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Dereck Chisora muss gemeinnützige Arbeit verrichten
Dereck Chisora musste in bisher 15 Profikämpfen zwei Niederlagen hinnehmen © getty

Er interessiert sich eigentlich nicht fürs Boxen - und er will, dass die Chinesen über ihn reden: Dereck Chisora im Porträt.

Von Martin Hoffmann

München - Der Mann, der Vitali Klitschko vom Schwergewichts-Thron stoßen will, interessiert sich nicht für seine Sportart.

"Ich verfolge Boxen nicht", sagt Dereck Chisora: "Ich weiß gar nicht, wer sonst in meiner Gewichtsklasse ist."

Ob er denn zumindest Klitschkos letzten Kampf gesehen hat? "Nein, tut mir leid, ich bin eingeschlafen."

Es sind bizarre Szenen, die sich in dem Doppelinterview abspielen, das das britische Fernsehen mit den beiden Kontrahenten führt, die sich am Samstag in München um die Weltmeisterschaft der WBC duellieren.

"Du musst deinen Gegner studieren" - "Warum?"

Halb amüsiert, halb irritiert fängt der ältere Klitschko an, seinen Herausforderer zu belehren.

"Ein Ratschlag von der älteren Generation an die jüngere: Du musst deinen Gegner studieren", doziert er, etwas anderes zu glauben wäre "dein größter Fehler".

"Warum?", fragt Chisora. Er guckt, als würde jemand seine Fähigkeit bezweifeln, einem Kleinkind das Pausenbrot abzunehmen.

Sitcom-Figur statt Raubtier

Was ist das für ein Boxer, der dem wohl besten Schwergewichts-Kämpfer der Welt so gegenübertritt?

Ein spezieller, man merkt es schon an der Wahl seines Spitznamens.

Wo andere sich nach Raubtieren oder nach Naturgewalten benennen, ist Chisoras Namenspate eine Sitcom-Figur.

"Del Boy" ist jedem Engländer vertraut, ein kleiner, großklappiger Geschäftsmann, der auf seinen krummen Touren von einer Katastrophe in die nächste schlittert und trotzdem unentwegt behauptet: "Im nächsten Jahr um diese Zeit sind wir Millionäre."

"Zeit für einen neuen König"

Chisora ehrt sein Vorbild. Mit Behauptungen wie: "In China hat man vielleicht noch nichts von mir gehört, aber das wird sich ändern, wenn ich Vitali in den Hintern getreten habe."

Oder dass er eine "Lichtgestalt" und es "Zeit für einen neuen König" wäre.

[kaltura id="0_q10bju0d" class="full_size" title="Klitschko hofft auf eine Schlacht "]

Der branchenübliche "Trash-Talk" ist bei Chisora noch auf besondere Weise garniert. Seinem letzten Gegner Robert Helenius kündigte er an, mit ihm im Ring "Liebe zu machen". Auch Klitschko "droht" er zweideutig an: "Ich schwinge von beiden Seiten, Baby!"

Ausweg aus krimineller Karriere

Das Boxen war für den gebürtigen Simbabwer, der mit 16 nach England übersiedelte, einst der Ausweg aus einer kriminellen Karriere.

Es war sein Bewährungshelfer, der dem heute 28-Jährigen den Faustkampf als sozial-integrative Maßnahme empfahl und ihn an eine Trainingsstätte vermittelte.

Chisora fand sich gut zurecht, wurde 2007 Profi, drei Jahre später Landesmeister im Schwergewicht.

Vermarktet als neuer Tyson

Zu diesem Zeitpunkt buchte ihn das Klitschko-Lager als Gegner für Vitalis Bruder Wladimir, was sich damals anbot:

Chisora war unverbraucht und ungeschlagen. Er ließ sich als junger Wiedergänger von Mike Tyson zu Markte tragen, als Nachwuchsboxer mit "wahnsinnig viel Pulver in den Fäusten und einem ähnlich starken Händedruck wie Iron Mike", wie Wladimir Klitschko urteilte.

Der Brite hatte dabei nicht nur den Händedruck mit Tyson gemein, sondern auch den Hang zu Skandalen:

Ein Biss gegen Gegner Paul Butlin handelte ihm 2009 eine viermonatige Sperre ein, ein körperlicher Angriff auf seine damalige Freundin ein Jahr später eine weitere Bewährungsstrafe.

Rückschläge gegen Fury und Helenius

Der geplante Kampf gegen Wladimir platzte wegen Verletzungsproblemen des jüngeren Klitschko - was stattdessen kam, kratzte an Chisoras Reputation.

Übergewichtig und offensichtlich schlecht vorbereitet unterlag Chisora im Juli 2011 seinem Landsmann Tyson Fury.

Fünf Monate später sah er gegen den Finnen Helenius aus dem Sauerland-Stall zwar weit besser aus, verlor den EM-Kampf aber ebenfalls in einer umstrittenen Punkte-Entscheidung.

Auf die Del-Boy-Art

Er ist nicht mehr ungeschlagen, nicht mehr unverbraucht - und den Fachleuten fehlt ohnehin nicht erst seit der Fury-Pleite das Zutrauen, dass er gegen einen Ausnahmeboxer wie Klitschko bestehen kann.

Chisora beantwortet die Zweifel an seinen Qualitäten auf die Del-Boy-Art:

"Die Leute, die nicht über das Boxen reden, werden damit nach dem 18. Februar beginnen", verkündete er.

Im nächsten Jahr um diese Zeit will er ein Star in China sein.

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