In ihrer Kolumne schreibt Vanessa Low über die Vorbereitung auf die Junioren-WM, prominente Ratgeber und ihren Ausbildungs-Start.

Liebe Leichtathletik-Freunde,

noch rund zwei Jahre sind es bis zu den Paralympics, aber für mich hat der Countdown bereits begonnen.

Die Spiele der Behindertensportler sind für mich ein genauso herausragendes Ziel wie Olympia für die Leichtathleten ohne Handicap. Bei SPORT1 schreibe ich ab jetzt im Wechsel mit meinem Teamkollegen Markus Rehm monatlich, wie ich diesem Ziel näher komme.

In den letzten Tagen hat sich bei mir eine ganze Menge getan. Mit dem Kader für die Junioren-WM, die am 22. August im tschechischen Olomouc anfangen, war ich vier Tage lang in einem Trainingslager in Kienbaum.

Dort haben wir unsere neue Bundestrainerin Henny Gastel kennengelernt. Ich habe mich gleich mit ihr angefreundet, sie ist echt nett, kommt beim gesamten Junioren-Team gut an und kann uns als ehemalige Dreispringerin viel beibringen.

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Frau Gastel hat auch noch zwei prominente Ratgeber im Schlepptau gehabt: Erich Drechsler, den Schwiegervater und ehemaligen Trainer von Heike Drechsler, sowie den Paralympics-Sieger von 1998 Heinrich Körberle, der ja auch Ronny Ziesmer betreut hat.

Von Herrn Drechsler - wir sprechen unsere Trainer aus der früheren DDR noch immer sehr förmlich an - habe ich wichtige Tipps für den Weitsprung bekommen, wie ich meinen Anlaufrhythmus verbessern kann. Und auch an meiner Landung, bei der ich bisher meistens einige Zentimeter verschenkt habe, haben wir gearbeitet.

In den Tagen vor Olomouc fahre ich das Training herunter, am Donnerstag und Freitag - an diesem Tag steigen wir in den Flieger - ist trainingsfrei.

Bei den Titelkämpfen geht es für mich nicht nur um die Platzierung. Denn die Konkurrenz in meiner Schadensklasse ist leider sehr klein. Aber über die Weite sowie die Zeiten, die ich über 100 und 200 Meter laufe, kann ich kontrollieren, wie ich auf dem Weg nach London vorankomme. Mal sehen, vielleicht sind im Weitsprung sogar die 4,00 Meter drin - zwei Zentimeter über meinem Weltrekord?

Dabei helfen könnten mir meine brandneuen Federn, die der weltgrößte Prothesenherrsteller meinem Verein Bayer 04 Leverkusen gesponsert hat. Das ist mehr noch als ein neues Auto für Schumi: für eine beinamputierte Sportlerin bedeutet das eine gravierende Änderung, da die Federn ja im Wettkampf quasi ein Körperteil sind.

Mit der Länge der Federn gab es anfangs Probleme, und ich musste zu einer Anpassung nach Hamburg. Nur gut, dass ich mich nicht verletzt habe, was bei neuen Prothesen nicht selten passiert.

Eine vielleicht noch größere Neuerung gibt es in meinem Berufsleben: Ich habe im August eine Ausbildung zur Mediengestalterin in Bild und Ton bei "RTL" in Köln begonnen.

Nach Abschluss meines Jahrespraktikums bei der Sparkasse hatte ich zwischendurch drei Wochen frei und habe zweimal täglich intensiv trainiert. Aber ich habe gemerkt: Nur Sport? Das ist mir auf Dauer zu wenig. Nun bin ich abends ganz schön k.o., doch das ist auch gut so.

Mit meiner Behinderung gehe ich gegenüber meinen Kollegen ganz offen um, trage auch manchmal kurze Hosen. Beim Bewerbungsgespräch hat man mir gesagt, dass der Job auch körperliche Anforderungen stellt - ich bin halt acht Stunden auf den Beinen. Aber ich kann das bewältigen, und wenn ich etwas nicht kann, dann sage ich es schon.

Noch muss ich den Sport auf den Dienstplan abstimmen und mal morgens, mal abends trainieren. Nach zwei Monaten kann ich dann aber auch mal Wünsche äußern, das dürfte mir helfen.

Eure Vanessa Low

Vanessa Low (20) aus Schwerin verlor im Alter von 15 Jahren bei einem Zugunfall beide Beine. Noch im Krankenbett fällte sie den Entschluss, im Behindertensport nach ganz oben zu wollen. Bei der IWAS-WM in Bangalore gewann sie 2009 die Goldmedaille im Weitsprung und Silber über die 100 Meter. Zudem hält sie den Weltrekord im Weitsprung (3,98 Meter). Beim TSV Bayer 04 Leverkusen wird Low von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert. Ihr großes Ziel ist die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London. In ihrer SPORT1-Kolumne berichtet sie regelmäßig über ihre Stationen auf dem Weg dorthin.

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