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100-Meter-Sprinterin und Weitspringerin: Vanessa Low © imago

Im zweiten Interview-Teil sprechen Vanessa Low und Markus Rehm über Medienpräsenz, Integration und eine Dauerdebatte.

Von Michael Spandern

München - "Was sie sich von uns abschauen können, ist die Kollegialität":

Im zweiten Teil des Doppel-Interviews der Woche von SPORT1 sprechen Vanessa Low (19) und Markus Rehm (21) auch über die emotionalen Unterschiede zwischen behinderten und nicht-behinderten Sportlern.

Die Sportler des TSV Bayer 04 Leverkusen haben zudem ihre eigene Meinung zur Dauerdebatte, ob man die Wettbewerbe der Paralympics von denen der Olympischen Spiele trennen sollte.

SPORT1: Wie unterscheidet sich Ihr Training von dem der nicht-behinderten Sprinter oder Weitspringer?

Low: Im Grunde unterscheidet sich das kaum. Die nicht-behinderten Sportler sind einfach belastbarer, da wir am Anfang oft mit Verletzungen der Stümpfe zu kämpfen haben.

Rehm: Wir müssen uns sehr auf die Prothesen konzentrieren, auf die richtige Passform und Stellung. Und auch die Technik muss stimmen. Die Bewegung muss relativ rund sein.

SPORT1: Trainieren Sie dann auch manchmal mit den Nicht-Behinderten?

Low: Derzeit nicht. Aber im Trainingslager treffen wir oft auch auf nicht-behinderte Sportler.

Rehm: Der Kontakt ist schon da, nur die Trainingsgruppen getrennt sind, trainieren wir nicht direkt mit ihnen.

SPORT1: Frau Low, Sie lasen noch im Krankenhaus beim Internet-Surfen von Cameron Clapp, der ebenfalls bei einem Zugunfall beide Beine verlor - und zudem einen Oberarm. Würden Sie Clapp ein Vorbild nennen?

Low: Schon. Er war der Erste den ich gesehen habe, der eine ähnliche Behinderung hatte, und was er daraus gemacht hat, finde ich sehr faszinierend. Ich möchte das auch erreichen.

Rehm: Als ich aufwachte, war der Hobbysportler, der neben mir im Bett lag und mir alles erklärt hat, mein Vorbild. Als ich dann gemerkt habe, dass alles gut funktioniert, brauchte ich eigentlich kein Vorbild mehr. Aber ich habe vor den Leistungen vieler Behindertensportler großen Respekt, auch Vanessa ist so gesehen ein Vorbild.

SPORT1: Sie beide werden von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert. Was ist das Wichtigste, was sie Ihnen beigebracht hat?

Low: Konstant beim Training zu bleiben, aber nicht zu übertreiben. Diese Gratwanderung, Verletzungen auszukurieren ohne die Regelmäßigkeit des Trainings aufzugeben. Sie hat mich gelehrt, auf meinen Körper zu hören und zu spüren, was möglich ist.

Rehm: Außerdem profitieren wir sehr von ihrer Wettkampferfahrung.

SPORT1: Ihr Blick geht gen London 2012. Wie viel olympischen Glanz haben die paralympischen Spiele?

Low: Sehr viel! Das sind Wettkämpfe, die sich sehen lassen können, professionell, mit vielen Zuschauern und der entsprechenden Medienpräsenz.

Rehm: Mittlerweile sind die Paralympics wirklich auf einem olympischen Niveau. Bei den Winter-Paralympics in Vancouver habe ich gemerkt, dass viel mehr Nachrichten kamen und Informationen. Es macht auch einfach viel mehr Spaß, wenn das Interesse größer ist.

SPORT1: Während der Winter-Paralympics hat sich Frank Höfle bitter beschwert, es gäbe "keine Akzeptanz für Menschen mit Behinderung. Behinderte werden in die Ecke geschoben." Die Trennung von Olympischen und Paralympischen Spielen sei das Gegenteil von Integration. Wie sehen Sie das?

Low: Da bin ich ganz anderer Meinung. Ich finde es richtig, dass es getrennte Wettbewerbe sind, und man sollte sie auch nicht vergleichen. Ich finde nicht, dass wir uns in die Ecke gedrängt fühlen sollten.

Rehm: Über Integration wird schon sehr viel diskutiert. Aber bei den Olympischen Spielen gibt es nur ein Finale über 100 Meter, und bei den Paralympics sehr viele verschiedene, zum Beispiel für Sehbehinderte, Spastiker. Das ist für die Zuschauer schwierig zu verstehen.

SPORT1: Wie kann man es verständlicher machen?

Low: Bei den Winter-Paralympics waren die Sportler mit verschiedenen Behinderungen zumeist in einem Wettkampf, und die Zeiten wurden dann gewichtet. Vielleicht sollten schwerer Behinderte einen Vorsprung bekommen, damit die Zuschauer wissen. Wer als erster ins Ziel kommt, ist auch der Sieger. Es gibt viele Lösungsvorschläge, und die beste Lösung wird dann irgendwann umgesetzt.

SPORT1: Was können behinderte und nicht-behinderte Sportler voneinander lernen?

Low: Was sich die Nicht-Behinderten von uns abschauen können, ist die Kollegialität. Ich kenne alle Sportler aus meiner Startklasse, wir sprechen miteinander und wir verstehen uns untereinander sehr gut.

Rehm: Das sehe ich genauso. Es ist zwar ein gewisses Konkurrenzdenken da, aber trotzdem ist alles sehr freundschaftlich. Andererseits können wir bei der Professionalität noch dazulernen.

Low: Beim Training könnten wir uns sicher etwas abschauen. Viele von uns können sich doch ab und an ein bisschen ausruhen, weil die Konkurrenz fehlt.

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