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Steffi Nerius gewann 2009 die WM-Goldmedaille im Speerwerfen in Berlin © getty

Steffi Nerius trainiert die paralympischen Leichtathleten von Leverkusen. Bei SPORT1 spricht sie über ihre Arbeit und ein Experiment.

Von Michael Spandern

München - Speerwerferin Steffi Nerius hat alles gewonnen was es zu gewinnen gibt.

Silber bei den Olympischen Spielen in Athen, Gold bei der EM in Göteburg und der WM in Berlin.

Vor zwei Jahren, nach dem Titel in der Hauptstadt, wurde die 38-Jähirge zur Sportlerin des Jahres 2009 gekürt.

Doch das alles reicht Nerius nicht, denn seit 2002 arbeitet die Diplom-Sportlehrerin als Trainerin im Behindertensport, bereits 2004 betreute sie zwei Sportler bei den Paralympics. (Machen Sie es wie SPORT1 und Daniel Arnold: Unterstützen Sie München 2018)

Nun trainiert die Speerwurf-Heldin von Berlin die paralympischen Leichtathleten von Bayer Leverkusen.

Im SPORT1-Interview spricht Steffi Nerius über Spaß durch Abwechslung, Talentsuche im Behindertensport und ein Experiment mit Rollstuhl.

SPORT1: Frau Nerius, als Athletin kann einem die Medaillenfixierung der Öffentlichkeit und der Medien auf die Nerven fallen. Wie geht's Ihnen da jetzt, als Trainerin?

Steffi Nerius: Das Ziel für meine Athleten ist das Gleiche wie für mich früher als Speerwerferin im Nichtbehindertensport, nämlich im Wettkampf Bestleistung zu bringen. Wenn sie damit eine Medaille gewinnen, ist das super.

SPORT1: Fragen nach Ihren Medaillenzielen für London 2012 wären demnach müßig?

Nerius: Im Behindertensport lässt sich das kaum beantworten. Da können noch ein halbes Jahr vor dem Event die Wettkampfklassen geändert und zum Beispiel die Unterschenkel- und Oberschenkelamputierten zusammengelegt werden. Je nachdem hat ein Athlet mehr oder weniger gute Medaillenchancen. Sicher zählen Markus Rehm, der ja Weltmeister (im Weitsprung der Unterschenkelamputierten, d. Red.) ist, Mathias Mester oder Vanessa Low zur Weltklasse, aber mit Medaillenprognosen halte ich mich zurück.

SPORT1: Sie sind seit 2002 Trainerin. Hat sich Ihre Arbeit seit dem Ende Ihrer Karriere vor zwei Jahren und dadurch, dass sie jetzt eine volle Stelle haben statt einer halben, irgendwie verändert?

Nerius: Früher war ich zu einhundert Prozent Leistungssportlerin und auf Grund der geringeren Zeit zu 80 oder 90 Prozent Trainerin. Jetzt bin ich zu 100 Prozent Trainerin. Ich kann mir mehr Zeit für die Athleten nehmen und auf verschiedene Dinge besser eingehen. Aber von der Einstellung her und in meinem Verhältnis zu den Sportlern ist alles wie früher.

SPORT1: Woher hat man als nichtbehinderte Speerwerferin die Kompetenz, um paralympische Sprinter oder Springer wie Markus Rehm zu trainieren?

Nerius: Ich habe meinen A-Trainer-Schein in Wurf gemacht und durch mein Sportstudium eine breite Grundausbildung. Außerdem habe ich früher auch Mehrkampf trainiert und viele Sprünge und viele Sprints gemacht. Insofern weiß ich, worauf man da achten muss - und mir macht es Spaß, nicht auf eine Disziplin fixiert zu sein. Hinzu kommt, dass ich viele erfahrenen Leichtathletikkollegen in Leverkusen habe, mit denen ich mich austausche und bei denen man viel beobachten kann. Wir trainieren in der gleichen Halle wie die Nichtbehindertensportler.

SPORT1: Das Meiste lässt sich übertragen?

Nerius: Ja. Und man muss auch sehen, dass ungefähr die Hälfte der Sportler, die zu mir kommen, nicht von Geburt an behindert sind, sondern vielleicht zwei Jahre zuvor einen Unfall hatten. Deshalb müssen sich die Bewegungsabläufe so einspielen wie bei den anderen. Da ist das Training noch nicht so speziell.

