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Ulli Wegners Schützling Marco Huck gewann 31 seiner 32 Profikämpfe © imago

Erfolgscoach Wegner spricht bei SPORT1 über Huck, kritisiert die Klitschkos und erklärt, warum sein Ruhestand "zu schade" wäre.

Von Martin Hoffmann

München - Wer denkt, dass Ulli Wegners Beinahe-Bruch mit Arthur Abraham das größte Problem war, das er je mit einem Schützling hatte, der irrt.

Mit Weltmeister Marco Huck schien das Verhältnis vor zwei Jahren irreparabel beschädigt.

"Käpt'n Huck" hatte sich von Wegner getrennt, nachdem er seinen ersten WM-Kampf gegen Steve Cunningham verloren hatte.

"Der braucht nicht denken, dass ich den noch mal zurücknehme. Und wenn er verreckt", rief der 68 Jahre alte Coach Huck im "Stern" hinterher.

Zwei Monate später trainierte Wegner den reuig zurückgekehrten Huck wieder - und machte ihn zum Cruisergewichts-Weltmeister.

Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews spricht Ulli Wegner über seinen eigenwilligen Schützling, den umstrittenen Kampf gegen Lebedew, die Klitschkos und den Grund, warum er nicht an Ruhestand denkt (Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News).

SPORT1: Herr Wegner, wie hat sich mit Marco Huck nach dem Knall von 2008 noch eine so fruchtbare Zusammenarbeit entwickelt?

Ulli Wegner: Schauen Sie, wie sich diese Geschichte damals entwickelt hatte: Er ist aus einem Leben entflohen, in dem er zwei Lehren begonnen und nach vier Wochen wieder geschmissen hatte. Er hatte keinen, der ihm gesagt hat: Pass auf, du musst was lernen. Dann wird er Boxer - und gewinnt und gewinnt. Und auf einmal war er Weltmeister und konnte nicht damit umgehen.

SPORT1: Die Konsequenz?

Wegner: Man hat sich gefreut bei ihm zu Hause: "Jetzt haben wir unseren Geldverdiener." Und sie haben auf ihn eingeredet: Der Trainer ist doch vielleicht nicht der richtige, du bist doch besser. Der einzige aber, der sein Leistungsvermögen einschätzen konnte, war ich. Ich war enttäuscht, dass er gegangen ist, weil ich so viel in ihn investiert hatte. Und ich hatte auch nie vor, ihn wiederzunehmen.

SPORT1: Warum nahmen Sie ihn dann doch wieder?

Wegner: Die Leute haben zu mir gesagt: Wenn du den wieder nimmst, verlierst du dein Gesicht. Aber ich dachte mir: Wie oft haben Leute in ihrem Leben schon ihr Gesicht verloren. Was ich mir gedacht habe, war: Wenn du ihn nicht wiedernimmst, ist er verloren. Keiner wird ihn so verstehen, so mitgehen, seine Jugend so betrachten, wie ich das gemacht habe.

Und dafür war er mir zu schade: Denn der Junge hat ein gutes Herz. Nur Umgangsformen muss man ihm noch beibringen - ob er es je lernt, ich weiß es nicht.

SPORT1: Hucks letzter Kampf gegen Denis Lebedew war erfolgreich, aber das Urteil umstritten. Huck musste viel Kritik einstecken?

Wegner: Das stimmt, aber sehen Sie es von der Seite: Marco Huck hat sich enorm gesteigert - wenn man sich ansieht, wo er angefangen hat. Ich betone ja immer wieder: Leute wie Henry Maske und Sven Ottke hatten ganz andere Laufbahnen mit einer langen und erfolgreichen, internationalen Amateurkarriere. Die hatte dieser Junge - ähnlich wie Abraham - nicht.

Er war Kickboxer, ja, aber das ist eben kein klassisches Boxen, sondern Schlägerei. Marco Huck ist - so komisch sich das anhört, ich weiß das - noch am Anfang.

SPORT1: Trotz der fehlenden Amateur-Vorbildung haben Sie Huck nach dem ersten Vorkämpfen vom Fleck weg engagiert. Wie erkennt man in einem Anfänger einen Weltmeister?

