David Haye war nicht so gut, wie er sich verkauft hat - und doch war Klitschkos Sieg über ihn eine eindrucksvolle Demonstration.

Einen "Krieg" hatten die Vermarkter angekündigt.

Eine "Exekution" hatte David Haye versprochen. Eine "Bestrafung" Wladimir Klitschko.

Am Ende ist doch nur ein Boxkampf herausgekommen. Was Schlechtes ist das nicht.

Es war vor allen Dingen für Wladimir Klitschko nichts Schlechtes.

Provokateur Haye hatte alles versucht, um in ihm eine Wut zu wecken, die ihn aus seinem taktischen Konzept bringen sollte.

Doch der jüngere Vertreter der nun allein über das Schwergewicht herrschenden Box-Familie hat sich nicht dazu verführen lassen, seine Emotion über seinen Verstand siegen zu lassen.

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Stattdessen gab es eine eindrucksvolle Demonstration von Klitschkos boxerischer Klasse und Reife.

Mit dem Haye-Kampf hat Wladimir Klitschko vieles widerlegt, was ihm vorgeworfen wird:

Dass er ernsthaften Herausforderern aus dem Weg gehe, dass er mental nicht gefestigt sei, dass ihn überdurchschnittliche Gegner noch immer so gefährlich wären wie seinerzeit Sanders und Brewster.

Trotzdem kommen natürlich routinemäßig die Relativierungen aus dem Kritikerlager: Haye sei ja angeschlagen gewesen, er habe ja übertrieben vorsichtig geboxt, er sei ja doch mehr Cruiser- als Schwergewicht, er sei ja doch mehr Schein als Sein gewesen.

Es sind Einwürfe, die zwar nicht direkt falsch sind - aber Klitschko doch nicht gerecht werden.

Haye war definitiv nicht der Erlöser der Schwergewichts-Szene, zu der er sich stilisiert hat - aber doch ein ernstzunehmender Herausforderer.

Ein Herausforderer, den Klitschko - beinahe buchstäblich - am ausgestreckten Arm hat verhungern lassen.

Welche potenziell interessanten Kämpfe bleiben? Den Bruderkampf gegen Vitali wird es nicht geben, einen Rückkampf gegen Haye schon eher.

Es ist aber mehr die Aussicht auf einen gut vermarktbaren Event, die da nun lockt - nicht mehr die sportliche Herausforderung.

Eine sportliche Herausforderung ist für Klitschko in der ausgezehrten Schwergewichts-Szene nicht mehr in Sicht. Er ist an einem Punkt angelangt, an dem er nichts mehr beweisen kann.

Zumindest nichts, was auch tatsächlich beweisbar wäre.

Gewiss, man wird ihm weiter vorhalten, dass er in den USA nicht der Star ist, den man dort gerne hätte. Aber dass er dort wegen seines überlegten statt explosiven Kampfstils nicht recht ankommt, schmälert nicht das, was er geleistet hat.

Und klar, die Ansicht, dass er in den glorreichen Jahren nichts zu melden gehabt hätte gegen einen Ali, einen Tyson, einen Holyfield auf ihrem Höhepunkt, wird Wladimir Klitschko ? wie Vitali ? weiter verfolgen.

Das muss beide Klitschkos nicht stören.

In ein paar Jahren kommt die Zeit, in der es über die dann amtierenden Weltmeister heißen wird: Also gegen einen Klitschko hätten die nichts zu melden gehabt.

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