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Thomas Pütz (r.) übernahm das Amt des Präsidenten von Dr. Bodo Eckmann © imago

Im SPORT1-Interview gibt BdB-Präsident Thomas Pütz Einblicke in die Geschehnisse rund um den Eklat und kündigt Konsequenzen an.

Von Johanna Herdejost

München - Die Prügelei zwischen David Haye und Klitschko-Herausforderer Dereck Chisora lässt den eigentlichen Anlass der Zusammenkunft fast in den Hintergrund rücken (BERICHT: Klitschko verteidigt Titel - Eklat nach dem Kampf).

Auf der Pressekonferenz nach der WBC-Titelverteidigung von Vitali Klitschko provozierte der ehemalige Box-Profi Haye seinen Landsmann Chisora immer wieder mit Zwischenfragen, bis Chisora wutentbrannt auf den als Journalist anwesenden Haye stürmte. (352172DIASHOW: Skandale im Boxsport)

Was folgte war eine wilde Keilerei, ein blutiges Auge und eine Morddrohung. Mitten im Geschehen war auch Thomas Pütz, Präsident des Bundes deutscher Berufsboxer (BdB).

Im SPORT1-Interview spricht der 45-Jährige über die Konsequenzen, die den beiden Streithähnen nun drohen, gibt exklusive Einblicke in die Geschehnisse vor dem Kampf und blickt auf die Zukunft des deutschen Boxsports.

SPORT1: Herr Pütz, was droht Chisora und Haye jetzt?

Thomas Pütz: Der englische Verband könnte David Haye die erneute Lizenzvergabe verweigern. Man kann niemanden sperren, der keine Lizenz hat. Man kann in diesem Falle nur Chisora sperren und das - für meinen Geschmack - am liebsten lebenslänglich. Aber das obliegt dem englischen Verband um Generalsekretär Robert Smith. Bevor Chisora jemals wieder in einen Ring marschiert, sollte er sich in psychologische Behandlung begeben. Für mich ist er nicht zurechnungsfähig.

SPORT1: Kann der BdB ein Boxverbot aussprechen und wie wäre der Weg zum Boxverbot?

Pütz: Die Lizenz selber wird vom englischen Verband ausgestellt. Wir sitzen in der EBU (European Boxing Union, d. Red.). Sowohl wir als auch die Engländer sind Vollmitglieder. Dort wird entschieden, was passiert. Wenn Chisora mit einer einstweiligen Verfügung ankommen würde, oder eine Boxlizenz von einem EBU-anerkannten Verband präsentiert, kann ich nicht sagen, wie es juristisch zu sehen ist. Aber wir werden uns dafür einsetzen, dies zu verhindern.

SPORT1: Werden Sie also konkrete Schritte einleiten?

Pütz: Absolut.

[kaltura id="0_d4a3mojp" class="full_size" title="Eklat auf der Pressekonferenz"]

SPORT1: Wieviel Show steckte in der Prügelei zwischen Chisora und Haye?

Pütz: Gar keine. Für mich ist David Haye ein intelligenter, smarter Business-Man, der sich durch seine provokante Art vor dem Kampf gegen Wladimir Klitschko in eine gute Position gebracht hat. Er ist zwar durch Verbalattacken aufgefallen, aber das ist legitim. Bei Dereck Chisora war kein Meter Show dabei, es war pure Aggression, purer Hass. Ich war mit auf der Bühne, als er Vitali Klitschko geohrfeigt hat. Es war kein leichter Klatscher, sondern eine Ohrfeige mit aller Gewalt, bei der auch das Trommelfell hätte platzen können. Die Ruhe, die Vitali in der Situation bewahrt hat, verdient größten Respekt. Genauso bei Wladimir: Erst wird sein Bruder geohrfeigt, dann beleidigt uns Chisora in der Kabine und spuckt Wladimir an. (EINWURF: Jämmerliche Pausenhof-Gockel)

SPORT1: Was genau ist in der Kabine passiert?

Pütz: Ich war bei Chisora zum Bandagieren in der Kabine. Wir haben ihn und sein Team darauf hingewiesen, dass seine Bandagen so nicht zugelassen sind. Das war dem Chisora-Team bekannt. In der Kabine waren nur die Offiziellen und Wladimir anwesend. Denn jede Ecke darf jemanden zum Beobachten der Bandagen entsenden. Chisora hat sich die Bandagen abgerissen und wollte mit den Worten "You f****** German asshole" auf mich losgehen, dabei habe ich ihn nur auf die Regeln hingewiesen. Er brüllte Richtung Wladimir: "Tell your f****** brother the fight is over". Sein Manager und Promoter Frank Warren stand in dieser Situation hilflos vor mir und sagte, dass er Chisora nicht unter Kontrolle habe.

SPORT1: Was sagen Sie zu den Anschuldigungen von Warren, dass es nicht abgesprochen war, dass Wladimir Klitschko in die Kabine kam?

Pütz: Jedes Team kann ein Mitglied in die Kabine des Gegners entsenden. Beim Rules-Meeting, was im Anschluss ans Wiegen stattgefunden hat, wurde abgeklärt, dass diese Person Wladimir Klitschko sein würde. Da hätten sie protestieren können, aber aus dem Team von Chisora kam kein Widerspruch. Bei allen Klitschko-Kämpfen ist es immer so, dass der eine Bruder beim Kampf des anderen in die Kabine des Gegners geht. Frank Warren und ich sind noch vor die Kabine gegangen und haben versucht, die Sache zu klären, weil Dereck Chisora in der Kabine ausgeflippt ist.

SPORT1: Muss man in Zukunft die Gegner besser unter die Lupe nehmen?

Pütz: Wir müssen alle an einem Strang ziehen und aufpassen, dass durch Chisoras unsportliches Verhalten kein Trend entsteht. Viel schlimmer ist, dass Chisora einen super Kampf abgeliefert hat. Durch sein Geplänkel vor und nach dem Kampf hat er sich alles kaputt gemacht. Für mich gehört er in eine Zwangsjacke.

SPORT1: Wie groß ist der Schaden für den deutschen Boxsport?

Pütz: Die Klitschko-Veranstaltungen selbst sind international hoch angesehen. Jetzt müssen wir aufpassen, dass es nicht dazu kommt, dass Boxer versuchen, sich durch Chisoras Auftreten ein "Bad-Boy"-Image aufzubauen und sich dadurch einen Namen zu machen. Das Schlimmste ist, dass Chisora durch seine negativen Aktionen den eigenen Marktwert gesteigert hat. Aber es kann nicht sein, dass der nächste Boxer ankommt und sagt: "Jetzt hau ich dem Klitschko eine volle Backpfeife, damit alle sehen, was für ein böser Junge ich bin." Da gilt es jetzt zu handeln.

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