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Und auch die Klitschko-Gegner kriegen ihr Fett weg: "Klitschko hat nur gegen fette Puddings gekämpft, die sich nicht wehren konnten"
David Deron Haye hält den Weltmeister-Titel im Schwergewicht nach der Version WBA © getty

David Haye wirkt auf viele tumb, doch hinter den Sprüchen steckt ein cleverer Kopf - der keine peinlichen Bekenntnisse scheut.

Von Martin Hoffmann

München/Hamburg - David Haye könnte so reden wie die meisten seiner Sportlerkollegen.

Dass er "von Kampf zu Kampf denken" müsse. Dass er seinem Gegner "meinen Kampfstil aufzwingen" wolle. Dass es vor allem darum gehe, "Schlagchancen zu kreieren".

Würde er so reden, das Boxpublikum würde vom Weltmeister-Duell mit Wladimir Klitschko vielleicht trotzdem einen Jahrhundertkampf erwarten.

Die Erwartungen an den Fight sind aber weit größer - eben weil Haye nicht so redet.

K.o.-Bilanz gegen den guten Geschmack

Weil Haye stattdessen Nikolai Walujew mit einem "Herr-der-Ringe-Monster" vergleicht, mit einem Kopf "so groß, dass er ihn sich mit einem Rasenmäher rasieren muss".

Weil er Audley Harrison einen Kampf verspricht, der einseitiger wäre als eine "Massenvergewaltigung".

Und wieder und wieder seine Enthauptungs-Fantasien über die Klitschkos ausbreitet.

David Haye hat eine so beeindruckende K.o.-Bilanz gegen den guten Geschmack, dass ihn die "Bild" schon "überraschend zahm" nennt, wenn er Klitschko mal nur mit "Krieg" und einer "Hinrichtung" droht. (BERICHT: "Prinzessin" Haye verspricht "Exekution" im Ring).

"Gleichgültig bin ich niemandem"

Die Folge: Jeder will sehen, wie ebenjener Klitschko den Maulheld in die Schranken weist - oder wahlweise, wie der Anti-Held aus London seinen großen Triumph feiert. (BERICHT: Haye will "Esel" Klitschko verprügeln).

"Die Leute lieben mich oder hassen mich. Gleichgültig bin ich niemandem." Was Haye am Donnerstag im SPORT1-Interview erklärte, ist der Business Plan eines Box-Unternehmers.

Die verbalen Nierenschläge des "Hayemakers": Keine unkontrollierte Raserei, sondern wohlkalkuliert zur Eigenvermarktung (und zur Gegnerverärgerung).

Methode Ali im 21. Jahrhundert

Der Brite tut in der Hinsicht dasselbe, was sein Idol Muhammed Ali tat: Der beleidigte Joe Frazier einst als "hässlichen Gorilla" und Floyd Patterson als "feigen Hasen". 352172(DIASHOW: Die größten Box-Skandale).

[kaltura id="0_24nz2eww" class="full_size" title="Haye verweigert Handschlag"]

Haye hat die Methode Ali ins 21. Jahrhundert geholt - mit seinen verschobenen Geschmacksgrenzen und seinen fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten:

Wo Ali Patterson mit einem Bündel Karotten provozierte, macht er es mit einer iPhone-App, auf der er Klitschko den Kopf wegschlägt. (BERICHT: Nächste Kopf-ab-Provokation gegen Klitschko).

Mehr als ein Schaumschläger

Noch immer halten viele Haye wegen derartiger Aktionen für einen tumben, übermütigen Schaumschläger.

Doch genau das ist der Denkfehler, den man bei Haye nicht machen darf. Hinter dem großbemaulten PR-Maschinisten steckt ein anderer Haye.

Ein Mann, der alle Fachfragen zu seinem Sport in wohlartikuliertem Oxford-Englisch beantworten kann.

Ein Ex-Pfadfinder und Ex-Model, das Sun Tzus "Die Kunst des Krieges" studiert und offen zugibt bis zum 23. Lebensjahr am Daumen gelutscht zu haben - und kein Tattoo zu tragen, weil seine Mutter es ihm verboten haben.

Nicht alles ist Fassade

Was aber wiederum auch nicht heißt, dass alles an der Kunstfigur "The Hayemaker" Fassade ist.

Denn ein überbordendes Selbstbewusstsein hat Haye tatsächlich - seit seinen Kindertagen.

"Wenn meine Lehrer meinten, dass ich zuhören und meine Hausaufgaben machen sollte, habe ich ihnen gesagt, dass das für mein Leben nicht relevant sein wird", erinnert er sich.

Schlagstark und trainingsfaul

Schon als Schulkind war der Sohn eines jamaikanischen Einwanderers sicher, dass es eine Boxkarriere sein sollte, die ihn aus den Sozialwohnungsvierteln in Südlondon herausführen sollten.

Mit zehn Jahren startete er seine Laufbahn im Fitzroy Lodge Club in Lambeth, wo er sich früh als "Knockout Kid" hervortat - aber auch als trainingsfaul.

"Hätte ich ein Gym voller Hayes gehabt, hätte ich schon lange Selbstmord begangen", meinte sein ehemaliger Trainer Mick Carney.

Rückschlag als Schlüsselerlebnis

Hayes Talent war für ihn auch ein Problem, weil er etwas zu genau darum wusste. Ein Einstellungsmangel, der ihn bis in seine Profizeit begleitete.

Als er seine ersten zehn Kämpfe mit schnellen Knockouts beendete, stellte er sich auch das Duell mit dem 40-jährigen Haudegen Carl Thompson leicht vor - und wurde selbst auf die Bretter geschickt.

Der unerwartete Rückschlag trieb Haye die Flausen aus: Er trainierte fortan härter, bereitete sich gewissenhafter vor - und hat seitdem keinen Rückschlag mehr erlitten.

Weltmeister-Vereinigung als Vollendung

2007 holte sich Haye gegen Jean-Marc Mormeck zwei Weltmeister-Gürtel im Cruisergewicht, 2008 folgte der Wechsel ins Schwergewicht, 2009 der WBA-Titelgewinn gegen Walujew.

Die eingeplanten Siege über Wladimir und dann Vitali Klitschko und der Gewinn aller bedeutenden Schwergewichtstitel sollen Hayes Karriere vollenden - und auch beenden.

Vor dem 13. Oktober, seinem 31. Geburtstag will Haye seine Karriere ausklingen lassen - und damit den würdigen Abgang feiern, den all die großen Champs von Ali bis Tyson, von Louis bis Holyfield nicht hinbekommen haben.

Nur ein PR-Trick?

Eine oft erzählte Gesichte, und genauso oft als weiterer PR-Trick abgetan - Haye versichert aber inständig, dass der Ruhestandsplan genauso gilt.

Den Boxer David Haye, den Sprücheschmetterer, den Menschen: Wladimir Klitschko wird an diesem Samstag alles auf die größtmögliche Probe stellen.

Die Stunde der Wahrheit für David Haye steht an - in jeder Hinsicht.

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