vergrößernverkleinern
Ulli Wegner (l.) wurde 1970 als Aktiver DDR-Mannschaftsmeister mit BSG Wismut Gera © getty

Coach Ulli Wegner spricht bei SPORT1 über die Zerreißprobe nach der Abraham-Niederlage und die Versöhnung am Krankenbett.

Von Martin Hoffmann

München - "Ich lebe fürs Boxen", sagt Ulli Wegner.

Und es gibt kaum einem, dem man diesen Satz mehr abkauft als dem Trainer von Arthur Abraham und Marco Huck.

Zu 150 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften führte er die Amateurboxer aus der DDR und Gesamtdeutschland.

Als Proficoach formte er vor Abraham und Huck Sven Ottke und Markus Beyer für den Sauerland-Stall zu Weltmeistern.

Abrahams Niederlage nagt

Doch auch ein so erfahrener Fährmann wie Wegner steckt einen Tiefschlag nicht einfach weg. Abrahams bitterer Niederlage im Super-Six-Fight gegen Carl Froch nagt noch immer schwer an dem 68-Jährigen.

Wegner kritisierte den früheren Mittelgewichtsweltmeister öffentlich scharf, stellte auch die weitere Zusammenarbeit in Frage.

Soeben aber hat Abraham in Wegners Wahlheimat Berlin das Training unter Wegner wiederaufgenommen - und präpariert sich für einen geplanten Aufbaukampf im Februar, ehe es dann im Frühjahr beim Super Six gegen Andre Ward aus den USA weitergeht.

"Nicht eine Sekunde" habe er an einen Trainerwechsel gedacht, stellt Abraham klar

Im ersten Teil des zweiteiligen Interviews mit SPORT1 erklärt Wegner nun, was er mit der Kritik bezwecken wollte - und wie er und sein prominentester Schützling wieder zusammengefunden haben.

SPORT1: Herr Wegner, was sind Ihre Wünsche und Vorhaben für das Boxjahr 2011?

Ulli Wegner: Mein Vorhaben ist ganz einfach: Ich arbeite daran, dass wir erfolgreich bleiben, das ist das wichtigste für uns. Marco Huck, Robert Helenius, Dominik Britsch, das sind Leute, die hoffen lassen und die sich weiter nach oben entwickeln sollen. So wie sich die Jungs auch 2010, mit einem Ausrutscher, enorm entwickelt haben.

SPORT1: Der Ausrutscher war allerdings ein heftiger. Sind Sie denn schon weiter in der Analyse der Niederlage von Arthur Abraham gegen Carl Froch (318137Die Bilder vom Kampf), als sie es vor einigen Wochen waren?

Wegner: Was mit Arthur passiert ist, muss immer noch fertig erforscht werden. Was man ihm zugute halten muss: Er musste sich dreimal vorbereiten, ehe der Kampf dann schließlich stattfand. Vielleicht war er im Kopf schon leer. Dabei hat er gute Trainingswettkämpfe gemacht. Es ist ein Rätsel, aber man hat es eben immer wieder im Sport, das Dinge passieren, die man nicht erklären kann.

SPORT1: Sie sagen oftmals: Erst in der Niederlage lernt man einen Menschen richtig kennen. Mit etwas Abstand: Wie haben Sie Arthur Abraham nun kennengelernt?

Wegner: (Überlegt länger) Dieses Kennenlernen ist noch nicht zuende.

SPORT1: Es ist ein intensives. Sie haben ihn öffentlich harsch kritisiert, "überheblich" genannt, die weitere Zusammenarbeit in Frage gestellt...

Wegner: Wenn in den vielen Gesprächen in sieben Jahren etwas nicht ankommt, muss ich auch mal an die Öffentlichkeit gehen mit der Botschaft - auch wenn es schmerzt.

Es hat einen Grund, warum ich klar Schiff gemacht habe: Arthur hat vor sieben Jahren bei Null angefangen, jetzt fährt er Ferrari. Das muss man verarbeiten. Und dann kommen die Leute und klopfen ihm so oft auf die Schulter, dass sie schon durchhängt. Arthur hier, Arthur da. Er kommt hier bei den Zuschauern gut an, da bei den Medien.

Was ich da tun wollte, war nicht ihm wehzutun, ich wollte ihm die Wahrheit sagen: Ich habe ihm gesagt, dass er in dieser schwersten Stunde seines Lebens nicht nach Ausreden suchen soll, dass ich aber zu ihm halte. Wenn er ein bisschen durch die Zeile lesen kann, weiß er es.

SPORT1: Was wäre gewesen, wenn nicht? Wenn er sich zur Trennung entschlossen hätte?

Wegner: Es wäre ein Problem gewesen, aber mehr für ihn als für mich. Ich will ihn nicht abgeben, weil ich ihn auf eine Weise auch gern hab. Andererseits: wenn einer nicht innerlich mit mir mitgeht und meine Philosophie nicht verarbeitet, dann sollte man ehrlich zu sich sein: Dann bringt es nichts. Wäre er gegangen, es wäre für mich ein Verlust gewesen, aber ihn hätte es letztlich schlimmer getroffen. Ich kenne ihn und seine Fähigkeiten und ich weiß, wie ich ihn anpacken muss.

SPORT1: Nun hat Abraham in dieser Woche das Training mit Ihnen wiederaufgenommen. Haben Sie das Gefühl, die Botschaft ist angekommen?

Wegner: Ich war ja nun zur Operation - eine Leisten-Geschichte, nicht so schlimm - und: Arthur war der Erste, der da war. Wir haben lange geredet - und nicht übers Boxen. Ich spreche mit meinen Jungs ja viel über das Leben. Ich habe schon gemerkt, dass er gewillt ist - auch wenn noch so ein gewisses "Weiß ich nicht" dabei ist.

SPORT1: Fürchten Sie nicht, dass das Verhältnis dauerhaft belastet bleibt?

Wegner: Was für mich ist wichtig ist, ist dass die Jungs Erfolg haben. Der Erfolg, das Leistungsprinzip zählt. So ist unsere Gesellschaft. Und um Erfolg zu haben, müssen sie mich nicht jeden Tag bejubeln, was für ein toller Trainer ich bin.

SPORT1: Sie haben selbst immer wieder betont, wie schwer Sie Abrahams Niederlage getroffen hat. Dachten Sie auch ans Aufhören?

Wegner: Ich war schon fertig. Und hätte das, was ich tue, sich im Amateurbereich und anderswo nicht schon so bewährt, dann hätte ich vielleicht Zweifel an meiner Trainertätigkeit bekommen. Aber ich habe auch wieder gemerkt: Ich bin stark genug das wegzustecken. Aber es wird mir noch lange in der Seele liegen, das gebe ich zu.

Am Mittwoch spricht Ulli Wegner im zweiten Teil des Interviews über Marco Huck, kritisiert die Klitschkos und erklärt, warum sein Ruhestand "zu schade für den Boxsport" wäre >>

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel