesen, um laufen zu können. Deswegen finde ich die Vorwürfe einfach ungerecht. Die Prothesen laufen ja nicht von allein.

>> HIER GEHT'S ZUM ZWEITEN TEIL DES INTERVIEWS

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