Unabhängig von allen Grundsatzfragen, die damit verknüpft sind: Der Klitschko-Briggs-Kampf hätte abgebrochen werden müssen.

Man kann bei der Diskussion um den Klitschko-Briggs-Kampf in viele grundsätzliche Dinge einsteigen.

Inwieweit der Spektakelhunger unserer Gesellschaft - von Fans, Medien, Werbekunden, Promotern - dafür mitverantwortlich ist, dass ein Boxer auf die Intensivstation musste.

Die bei allen Genannten verbreitete Lust am Knockout, den Vitali Klitschko so unbedingt wollte und den Shannon Briggs und seine Leute so unbedingt vermeiden wollten.

Die damit zusammenhängende Kultur des Weiter-immer-weiter, des Ja-keine-Schwäche-zeigen.

All diese abstrakten Fragen haben Berechtigung, eine sehr hohe. Erfolgversprechender als der Versuch, der Gesellschaft diese Dinge abzugewöhnen, ist es dann aber doch, dem Treiben konkrete Grenzen zu setzen, wenn es ernst wird.

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Was zum entscheidenden Punkt zurückführt: Der Kampf hätte abgebrochen werden müssen.

Briggs' Nehmervermögen darf man anerkennen. Ihm selbst kann man auch schwerlich vorwerfen, dass er berauscht von Adrenalin nicht in der Lage war, eine vernünftige Entscheidung für sich zu treffen.

Dass er den "Rocky" geben wollte, der durchhält, egal, was auf ihn einprasselt - so wie einst auch Vitali gegen Lennox Lewis.

Aber der Ringrichter und die Betreuer des Herausforderers, die die Entscheidungsmacht dazu gehabt hätten, hätten Briggs vor sich selbst schützen müssen - egal, was er selbst, Fans, Medien, Werbekunden und Promoter dazu gesagt hätten.

Wie dringend der Abbruch nötig gewesen wäre, machen die Worte von Klitschko-Coach Fritz Sdunek deutlich, der aus der Erfahrung von 40 Jahren die Prognose ableitet, Briggs werde "nicht mehr derselbe sein".

Wie Ringrichter Ion John-Lewis im SPORT1-Interview zur Aussage kommt, Briggs hätte durchgehend "einen klaren Eindruck" gemacht, bleibt sein Geheimnis.

Seine Begründung, dass er Briggs die Chance auf einen "Lucky Punch" nicht nehmen wollte, zeugt von falscher Prioritätensetzung - wenn man bedenkt, was die von Briggs kassierten Kopftreffer anrichten.

Und ansonsten die Verantwortung an derselben Briggs-Ecke abzuladen, die er wegen Rufen wie "Kill that Motherfucker" in die Schranken weisen musste, bedarf keines weiteren Kommentars.

Briggs' Betreuern kann man viele Motivationen andichten, warum sie ihn unbedingt bis zum bitteren Ende im Ring lassen wollten. Richtige sind nicht dabei.

Ein US-Blogger hat die Sache zynisch auf den Punkt gebracht: Es gab spätestens ab der zehnten Runde keinen Grund mehr, den Kampf nicht abzubrechen, außer "morbide Neugier, um wie viele Jahre Klitschko Briggs' Leben noch verkürzen kann".

Sportlich hat Klitschko am Samstagabend nichts gewonnen.

Die Rampensau Briggs war für den deutschen Markt wunderbar als "irrer Ami" vermarktbar, aber von zu geringer Qualität, als dass Klitschkos Sieg mehr als eine Pflichtaufgabe gewesen wäre.

Die internationalen Fans und Kritiker werden Klitschko weiter verdächtigen, einer größeren Herausforderung aus dem Weg zu gehen.

Ganz fair ist das mit Blick auf die ausgezehrte Schwergewichts-Szene nicht.

Das Schauspiel in Hamburg hat aber in jedem Fall nichts bewiesen.

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