Wegner: Das sehe ich sofort, dafür hat man nach den vielen Jahren als Talentsichter einfach einen Blick. Es ist vor allem das Bewegungstalent, aber auch viele andere Sachen. Entweder man hat's oder man hat's nicht. Was aber nicht heißt, dass er sich dann automatisch in die Weltspitze hineinboxt.

SPORT1: Huck steht aber sportlich nach allgemeiner Ansicht noch nicht da, wo Arthur Abraham stand. Was fehlt noch?

Wegner: Huck ist anders veranlagt, er kommt vor allem über die Aggressivität. Die man aber richtig steuern muss. Das Zwischending zwischen Aggressivität und Ruhigbleiben auszubilden, das ist die Kunst. Und die muss er annehmen.

Im Lebedew-Kampf hat man gesehen, wie er sich bemüht hat, die Taktik einzuhalten. Er hat sich selber korrigiert, wenn er Fehler gemacht hat, was in anderen Kämpfen nicht so war.

SPORT1: Huck zieht auch weniger Zuschauerinteresse auf sich als Abraham.

Wegner: Arthur mögen die Leute auch, weil er mit den Medien umgehen kann. Er kann sich bei euch Journalisten sehr gut bewegen. Er bringt gut herüber, was er sagt - auch das, was er von mir so aufgenommen hat. Das fange ich aber auch an, bei Marco zu sehen.

Vor einiger Zeit habe ich beide in einem TV-Interview gesehen, als sie über den WM-Titel von Sebastian Vettel gesprochen haben. Da dachte ich, ich erkenne sie nicht wieder, wie gut sie sich ausgedrückt haben. "Man muss mit Erfolgen umgehen können" und solche Sätze. Da dachte ich mir schon: Nee jetzt, das kann doch nicht wahr sein.

SPORT1: Über allem schweben in der deutschen Boxszene weiterhin die Klitschkos - obwohl die Schwergewichtsklasse sportlich gerade nicht den besten Ruf hat?

Wegner: Im Schwergewicht ist die Szene im Moment nicht gerade durch Klasseboxer überschwemmt, das ist richtig. Daran haben die Klitschkos aber keine Schuld. Was man ihnen bei aller Klasse aber vorwerfen kann: Die Konkurrenz, die da ist, müssten sie mehr suchen - so wie David Haye.

SPORT1: Was würden Sie sich von einem Kampf Klitschko - Haye erwarten?

Wegner: Schwer zu sagen. Der Große (Vitali, d. Red.) ist abgeklärt, er ist psychisch auch sehr stabil. Ob er gegen Hayes Schnelligkeit ankommt, will ich aber dahingestellt lassen.

Der Kleine, Wladimir, ist boxerisch sehr stark, aber hat Probleme mit der Psyche. Wer da richtig hinguckt, sieht das. Wie der eine oder andere Kampf dann genau laufen würde, das soll nicht unsere Sorge sein.

SPORT1: Können Sie denn in Ihrem Stall denn irgendwann wieder die ersehnte Konkurrenz bieten?

Wegner: Ich hoffe, dass bei uns ein paar gute Schwergewichte heranwachsen. Robert Helenius ist einer, der hoffen lässt, oder Francesco Pianeta. Aber das braucht Zeit.

SPORT1: Die Rente mit 67 gilt noch nicht, Sie sind schon 68. Können Sie sich Ruhestand überhaupt vorstellen?

Wegner: Sagen wir mal: im Moment nicht. Ich brenne noch und bin von den körperlichen und geistigen Voraussetzungen noch fit für meinen Beruf. Klar: Man hat hier mal einen Muskelfaserriss der einen einschränkt, nimmt etwas Gewicht zu.

Aber: Ich sehe es als große Chance für die Jungs, ihnen meine Erfahrung weiterzugeben. Denn aus Erfahrung kommen Erkenntnisse. Und ich fände es zu schade für den Boxsport, wenn ich aufhören würde - das sage ich so unverfroren, wie es ist.

Im ersten Teil des Interviews spricht Ulli Wegner über die Zerreißprobe nach Abrahams Niederlage, den Grund für die heftige Kritik am "König" und die Versöhnung am Krankenbett >>

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