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Ian John-Lewis (links) leitet seit über 15 Jahren Box-Kämpfe in sämtlichen Gewichtsklassen © getty

Ian John-Lewis erklärt bei SPORT1, warum der den Kampf nicht beendet hat und warum die Briggs-Crew dennoch ermahnt wurde.

Von Jürgen Blöhs

Hamburg - Zwölf Runden prügelte Vitali Klitschko auf Shannon Briggs ein. Immer wieder traf "Dr. Eisenfaust" den ungeschützten Kopf des Herausforderers.

Die Konsequenzen für "The Cannon": Eine Krankenhausfahrt auf die Intensivstation, Gehirnerschütterung, Knochenbrüche unter dem rechten und über dem linken Auge, Riss des Trommelfells - wobei zumindest die befürchtete Hirnblutung inzwischen ausgeschlossen wurde.

"Die Computertomographie hat Gott sei Dank keine Auffälligkeiten gezeigt", hat Briggs' Manager Greg Cohen erklärt: "Shannon möchte so schnell wie möglich das Krankenhaus verlassen, aber das wird etwas länger dauern."

Briggs muss sich in Hamburg wegen einer Bizepsverletzung im rechten Arm einer Operation unterziehen.

Ringrichter Ian John-Lewis musste sich heftige Kritik dafür anhören, den Kampf nicht abgebrochen zu haben.

Im Interview mit SPORT1 verteidigt sich der hauptberufliche Gefängniswärter aus England (Der SPORT1-Einwurf: Ein morbides Schauspiel).

SPORT1: Herr John-Lewis, haben Sie in ihrer Karriere schon einmal so eine Prügel-Orgie erlebt?

Ian John-Lewis: Natürlich. Boxen ist ein hartes Spiel. Ich bin seit 15 Jahren Ringrichter, da erlebt man viel. Außerdem habe ich selbst geboxt, war Nummer sechs in England im Weltergewicht - (macht kurze Pause und beginnt zu lachen) - von sieben.

SPORT1: Spätestens ab der siebten Runde hat Vitali Klitschko Shannon Briggs in allen Belangen beherrscht und hämmerte mit seiner "Eisenfaust" beinah ohne Gegenwehr auf den Schädel des Herausforderers ein. Haben Sie mal daran gedacht, den Kampf wegen zu großer Überlegenheit abzubrechen?

John-Lewis: Nein. Ich habe Briggs genau beobachtet. Er hat weitergeboxt und auf mich immer einen klaren Eindruck gemacht. Außerdem wusste ich ja, dass er schon einmal einen Titelkampf, in dem er nach Punkten klar zurücklag, in der letzten Sekunde vor dem letzten Gong gewonnen hat (im November 2006 gegen Sergej Liakowitsch um den WBO-Titel; die Red.). Die Chance auf Wiederholung wollte ich ihm nicht nehmen. Wenn man in seiner Ecke den Eindruck gehabt hätte, es macht keinen Sinn mehr, hätten sie ja das Handtuch werfen können.

SPORT1: In Runde sechs haben Sie den Kampf unterbrochen und die Briggs-Ecke ermahnt. Was war da los?

John-Lewis: Ich habe Briggs' Leute gewarnt, nicht beleidigend zu werden. Ich habe nichts dagegen, wenn aus der Ecke pausenlos reingerufen und der Kämpfer lautstark angefeuert wird, aber Beleidigungen dulde ich nicht.

SPORT1: Was wurde denn in den Ring gerufen?

John-Lewis: "Kill that Motherfucker" und ähnliche Dinge. So hart das Boxen ist, aber das hat in unserem Sport nichts zu suchen.

SPORT1: Wie beurteilen Sie den Kampf?

John-Lewis: Es war ein großer Schwergewichtskampf. Beide Boxer haben sehr fair gekämpft und alles gegeben. Auffällig war, dass nicht geklammert wurde, wie es gerade im Schwergewicht oft der Fall ist, besonders wenn die Kräfte nachlassen. Es war enorm, was Briggs weggesteckt hat, beinah schon unmenschlich.

SPORT1: Die Punktrichter haben Klitschko in allen Runden vorn gesehen. Ist das auch Ihr Urteil?

John-Lewis: Wenn überhaupt, dann kann man nur eine der ersten vier Runden an Briggs geben, vielleicht noch ein, zwei als Unentschieden werten. Danach war Klitschko ganz klar Herr im Ring.

SPORT1: Das WBC schreibt vor, alle vier Runden den Punktestand bekanntzugeben. Eine gute Einrichtung?

John-Lewis: Es schafft vor allem Transparenz nach außen. Diese Regel wurde ja eingeführt, weil immer wieder unterstellt wurde, dass Punktrichter Gefälligkeitsurteile zu Gunsten von Boxern abgegeben hätten.

SPORT1: Was macht einen guten Ringrichter aus?

John-Lewis: In erster Linie sollte man ganz klar die Respektperson im Ring sein, einen Kampf lesen können. Da kommt mir zugute, dass ich selbst geboxt habe. Außerdem bin ich der Meinung, ein Ringrichter sollte topfit sein. Man ist zwölf Runden in Bewegung, es darf einem keine unsaubere Aktion entgehen und man muss sich notfalls zwischen zwei Kämpfer werfen, die angetrieben durch Adrenalin pur nur schwer zu bremsen sind. Ich bin jetzt 48 Jahre alt, aber in bester Verfassung (spannt seine Bizeps an): Fühlen Sie nur. Hart wie Stahl (lacht).

SPORT1: Studieren Sie die Kämpfer vor dem Fight?

John-Lewis: Sicher studiere ich die Kämpfer auf Video, analysiere, wie einer boxt, ob er ein "Stinker" ist (Boxer, der dafür bekannt ist, gern mal tief oder im Infight unsauber zu schlagen oder auch mal einen Kopfstoß ansetzt; die Red.). Außerdem schau' ich mir die Historie an, wie ich ja auch schon beschrieben habe, dass Briggs auch in Unterlegenheit noch für einen "Lucky Punch" gut ist. Wenn aber der erste Gong ertönt, gilt das alles nichts. Da bin ich absolut neutral und treffe meine Entscheidungen danach, wie sich der Kampf entwickelt.

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