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Vitali Klitschko (mit Gattin Natalia) hat 43 seiner 45 Profikämpfe gewonnen. 40 durch K.o. © imago

Vitali Klitschko riskiert den Spagat zwischen Politik und Sport auch vor dem Kampf gegen Chisora. Sein Coach erlebt Extreme.

Going - Für Vitali Klitschko gibt Fritz Sdunek auch mal den Chauffeur.

Wenn der Box-Champion gerade wieder am Handy politische oder geschäftliche Angelegenheiten regelt, sitzt halt der Trainer am Lenkrad.

Fast überall, nur nicht in Kiew. Der Straßenverkehr in der ukrainischen Hauptstadt ist Sdunek nicht wirklich geheuer.

"Da fährt nur Vitali", sagt der 64-Jährige, "und er fährt wie ein Bandit."

In Kiew war die Klitschko-Entourage Anfang des Jahres. Schuften für die WBC-Titelverteidigung gegen den Briten Dereck Chisora am 18. Februar in München stand auf dem Programm.

Auch neben dem Ring gefordert

Aber ausschließlich Training, das geht bei Vitali gar nicht. Als Vorsitzender der Ukrainischen Demokratischen Allianz für Reformen (UDAR) war er ebenfalls fast dauernd gefordert.

"Schon nach dem Frühstück kommen die ersten Genossen und wollen mit ihm reden", berichtet Sdunek.

Vollgestopfter Alltag

Das geht dann die ganze Zeit so weiter. Bei jeder Mahlzeit empfängt Klitschko Geschäftsleute und Politiker, mit denen er sich unterhält.

Dazwischen klingelt dauernd das Telefon. "Welche Anerkennung er in der Ukraine hat, ist erstaunlich. Aber das ist schon auch richtiger Stress", sagt Sdunek.

Für ihn wäre diese Politikersache nichts, meint der gebürtige Mecklenburger. "Ich würde zu viele dumme Bemerkungen machen."

Für Witali Klitschko dagegen ist ein Teil des vollgestopften Alltags.

Trainingslager mit Wladimir

Im Trainingslager im österreichischen Going am Wilden Kaiser, wo sich der 40-Jährige traditionell auf seine Kämpfe vorbereitet, diesmal übrigens erstmals gemeinsam mit Bruder Wladimir, der am 3. März seinen Fight gegen den Franzosen Jean-Marc Mormeck nachholt, beginnt der Tag oft schon um sieben Uhr.

Dann geht Vitali schwimmen und spielt ein wenig Tischtennis, danach gibt es erst Frühstück.

Die politischen Aktivitäten ruhen in der österreichischen Bergwelt zumeist, voller Fokus auf den Sport.

Boxen zum Abbau vom politischen Stress

Wer nun meint, dass Vitali Klitschko dieser ständige Wechsel zwischen Politik und Wettkampfvorbereitung auslaugt und ermüdet, sieht sich getäuscht.

Das Boxen ist sein Vehikel. "Das Trainingslager ist Erholung für Vitali, da baut er seinen politischen Stress ab", sagt Sdunek.

Wenn man Klitschko am und im Ring beobachtet, glaubt man diese Worte sofort.

Noch lange nicht am Ende

Deutschlands erfolgreichstem Boxtrainer imponiert, wie Vitali auch in diesem Alter noch die Balance findet. "Er kann sich so konzentrieren. Dass er sich immer noch so steigert, ist erstaunlich".

Es fasziniert ihn regelrecht: "Vitali ist ein Jahrhundertmensch", sagt Sdunek voller Respekt.

Genau deshalb sieht sein Trainer den Ukrainer auch noch lange nicht am Ende. "Er lässt einfach nicht nach. In dieser Verfassung kann er noch zwei, drei Jahre boxen", versichert Sdunek.

Er sagt das nicht nur so dahin, denn Sdunek beobachtet Vitali sehr genau. Mit dem Ellbogen auf der Ringkante gestützt, dem Finger am Mund und messerscharfem Blick verfolgt der Coach seinen Schützling beim Sparring, ihm entgeht nichts.

Vetorecht bei Karriereende

Sdunek achtet auf die Details und würde sofort einwirken, wenn Klitschko abbaut.

"Wenn ich merke, dass er alt wird, wenn ich merke, er sieht die Schäge nicht mehr und erholt sich nicht, dann wäre es Zeit", sagt Sdunek.

Ob er denn ein Vetorecht habe, wenn es um das Karrierende gehe? "Ja", erklärt Sdunek, "ich denke, Vitali würde auch auf mich hören". Es spiele ja zudem eine Rolle, wie es mit der politischen Arbeit weitergehe.

Zum ältesten Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte wird Klitschko es wohl dennoch nicht bringen.

Noch gute sechs Jahre müsste er boxen, um George Foreman diesen Titel abzuluchsen. "Da ist zu lang", sagt Sdunek.

Selbst für einen Jahrhundertmenschen.

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