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Shannon Briggs (l.) war von 2006 bis 2007 Weltmeister nach WBO-Version © imago

Der heftig verprügelte Herausforderer verletzt sich schwer. Ringrichter und Briggs-Lager müssen sich Kritik gefallen lassen.

Von Martin Hoffmann

München - Die Boxwelt kennt Shannon Briggs als Showman. Als "Sports Entertainer" mit schnellem Mundwerk, raumerfüllendem Selbstbewusstsein und schrägem Imponiergehabe.

Nichts davon war mehr zu spüren nach zwölf Runden im Ring mit WBC-Weltmeister Vitali Klitschko.

Nach der klaren Punktniederlage im Schwergewichts-Fight gegen den Ukrainer war "The Cannon" bedrückt, niedergeschlagen und schwer gezeichnet. Nach dem Kampf musste er mit Blaulicht ins Krankenhaus, nach einem Bericht von "RTL" gar auf die Intensivstation.

Die Art und Weise, wie der US-Amerikaner zwölf Runden mit heftigen Kopftreffern verprügelt wurde, ohne dass der Kampf abgebrochen wurde, sorgt für heftigen Diskussionsstoff.

Kritik am Nicht-Abbruch

"Die Verantwortlichen hätten spätestens ab der zehnten Runde den Kampf beenden müssen", meinte etwa der Ex-Schwergewichtler Luan Krasniqi: "Es war unverantwortlich, den Kampf bei so vielen Wirkungstreffern fortzuführen."

Auch Ringarzt Stephan Bock - der für einen Abbruch nicht befugt war - erklärte: "Ich hätte mir gewünscht, dass der Ringrichter nach der 10. Runde abgebrochen hätte. Hätte er mich konsultiert, hätte ich geantwortet: Mach Schluss."

Angeblich hat Briggs je eine Fraktur unter dem rechten und über dem linken Auge erlitten.

Die Rede ist außerdem von einem Sehnen- und Muskelriss im linken Arm, den Briggs bereits in der ersten Runde erlitten haben soll.

"Er gehört in die Hall of Fame"

Unmittelbar nach dem Kampf würdigte Briggs nach all seinen markigen Sprüchen im Vorfeld - die zur Rekord-TV-Quote von 14,08 Millionen Zuschauern beigetragen haben dürften - die Klasse Klitschkos.

"Ich war im Ring mit Lennox Lewis und mit George Foreman", erklärte er: "Aber Vitali ist der Beste."

Briggs erkannte an: "Vitali ist ein wahrer Champion. Er verdient es, in die Hall of Fame aufgenommen zu werden."

Überdeutliche Niederlage

Es wirkte aufrichtig - auch wenn womöglich der Gedanke im Spiel war, sich selbst in der Niederlage größer aussehen zu lassen.

Die hätte nämlich kaum deutlicher ausfallen können.

Jede einzelne Runde dominierte Klitschko klar (Kampfrichter-Urteile: 120:107, 120:107, 120:105), in fast jeder landete er schmerzhafte Wirkungstreffer.

Verblüffendes Nehmervermögen

Packend blieb der Fight auf seine Weise durch Briggs' mit zunehmender Kampfdauer immer verblüffenderes Nehmervermögen.

"Mir taten die Hände weh", bekannte Klitschko: "Ich war überrascht, dass er all meine Schläge wegstecken konnte. Er hat tapfer gekämpft und wollte einfach nicht zu Boden gehen."

Mit sich selbst war Klitschko "nicht zufrieden", denn: "Ich habe ihn mir zurecht gestellt, Maß genommen, voll getroffen, aber er fiel einfach nicht."

Die Grenze zur Unvernunft

Wie Briggs trotz Klitschkos Schlaghagel auf den Kopf tranceartig immer weiter machte, überschritt allerdings die Grenze zur Unvernunft.

Ringrichter Ian John-Lewis aus Großbritannien drohte dem Briggs-Lager nach der besonders heftigen zehnten Runde zwar mit Abbruch.

Dass er es nicht tat, bringt ihn in die Kritik - das gleiche gilt für Briggs' Lager, das ihn in seinem Willen weiter zu machen, nicht durch einen Handtuchwurf bremste.

"Er wird nicht mehr derselbe sein"

Klitschkos Trainer Fritz Sdunek meinte hierzu kritisch: "Ich hätte meinen Schützling in solch einer Situation spätestens nach der zehnten Runde herausgenommen."

Es tue "weh, wenn da so brutale Menschen sitzen, die es nicht einsehen wollen, dass ihr Kämpfer keine Chance mehr hat."

Klitschko kam so nicht dazu, dass sein 41. Sieg im 43. Profikampf auch sein 38. vorzeitiger Erfolg wurde.

Klitschk kann nun entspannt abwarten, bis im Dezember der Kubaner Odlanier Solis und Ray Austin das Herausforderer-Recht bei der WBC auskämpfen - oder darauf, dass der britische WBA-Champion David Haye sich doch noch zu einem Vereinigungskampf durchringt.

Briggs - der sich sogar noch gegen seine Fahrt ins Krankenhaus gewehrt haben soll - sprach geknickt vom "Kampf meines Lebens". Nach Befürchtung Sduneks zahlt er dafür aber einen hohen Preis: "Briggs wird nach diesen vielen Schlägen nicht mehr derselbe sein."

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