Ali wird 70: Er wollte nur den roten Drahtesel zurück
Berlin - Der kleine Cassius Marcellus Clay heulte so laut, dass sich die Leute nach ihm umdrehten.
Jemand hatte vor der Columbia-Halle in Louisville sein rotes Fahrrad gestohlen. Nun durchkämmte der Zwölfjährige wütend und verzweifelt die Anlage und wollte dem Dieb "den Arsch versohlen".
Im Keller traf er den Polizisten Joe Martin, der dort in seinem Gym Boxer trainierte. Martin riet dem Bengel, er solle erst kämpfen lernen, bevor er jemanden herausfordert.
Cassius gehorchte - und die Karriere des größten Sportlers aller Zeiten begann.
Aufstieg zum Popstar des Boxens
Immer wieder musste Muhammad Ali später die Geschichte vom roten Fahrrad erzählen.
Sie nimmt die Eigenschaften vorweg, die Ali zum dreimaligen Schwergewichts-Weltmeister, zum Popstar des Sports und zum unermüdlichen Kämpfer für Gerechtigkeit machten: Mut, Unbeugsamkeit und eine große Klappe.
Am Dienstag feiert der "Größte" seinen 70. Geburtstag. Trotz großer gesundheitlicher Probleme nimmt er an der Party im Muhammad Ali Center von Louisville mit Frau Lonnie und Ex-Trainer Angelo Dundee teil.
Schwer gezeichnet vom Parkinson-Syndrom
Seine letzten Auftritte in der Öffentlichkeit gaben Anlass zu großer Sorge.
Bei der Beerdigung seines Erzrivalen Joe Frazier im November musste er, schwer gezeichnet vom Parkinson-Syndrom, von Lonnie und Helfern auf dem Weg in die Kirche gestützt werden.
Wenige Tage später brach er zusammen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Den 70. Geburtstag werden Menschen auf der ganzen Welt zum Anlass nehmen, dem "Größten" noch Kraft für viele weitere Jahre zu wünschen.
Sportler des Jahrhunderts
Ali ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Er schlug die härtesten Schlachten der Boxgeschichte und sagte die Runden seiner K.o.-Siege voraus.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wählte ihn 1999 zum Sportler des Jahrhunderts. Sein Boxstil war einmalig, sein Motto lautete: "Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene."
Leichtfüßig tänzelte er durch den Ring ("Ali Shuffle"), ließ aufreizend die Hände baumeln und wich den Schlägen mit nie gesehener Eleganz aus.
"Ich bin der König der Welt"
Ali genoss früh weltweiten Ruhm. Auch in Deutschland weckten Väter nachts ihre Söhne, um mit ihnen Ali zu sehen. Seine große Klappe machte ihn auch zum Liebling der Medien.
"Ich bin der beste Kämpfer aller Zeiten. Und gerade erst 22. Ich muss der Größte sein. Ich bin der König der Welt. Ich bin schön", tönte er nach dem ersten WM-Sieg 1964 gegen Sonny Liston.
Später meinte er: "Es ist schwierig, bescheiden zu sein, wenn man so großartig ist wie ich." Trotz seiner Großspurigkeit wurde er auch außerhalb des Rings für Millionen zum Vorbild.
Mit ungeheurem Charisma und großer Überzeugungskraft, mit religiöser und politischer Geradlinigkeit durchbrach er unzählige Widerstände, vor allem für alle Afroamerikaner.
Konversion zum Islam
Zwei Tage nach seinem WM-Sieg über Liston konvertierte er zum Islam und legte den "Sklavennamen" Cassius Clay ab.
Er verweigerte den Kriegsdienst in Vietnam und nahm dafür in Kauf, dass er 1967 den WM-Titel verlor und für drei Jahre gesperrt wurde.
"Er verzichtete auf Ruhm, Millionen von Dollars, um für das einzustehen, was sein Bewusstsein ihm rät", sagte Martin Luther King.
"Rumble in the Jungle"
Über allem thronten seine Jahrhundertkämpfe gegen Joe Frazier und George Foreman. Ringschlachten, die bis heute ihresgleichen suchen.
Im "Rumble in the Jungle" am 30. Oktober 1974 in Kinshasa ließ er sich vom Favoriten Foreman durchprügeln, ehe er den bis dahin in 40 Fights ungeschlagenen K.o.-König in der achten Runde auf die Bretter schickte.
"Muhammad gab mir eine Überdosis von der großen Rechten. Er hat fair und anständig gewonnen, und jetzt bin ich einfach stolz, teil der Legende Ali zu sein", sagte Foreman später.
"Thrilla in Manila"
Legendär sind auch die drei Fights mit Frazier. Nach Niederlage und Sieg im Madison Square Garden kam es am 1. Oktober 1975 zum "Thrilla in Manila".
Beide Kämpfer gingen über ihr Limit. Nach der 14. Runde waren Fraziers Augen zugeschwollen. Trainer Eddie Futch warf das Handtuch. Kurz danach brach Ali zusammen - Kreislaufkollaps.
Er hatte 440 Treffer kassiert, die meisten am Kopf. Viele sahen in dem selbstmörderischen Akt die Ursache für seine heutige Erkrankung.
Das unruhmliche Karriere-Ende
Was folgte, waren überflüssige Kämpfe eines gealterten Champions, der Ruhm und Geld nicht missen wollte. 1978 verlor der untrainierte Champ seinen Titel an den Olympiasieger Leon Spinks.
Er raffte sich erneut auf und holte sich die Krone zurück. Danach boxte er noch Larry Holmes und im letzten Fight Trevor Berbick.
Übergewichtig und chancenlos taumelte er durch den Ring. Mit der fünften Niederlage im 61. Profikampf endete die Karriere des Muhammad Ali - viel zu spät.
Immernoch ein Großmaul
Nach dem Ende seiner Box-Laufbahn wollte Ali auf öffentliche Auftritte nicht verzichten. Sein denkwürdigster gelang ihm bei Olympia 1996 in Atlanta, als er als Überraschungsgast mit zittriger Hand das olympische Feuer entzündete.
Ein Großmaul ist er noch heute, wie die letzten Sätze seiner neuen Biografie "Muhammad Ali: Ich" verraten: "Ich werde noch herausfinden, wer in Louisville mein Fahrrad gestohlen hat, als ich zwölf war. Und ich werde ihm noch immer den Arsch versohlen."
Zum Forum - jetzt mitdiskutieren
Zurück zur Startseite