Vanessa Low erzählt von ihren Erfahrungen bei der WM in Neuseeland. Über Land, Leute und die Leistungen des deutschen Teams.

Liebe Leichathletik-Freunde,

praktisch frisch zurück aus Neuseeland möchte ich euch heute von meinen Eindrücken und Erfahrungen berichten. Bereits bei der Anreise gab es direkt mit dem ersten Flug Probleme, da dieser kurzfristig gecancelled wurde. Der Rest klappte ohne weitere Zwischenfälle und so kamen wir dennoch pünktlich und ziemlich gut gelaunt in Christchurch an.

Das Hotel war sehr sauber und gefiel uns auf Anhieb, jedoch war der erste Eindruck vom Essen negativ. Morgens und mittags gab es kaltes Buffet, abends lediglich gab es zwei warme Gerichte zur Auswahl. Fleisch dagegen fehlte fast vollständig auf dem Speiseplan, was gerade für Sportler ein wichtiger Bestandteil der Ernährung ist.

Die Stadt mit ihrer Mentalität und ihren Leuten gefiel uns auf Anhieb. Wir alle fühlten uns sofort wohl und waren mit den Bedingungen vor Ort sehr zufrieden.

Das Wetter dagegen war die komplette Zeit unseres Aufenthalts sehr wechselhaft. Zwischen 36 Grad und Sonnenschein sowie 15 Grad und Regen war alles dabei. Die Einheimischen haben uns erklärt das dieses Phänomen von den direkt neben der Stadt gelegenen Bergen käme, wovor sich die Wolken stauen, da sie über den Berg nicht rüber kommen und sich dann entladen.

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Nach unserer Ankunft hatten wir noch zehn Tage Zeit uns an das Klima, die Bedingungen, das Essen und natürlich an die Zeitverschiebung zu gewöhnen, bis die Eröffnungsfeier statt fand. Die Tage nutzen wir zudem um das Stadion und deren Bahn kennen zulernen und so trainierten wir täglich 1 bis 2 mal.

Das Stadion selbst war einfach spitze. Die Bahn war belegt mit einem harten und damit sehr schnellen Mondo-Belag. Da dieser für die Wettkämpfe zwar perfekt ist, aber zum Training für den Körper und gerade den Rücken eine zu starke Belastung wäre, trainierten wir überwiegend im direkt daneben gelegenen Aufwärmstadion. Auch dieses war im besten Zustand und bot optimale Trainingsbedingungen.

Im Wettkampfstadion befand sich eine große, gepflegte Tribüne, die mit großen Anzeigebildschirmen ausgestattet war.

Zum Queen Elizabeth Park gehörten aber neben den beiden Stadien zwei Krafträume, ein Schwimmbad, sowie eine kleinen Indoor-Leichtathletikanlage, Wärme- und Kältebecken und auch Fitnessräume und ein riesiges umliegendes Gelände mit mehreren Rasenplätzen.

Neben den Trainingszeiten blieb uns trotzdem noch genug Zeit um shoppen zu gehen und kleinere Ausflüge zu unternehmen. Mein Trainingspartner Markus Rehm und ich fuhren zusammen mit unserer Trainerin und einigen anderen Sportlern der Nationalmannschaft in einen nahegelegenen Hafen-Ort und die dort igelegene Gondel, mit der man auf einen der vielen Berge fahren konnte. Oben angekommen hatten wir einen einmaligen Blick über die einzigartige Landschaft Neuseelands sowie über den Hafen Lytteltons und dessen Bucht, welche zum pazifischen Ozean gehört.

Am folgenden Samstag fand dann die IPC Eröffnungsfeier statt. Statt wie üblich im Stadion, fand diese inmitten der Innenstadt Christchurchs statt. An einem Sammelplatz wurden die Nationen in Alphabetischer Reihenfolge aufgestellt und bekamen eine Volontärin. Von dort aus liefen wir durch abgesperrte Straßen zum Kathedralenplatz, vorbei an vielen Zuschauern, darunter Einheimische und Urlauber vieler Nationen.

Darunter waren auch sehr viele Deutsche, welche uns zujubelten und uns viel Glück für unsere Wettkämpfe wünschten. Auch die Eröffnungsfeierlichkeiten auf dem Platz waren sehr schön und haben uns trotz des schlechten Wetters sehr viel Spaß gemacht. Ein Highlight war der von den Maori-Indianern aufgeführte Haka-Tanz, ein Ritualtanz der Ureinwohner, der zur Einschüchterung der Gegner dient.

Der erste Wettkampftag am Sonntag begann für die deutsche Mannschaft mit zwei Goldmedaillen und einer Silbermedaille sehr gut und ließ auf weitere gute Wettkämpfe schließen.

Als ich dann am Sonntag mit meinem Weitsprungwettkampf an der Reihe war, war ich so unglaublich aufgeregt, wie ich es bisher von mir noch nicht gekannt hatte. Leider wirkte sich dies auch auf meinen Wettkampf aus und so belegte ich mit vier ungültigen Sprüngen und keinem getroffenen Balken den unglücklichen vierten Platz und blieb mit knapp einem Meter unter meinen persönlichen Bestleistungen.

