"Ich schicke Vitali Klitschko in Rente"
München - Die Kampfansage an Vitali Klitschko kam etwas schüchtern, das Liebesbekenntnis für die Mutter dafür umso euphorischer:
24 Tage vor dem Kampf seines Lebens um die WBC-Krone gegen WM-Champion Klitschko hat Manuel Charr in einer manchmal bizarr anmutenden Pressekonferenz noch die beste Figur abgegeben.
"Es tut mir leid, ich mache es ungern, aber ich werde Vitali in die Rente schicken", sagte der 27-Jährige mit Blick auf den WM-Kampf am 8. September in Moskau.
Und er lächelte dabei, als sei ihm die Aussage unangenehm.
Finanzprobleme machen Charr verlegen
Dennoch ergänzte er: "Ich bin die Zukunft, für Klitschko wird es der letzte Kampf, definitiv."
Der selbsternannte "Pitbull", der "Junge von ganz unten" ist nach eigener Aussage pleite.
Der große Kampf gegen den 14 Jahre älteren Klitschko ist seine große Chance, nachdem er "voll ins Risiko gegangen" ist und nun für seine eigene Firma "Diamondboy Promotion" (DBP) antritt. ( NEWS: Alles zum Boxen)
"Ich habe mich zuletzt etwas verschuldet, okay etwas viel", sagte er verlegen: "Aber am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, war es noch nicht das Ende."
"Wir zeigen ihm die Sonne"
Nach Angaben von DBP-Geschäftsführer Pit Gleim hat der gebürtige Libanese "in seinem Leben bis zum jetzigen Zeitpunkt nur die Schattenseiten kennengelernt. Wir zeigen ihm wieder die Sonne."
Nun will sich der in 21 Kämpfen noch ungeschlagene Herausforderer die Schwergewichts-Krone aufsetzen, und am möglichen Reichtum dann auch gleich seine größte Heldin teilhaben lassen: Seine Mutter.
"Sie hat sich eine Einbauküche gewünscht, die wird sie bekommen. Sie hat es schließlich nicht leicht gehabt", sagte er und ergänzte schmunzelnd: "Vielleicht auch ein Haus, aber man muss ja klein anfangen."
Kämpferherz von der Mutter
1987 war er mit seiner Mutter und den Geschwistern nach Deutschland geflüchtet:
"Mein Vater ist im Krieg gefallen, und sie hat sechs Kinder in einem fremden Land großgezogen", erklärte er: "Wenn es einen Weltmeister-Gürtel gibt für Mütter, dann ist meine Weltmeisterin."
Von ihr habe er sein Kämpferherz geerbt, meinte Charr, der aber auch etwas unbeholfen, einen Knebelvertrag eines Promoters präsentierte und verlas. Unschuldig war er am Rest peinlicher Inszenierungen. (DIASHOW: Die größten Box-Skandale)
Da wurde Vitali Klitschko als Gast angekündigt, an dessen Stelle schließlich ein schlechtes Double aus den Katakomben des Kölner Stadions schritt.
Präsentation der Dilettanten
Und da schoss der medizinische Leiter Oliver Tobolski - von Gleim fälschlicherweise als "Podolski" präsentiert - ein Eigentor, als er ungefragt ausführte:
"Er hat ein übermenschliches Programm gemacht. Und das mit sauberen Mitteln. Doping hat hier keine Rolle gespielt, um das gleich schon mal zu sagen."
Mit dem echten Lukas Podolski, dem Fußball-Nationalspieler, ist Charr übrigens befreundet. Und Toni Schumacher, Vize-Präsident von Podolskis Ex-Klub 1. FC Köln, hat Charr den Auftritt in Köln ermöglicht.
"Mein Wunsch ist es, die Krone zu holen und sie hier in diesem Stadion zu verteidigen", sagte er deshalb.
Trainer Sakarjan eine große Hilfe
Mit einem anderen Kölner Sportidol, dem WBA-Champion Felix Sturm, hat er sich in kurzer gemeinsamer Zeit aber zerstritten.
"Es hat nicht gepasst. Er wollte in die Berge, ich in die Sonne", sagte Charr und kommentierte die Tatsache, dass Sturm zeitgleich ebenfalls eine Pressekonferenz in Köln gab, mit einem Achselzucken: "Wir haben die Einladungen am Sonntag verschickt, er am Montag."
Eine echte Hilfe ist ihm dagegen sein neuer Trainer Wardan Sakarjan.
Sakarjan kess
Der deutsche Olympia-Teilnehmer von Sydney 2000 nahm sich 1995 Witali und Wladimir Klitschko nach der Ankunft in Deutschland an.
"Als die beiden herkamen, waren sie jung, konnten die Sprache nicht und wollten alles wissen. Ich habe mich ihnen ein wenig angenommen. Vor allem Witali. Ich habe mich um alles für ihn gekümmert, und er hat auch des Öfteren bei mir übernachtet", sagte er, doch auch er ist der Meinung:
"Witali macht seinen letzten Kampf, er wird in Rente gehen, und er hat alles erreicht. Jetzt kommen die Jungen, und ich möchte, dass Manuel das wird."