Wer sich betrogen fühlt, betrügt sich selbst: Was beim Klitschko-Kampf passiert ist, ist das eingebaute Risiko der Sportart.

Eine Farce. Eine Peinlichkeit. Ein Fiasko.

Man kann dem WM-Kampf zwischen Vitali Klitschko und Odlanier Solis viele Namen geben.

Schiebung, Schande und Betrug am Zuschauer gehört auch zu den Bezeichnungen, die kursieren.

Doch bei allem Verständnis für den Ärger: damit betrügt der Zuschauer sich selbst.

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Denn letztlich muss jeder zahlende Boxfan wissen, wofür er sein Geld ausgibt.

Für Showeinlagen, Hype-Videos, spektakuläre Einzüge und das Ansage-Krakeelen des adretten Herrn aus der Elektromarkt-Werbung?

Das auch, aber doch vor allem für eine sportliche Veranstaltung mit einem festgelegten Regelwerk.

Das besagt, dass die Sache jederzeit vorbei sein kann, wenn einer der beiden Kämpfer k.o. geht - und genau das gehört auch zum Reiz des Sports, dem sich seine Fans verschrieben haben.

Dass das jederzeit auch nach drei Minuten passieren kann, ist das Risiko, das die Kunden der Sportart eingehen - ebenso wie ihre Verkäufer.

Die Inszenierung eines Kampfes kann man nach einem ausgefeilten Drehbuch ablaufen lassen, ein Boxkampf selbst hat aber eben im Idealfall keines.

Ein missglückter Risiko-Schlag, ein Konterhieb, ein weggeknicktes Bein, ein Abbruch vor dem Ende der ersten Runde - so banal kann ein groß beworbener Fight eben ausgehen.

Und geht man vom wahrscheinlichen Fall aus, dass ein Boxer in der Blüte seines Sportlerlebens kein Interesse daran hat, seinen guten Ruf durch ein zwielichtiges Geschäft zu ruinieren, ist am Samstagabend nichts anderes als das passiert.

Dabei ist letztlich egal, auf welcher Seite man in der von den Beteiligten kindisch ausgefochtenen Diskussion "Wirkungstreffer oder reines Beinverletzungspech" steht.

Interessanter ist da die Frage, ob Solis tatsächlich mit einem vorgeschädigten Knie in den Kampf gegangen ist - was dem Zuschauer-Ärger doch ein anderes Gewicht geben würde.

Dumm gelaufen aber ist es so oder so: Für Solis und für dessen Promoter Ahmet Öner, für die Fans und die Veranstalter - die trotz des Faktors Pech gut beraten wären, sich eine Entschädigung für ihre Kunden einfallen zu lassen.

Als Verlierer steht auch der siegreiche Klitschko da, dem die Chance versagt wurde, etwas gegen den Vorwurf zu tun, er gehe sportlich fordernden Gegner aus dem Weg.

Klitschko hatte guten Grund anzunehmen, dass Solis ein solcher wäre - auch wenn die (vollauf verständliche) Flucht aus dem sozialistischen Drill in das "High Life" im Westen den Kubaner offensichtlich Biss gekostet hat.

Klitschko hat an diesem Abend ohne eigene Schuld leider gar nichts beweisen können.

Das ist Pech. Aber das ist Boxen.

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