SPORT1: Es gibt Bilder von Ihnen im Wurfstuhl Ihrer Athletin Martina Willing. War das Gaudi oder dient das dem Einfühlen in ihre Abläufe?

Nerius: Das war einerseits Gaudi, andererseits wollte ich mal ausprobieren, wie schwierig das ist, wenn nur aus dem Rumpf und dem Arm wirft. Sicherlich kann ich nicht alles ausprobieren, nur um mich in die Lage meiner Athleten zu versetzen, aber wenn es möglich ist, versucht man das schon mal.

SPORT1: Und?

Nerius: Ohne Anlauf werfen ist sehr schwer. Mit zwei Schritten Anlauf bin ich viel weiter gekommen.

SPORT1: Sie gelten als ziemlich direkter Mensch. Erleichtert oder erschwert das Ihre Arbeit?

Nerius: Ich bin ehrlich und direkt, das stimmt. Es gibt vielleicht Leute, die damit nicht klar kommen, aber meine Athleten wissen damit umzugehen. Ich glaube, wenn Behindertensportler nach Leverkusen kommen, wollen sie optimal gefördert werden und ihre Leistungsgrenzen kennenlernen. Bei mir sollen sie Dinge ausprobieren, mir ist es wichtig, dass sie den Mut haben, neue Abläufe und Bewegungen zu versuchen.

SPORT1: Sie sagten, rund die Hälfte ihrer Athleten sei durch einen Unfall behindert. Ist das Einstiegsalter in der paralympischen Leichtathletik generell vergleichbar mit dem im Nichtbehindertensport?

Nerius: Eher nicht. Es gibt noch keine kontinuierliche Talentsichtung im Behindertensport. Insofern sind wir aus leistungssportlicher Sicht dankbar, eine Nachwuchsgruppe zu haben, zu der 8- oder 9-jährige Unterschenkelamputierte gehören, die vielleicht mit Drei einen Unfall hatten oder von Geburt an behindert sind und mit denen wir einen langfristigen Aufbau machen können. So etwas ist selten.

SPORT1: Was tun Sie, damit es häufiger wird? Leverkusen ist paralympisches Leistungszentrum.

Nerius: Man kann versuchen, Kinder über schriftliche Anfragen an Schulen zu finden, aber das geht nicht so einfach, weil die Schulen oder auch Orthopädietechniker nicht ohne Weiteres Daten von Personen herausgeben können. Deshalb machen wir Talentsichtungen und Schnuppertrainings, um die Athleten so früh wie möglich zu erreichen.

SPORT1: Kann ein Projekt wie "Jugend trainiert für Paralympics" die Suche erleichtern?

Nerius: Auf jeden Fall. Wir führen seit Jahren die Ausscheidungen für den Wettbewerb durch.

SPORT1: ?in Nordrhein-Westfalen läuft seit 2002 ein Landesprojekt, inzwischen gibt's auch ein Bundesfinale, dieses Jahr in Kienbaum. (BERICHT: Aufbruch in Kienbaum)

Nerius: Genau, und die Ausscheidungen dafür fanden in Leverkusen statt. Natürlich haben wir da gesichtet, allerdings erreichen wir über "Jugend trainiert für Paralympics" vorläufig nur die Talente, die auf Förderschulen für Körperbehinderte gehen. Kinder, denen ein Unterschenkel oder ein Unterarm fehlt, gehen häufig auf integrative Schulen. Aus der reinen Leistungsperspektive wäre es deshalb optimal, wenn der Wettbewerb irgendwann auf alle Schulen erweitert würde.

SPORT1: Nochmal zu London 2012: Wie viele Ihrer Athleten werden wir da sehen?

Nerius: In meiner Trainingsgruppe sind im Moment neun und ich hoffe, dass fünf bis sechs von ihnen bei den Paralympics starten. Der Qualifikationszeitraum läuft ja schon. Man kann in diesem Jahr eine erste Qualifikationsleistung erbringen, weil kein Großereignis ansteht. 2012 muss man das dann noch einmal bestätigen.

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