vergrößern verkleinern
Stefan Ustorf bestritt 54 Spiele für die Washington Capitals in der NHL © imago

Eine Kopfverletzung hat Stefan Ustorfs Gesundheit ruiniert. Bei SPORT1 fordert er nun mehr Aufklärung - nicht nur im Eishockey.

Von Raphael Weber und Maximilian Lotz

München - Seit dem 6. Dezember 2011 hat Stefan Ustorf nicht mehr Eishockey gespielt.

Trotzdem hat der frühere Nationalmannschaftskapitän seinen Sport nun noch einmal kräftig aufgewühlt.

Der 39-Jährige hat vergangene Woche seinen Rücktritt nach 22 Jahren und über 1200 Spielen angekündigt - und ihn verknüpft mit schockierenden Einblicken in seinen Gesundheitszustand.

Der leidet bis heute an den Folgen des Schädel-Hirn-Traumas, das er sich bei einem Bodycheck von Hannovers Gerrit Fauser zugezogen hat. Er berichtete von schweren Schlafstörungen und dem Gefühl, dass sein Körper "auseinanderfällt".

Im SPORT1-Interview plädiert er nun für mehr Aufklärung über die im immer schneller werdenden Sport immer häufigeren Kopfverletzungen - und meint damit ausdrücklich nicht nur das Eishockey (DATENCENTER: Die DEL).

SPORT1: Herr Ustorf, wie oft denken Sie noch an den Tag des folgenschweren Bodychecks im Spiel gegen die Scorpions?

Stefan Ustorf: Überhaupt nicht mehr.

SPORT1: Können Sie das vollständig ausblenden?

Ustorf: Der eine Check, die Sache ist passiert. Was soll ich dazu sagen? Dass man in jedem Eishockey-Spiel mit einem Risiko aufs Eis geht und dabei verletzen kann, ist jedem bewusst. Immer wieder an die eine Situation zu denken, ändert nichts und ist, was meine Genesung angeht, nicht von Vorteil. Ich will gesund werden und nicht an das denken, was Negatives hinter mir liegt, sondern an die schönen Zeiten in meiner Karriere, die weitaus überwiegen und nach vorne schauen. Dieser Check gehört zu meiner Karriere dazu, das ist nun mal so, damit habe ich in dem Fall kein Problem. Ich habe mit den Endresultaten große Probleme.

SPORT1: Sie spielten damals mit einer Gehirnerschütterung. Machen Sie jemanden verantwortlich für das, was Ihnen passiert ist?

Ustorf: Nein, außer mir selbst. Ich kannte die Symptome nicht, ich wusste nicht, dass ich mit einer Gehirnerschütterung gespielt habe. Wenn ich das damals gewusst hätte, hätte ich es nicht gemacht. Ich wusste damals nicht, was mit meinem Körper passiert. Den einzigen Vorwurf, den ich mir machen kann, ist, dass ich über die Verletzung nicht genug gewusst habe.

SPORT1: Sie haben in einem Interview gesagt, Sie spüren, wie Ihr Körper auseinanderfalle. Können Sie die körperlichen Symptome beschreiben?

Ustorf: Schmerzen, jeden Tag. Ich kann nicht trainieren. Ich kann aufgrund der Symptome der Gehirnerschütterung keinen Sport ausüben, mich nur in sehr geringen Ausmaßen körperlich betätigen. Dazu kommen schwere Schmerzen aufgrund der vielen Verletzungen, die ich im Laufe meiner Karriere gehabt habe.

SPORT1: Erst vergangene Woche kam es in der Schweiz erneut zu einer schweren Verletzung, der Zweitliga-Spieler Ronny Keller bleibt nach einem Sturz querschnittsgelähmt...

Ustorf: Ich habe den Vorfall gesehen. Das war eine sehr, sehr unglückliche Situation. Das, was da in der Schweiz vorgefallen ist, kommt im Eishockey wirklich sehr selten vor. Ich muss sagen, dass mir dieser Sportler wahnsinnig leid tut. Ich hoffe, dass er mit der Situation so gut wie möglich fertig wird. Das ist eine furchtbare Geschichte.

SPORT1: Woran liegt es, dass es im Eishockey immer wieder zu so schweren Verletzungen kommt?

Ustorf: Solche Verletzungen passieren im Eishockey sehr selten. Der Sport an sich ist nicht gefährlicher als jeder andere auch. