vergrößernverkleinern
David Haye (r.) hatte den WBA-Titel 2009 von Nikolai Walujew gewonnen © imago

Nach Wladimir Klitschkos klarem Punktsieg steht Haye im Kreuzfeuer der Schmähkritik. Der Brite verweist auf seinen kaputten Zeh.

Von Martin Hoffmann

München/Hamburg - Er wollte es nicht als Entschuldigung anführen, meinte David Haye.

Und überhaupt: "Ich hasse unterlegene Boxer, die Ausreden suchen."

Aber dass ihm ein Zeh am rechten Fuß gebrochen war, das wollte er nach der einstimmigen Punktniederlage gegen Wladimir Klitschko (Bericht) doch mal erwähnen.

Und vorführen. Und per Twitter-Foto im Internet verbreiten.

Viel getönt, wenig geliefert

Der gebrochene Zeh habe ihn schwer in seiner Schlagkraft gehemmt und sei der Grund gewesen, dass er drei Wochen vor dem großen Schwergewichts-Vereinigungskampf in der Hamburger Imtech-Arena mit dem Sparring aufhören musste.

"Wir haben daran gedacht zurückzuziehen, aber wir konnten das nicht - bei all diesen tollen Fans hier."

Der Ausreden-Hasser Haye musste das klarstellen um gewissen Eindrücken entgegenzutreten, der sich nach der deutlichen Pleite aufdrängten 425534(DIASHOW: Die Bilder des Fights).

Doch mit der Zeh-Geschichte vollendete er den Eindruck; nach all dem Vorab-Hype doch nur ein typischer Klitschko-Gegner zu sein: Viel getönt, wenig geliefert - und hinterher auf der Suche nach Entschuldigungen.

Klitschko nicht recht zufrieden

Ein Eindruck, der auch Wladimir Klitschko den wohl größten Moment seiner Karriere etwas vermieste.

Da hatte er nun vor den Augen einer Rekordzahl von 15,5 Millionen TV-Zuschauern den WBA-Titel seiner bisherigen Sammlung aus IBF-, WBO- und IBO-Gürteln hinzugefügt.

Und damit die historische Leistung geschafft, alle bedeutenden Schwergewichts-Trophäen in Familienbesitz zu bringen. Mit dem Wie war er dann aber nicht so recht zufrieden:

"Ich hätte eine größere Herausforderung erwartet." Haye hätte "super-defensiv" und "ängstlich" geboxt.

[kaltura id="0_6856y11g" class="full_size" title="Im Video Klitschko bietet R ckkampf an"]

Nur sechs Haye-Treffer pro Runde

Der Brite bot zwar Schnelligkeit, Nehmerqualität und Psychospielchen - vom verzögerten Einmarsch bis zu seinen ständigen Vorwärtsstürzen -, aber nicht genug Offensivstärke.

Nur sechs Haye-Treffer pro Runde zählten die Statistiker: 72 insgesamt bei 290 Versuchen. Klitschko hatte dieselbe Trefferquote von 26 Prozent, die allerdings bei 134 Treffern in 509 Anläufen.

Klitschko mit einer lässigen Deckung locken, eine Linke antäuschen, eine Rechte setzen - Haye versuchte es fast immer mit derselben Strategie. Sie ging zu selten auf - vor allem weil Haye nicht entschlossen nachsetzte, wenn er einmal traf.

Es war zu wenig, um Klitschko dauerhaft aus seinem erfolgreichen Konzept zu bringen: Die linke Führhand und die Vorteile in Sachen Reichweite und Erfahrung ausspielen.

Ausgeboxt statt bestraft

"Bestrafen" nannte Klitschko das, was er mit Haye tun wollte. Es wurde ein kluges, effektives Ausboxen: "Es war nicht so spektakulär, wie ich gedacht hätte."

Das enttäuschte diejenigen, die auf ein Spektakel gehofft hatten - eine Enttäuschung, die sich vor allem an Haye ablud.

Auch und gerade in der eigenen Heimat: "Haye hat Klitschko immer wieder langweilig genannt", erinnerte der "Guardian": "Aber am größten Tag seiner Karriere war es Haye, der alles langweilig gemacht hat."

Brit-Promoter Frank Warren verspottet Haye wegen der Klagen über seinen Zeh gar als "Heulsuse".

Vernichtende Kritik aus den USA

Noch vernichtender fiel das Echo bei den Kampfsportfreunden in den USA aus, die sich danach gesehnt hätten, dass ein spektakulärer Typus wie Haye einem der Klitschkos Paroli bieten würde.

Und die an diesem Samstag dann wieder mehrheitlich an den Käfigkämpfern der UFC erfreuten.

Als "weiteren falschen Propheten" brandmarkte "Sports Illustrated" Haye, als "eine der größten Schwergewichts-Täuschungen aller Zeiten" das Sportkonglomerat "ESPN":

"Er hat immer wieder gesagt, dass er nach dem Kampf in den Ruhestand gehen würde. Es sah aus, als wäre er während der ersten Runde in den Ruhestand gegangen."

Rücktritts-Pläne fraglich

Ob Haye wirklich wie angekündigt vor seinem 31. Geburtstag am 13. Oktober aufhört, erscheint nun aber eher fraglich.

"Mein Plan war eigentlich, diesen Kampf zu gewinnen", antwortete Haye ausweichend auf die Frage, ob der Rücktritts-Plan noch gelte.

Die Zeichen stehen in jedem Fall auf ein weiteres Duell der beiden Kontrahenten, dann womöglich in Hayes Heimat.

Haye schüttelt die Hand

"Wollen wir über einen Rückkampf reden?", fragte Klitschko den "Hayemaker" in der Pressekonferenz nach dem Kampf.

"I'd love it", lautete die knappe Antwort des Briten, der sich nach dem Kampf generell eher kleinlaut gab.

Er zollte Klitschko Respekt für einen "tollen" Fight und gewährte ihm nun auch den Handschlag, den er ihm zuvor stets verweigert hatte.

"Er sollte zurück ins Cruisergewicht"

Klitschko bohrte derweil genüsslich in den Wunden des Unterlegenen:

"Ich glaube, er hat genug abgekriegt, um zu verstehen, dass er nichts im Schwergewicht zu suchen hat. Er sollte zurück ins Cruisergewicht gehen", riet er und drohte: "Ich habe dich leider nicht K.o. schlagen können - dann mache ich das halt nächstes Mal."

Und in dem Moment, in dem Haye seinen geschwollenen Zeh präsentierte, fiel Klitschko auch nur eines ein:

"Hat dich eine Biene gestochen?"

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel