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Rainer Schmidt war bereits bei sieben Paralympics aktiv © getty

Bei "Jugend trainiert für Paralympics" messen sich 180 junge Behindertensportler in Hinblick auf London - auch ein neuer Czyz?

Rainer Schmidt denkt voraus.

Der Aktivensprecher des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), von Beruf Pfarrer und von Herzen Visionär, betrachtet den Bundeswettbewerb Jugend trainiert für Paralympics (JTFP) als Lektion in Lebensschulung.

"Bei JTFP haben die Kinder die Chance, ein persönliches Ziel zu entwickeln", sagt der mehrfache Paralympics-Sieger im Tischtennis. (Machen Sie es wie SPORT1 und Daniel Arnold: Unterstützen Sie München 2018)

"Sie bekommen keine Note, sondern können selber sagen, dies oder jenes will ich erreichen", so Schmidt weiter.

Vier Disziplinen

Vom 7. bis 10. Juni kommen im Sportzentrum Kienbaum rund 180 Kinder und Jugendliche zusammen, vereint in 26 Mannschaften.

Sie ermitteln die leistungsstärksten Förderschüler und -schulen Deutschlands mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in zwei Wettkampfklassen und vier Disziplinen:

Leichtathletik, Schwimmen, Tischtennis und Rollstuhlbasketball. Zudem wird nach Funktionsgruppen unterschieden, also nach Art und Grad der Behinderung.

Jugend trainiert für die Spiele: Was im olympischen Umfeld beste Tradition und enorme Bedeutung hat, ist im paralympischen Sport ziemlich frisch. Seit 2002 gab es zunächst einen Landeswettbewerb in Nordrhein-Westfalen.

"Großer Bruder" JTFO

Die dortigen guten Erfahrungen nahmen die Deutsche Behindertensportjugend (DBSJ) und die Deutsche Bahn als Projektpartner im vergangenen Jahr zum Anlass für eine nationale Pilotveranstaltung. 130 Nachwuchsathleten aus 9 Bundesländern kamen in die Sportschule Kamen-Kaiserau.

Nun folgt eine zweite Auflage. Der Zuspruch ist gewachsen, auch nach Ländern gerechnet: 12 Kultusministerien schicken Mannschaften nach Kienbaum. Die Kapazitäten werden ausgereizt sein - ein Behindertensport-Event bedeutet höchsten logistischen und organisatorischen Aufwand.

Natürlich lässt sich JTFP nicht mit dem großen Bruder vergleichen: Jugend trainiert für Olympia (JTFO), seit 1969 ausgetragen, gilt mit seinen rund 800.000 Teilnehmern als größter Schulsportwettbewerb der Welt.

Franziska van Almsick, Boris Becker, Britta Steffen und andere haben dort erste Etappenziele auf ihren Wegen zum Ruhm erreicht.

Verwurzelung im Schulsport

Immerhin ist jetzt auch der paralympische Spitzensport in der Schule verwurzelt, mit der theoretischen Chance, dort Nachfolger für Leichtathlet Wojtek Czyz oder Schwimmstar Kirsten Bruhn zu finden.

Aus Sicht von Schmidt bietet JTFP die Chance, den Spaß am Sport und der eigenen Bewegung mit dem Leistungssportgedanken zu verbinden.

"Vielleicht stellt sich der ein oder andere vor, wie das wäre, 2020 oder 2024 bei den Paralympics zu starten."

"Märchen" um Borchardt

Oder er startet so durch wie Elke Borchardt: Die 17-jährige von der Berliner Carl-von-Linné-Schule benötigt eine Gehhilfe. Lange war sie sportlich passiv, ehe sie im Vorfeld von JTFP 2010 zum Schwimmen eingeladen wurde.

Sie sprang ins kalte Wasser, zeigte Talent, siegte mit ihrem Team beim Bundesfinale und weckte so die Aufmerksamkeit des Olympiastützpunktes.

Bald wird sie acht Stunden pro Woche trainieren. "Ich und Leistungssport? Vor einigen Monaten hätte ich das noch für ein Märchen gehalten", sagt sie.

Das Ziel: Alle 16 Bundesländer

Die DBSJ darf sich bestätigt fühlen. Eine Stärkung von Selbstbewusstsein, Teamgeist und Regelakzeptanz der Teilnehmer, verspricht sich der Vorsitzende Norbert Fleischmann von dem Wettbewerb, für dessen Finanzierung er jahrelang geworben hat. "Solche Eigenschaften entwickeln sich insbesondere in sportlichen Konkurrenzsituationen."

Auf Dauer möchte seine Organisation mit dem Wettbewerb alle 16 Bundesländer erreichen.

Zudem soll das Bundesfinale in den nächsten Jahren erweitert werden: Die DBSJ möchte weitere Fördergruppen wie etwa Sehbehinderte und Blinde und darüber hinaus integrative Schulen einbeziehen.

Schmidts Vision: Gemeinsames Bildungssystem mit JTFO

"Mittelfristig soll eine organisatorische Verzahnung mit JTFO gelingen" so Fleischmann. Ein erster Schritt in diese Richtung ist getan: Im Gegensatz zu Kaiserau liegt Kienbaum direkt bei Berlin, wo die Bundesfinals des Olympia-Nachwuchses steigen.

Gesellschaftliche Integration ist das übergeordnete Ziel aller DBS-Aktivitäten, bei JTFP wird das etwa durch Hilfseinsätze nichtbehinderter Schülerinnen und Schüler sichtbar.

Ein kleiner Schritt in Richtung eines großen Ziels, wie Visionär Schmidt hofft: "Ich habe die tolle Hoffnung, dass es in spätestens zehn Jahren ein gemeinsames Bildungssystem für behinderte und nichtbehinderte Menschen gibt. Vielleicht wird diese Unterscheidung dann sogar überflüssig."

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