Zur echten Überraschung dagegen entwickelte sich am Dienstag dann mein 100m-Rennen.

Da ich von allen Teilnehmern meiner Start-Klasse mit der schlechtesten Zeit gemeldet war, war mein einziges Ziel eigentlich eine Saisonbestleistung.

Nach einem Start, der sich sehr lange hinausgezögert hatte, kam ich zuerst nicht richtig in den Tritt, doch als ich dann nach einigen Metern meinen Rhythmus gefunden hatte, sprintete ich als sensationell Dritte ins Ziel und stellte eine absolute persönliche Bestleistung auf. Zusammen mit meiner Teamkollegin Jana Schmidt belegten wir hinter der Australierin, die auch den Weitsprung gewann, zwei der drei Treppchenplätze.

Dies war zumindest ein kleiner Trost für meinen zuvor missglückten Weitsprung Wettkampf. Über unerwartete Medaillen freut man sich einfach am meisten. Außerdem habe ich dann nächstes Jahr bei den Paralympics nocheinmal die große Chance in meiner Hauptdisziplin Weitsprung zu zeigen, was ich kann.

Mein Teamkollege Markus Reh hatte am Dienstag ebenfalls sein Weitsprung Event, welches sich zu einem echten Highlight der IPC WM entwickeln sollte. Mit einer Weite von 7,09m übertraf er nicht nur den Weltrekord seiner Klasse, sondern auch die schon lange angepeilte Sieben-Meter-Marke.

Alles in allem war die IPC WM ein sehr schöner, gut organisierter und einzigartiger Wettkampf, mit tollen Ergebnissen und insgesamt jeweils acht Gold-, Silber und Bronzemedaillen für das deutsche Team.

Abrunden sollte dies eine Abschlussfeier in einer großen Veranstaltungshalle in Christchurch. Nahezu alle Nationen waren anwesend, trugen stolz ihre Nationalflagge zur Bühne und genossen das Zusammensein mit den Sportlern der anderen Nationen. Folgen sollten natürlich noch einige kleinere Feiern in der Stadt und ein toller Ausflug nach Kaikoura zum Whale-Watching und Hammer Spring Spa-Center.

Nach einer Busfahrt entlang der tollen neuseeländischen Landschaft machten wir einen kleinen Zwischenstop an einer Meeresbucht.und hatten die einmalige Gelegenheit, Robben dort einmal in freier Wildbahn beobachten zu können.

Als Überraschung durften wir noch einen kleinen Rundflug über die Meeresbucht machen.

So fuhren wir nach Kaikoura und stiegen dann in Achter-Gruppen für einen 30-minütigen Rundflug über den pazifischen Ozean in die Flugzeuge ein. Dort haben wir dann tatsächlich einige riesige Exemplare des Pottwaals beobachten können, sowie einen riesigen Schwarm Delphine.

Das Flugzeug flog dabei so tief an der Wasseroberfläche vorbei, dass wir einerseits die Tiere nicht störten aber trotzdem diese aus nächster Nähe beobachten konnten. Dies war für mich wirklich eine unvergessliche Erfahrung, obwohl ich die schnellen Kurvenfahrten des Mini-Flugzeugs nicht ganz so gut vertrug.

Mit einem netten Abend in einem deutschen Restaurant mit Live-Musik und einem netten deutschen Gastwirt schlossen wir unsere Reise ab und traten am Dienstag, den 1. Februar, die Rückreise an. Nach einer etwa 30-stündigen Reise mit Aufenthalt in Singapur landeten wir dann einen Tag später sicher in Deutschland und wurden hier direkt von dem kalten Klima überrascht.

Zum Glück hatte ich noch sechs Tage Zeit, mich an dieses Klima zu gewöhnen, ehe ich wieder mit der Arbeit begann.

Jetzt haben wir erstmal zwei Wochen Erholung und Pause vom Training um dann wieder voller Eifer ins Training einzusteigen und uns auf kommende Wettkämpfe vorzubereiten.

Meine nächste Station wird die Junioren-WM im April sein, welche in Dubai statt finden wird. Auch hierauf freue ich mich bereits sehr und hoffe tolle Ergebnisse berichten zu können!

Eure Vanessa Low

Vanessa Low (20) aus Schwerin verlor im Alter von 15 Jahren bei einem Zugunfall beide Beine. Noch im Krankenbett fällte sie den Entschluss, im Behindertensport nach ganz oben zu wollen. Bei der IWAS-WM in Bangalore gewann sie 2009 die Goldmedaille im Weitsprung und Silber über die 100 Meter. Zudem hält sie den Weltrekord im Weitsprung (3,98 Meter). Beim TSV Bayer 04 Leverkusen wird Low von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert. Ihr großes Ziel ist die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London. In ihrer SPORT1-Kolumne berichtet sie regelmäßig über ihre Stationen auf dem Weg dorthin.

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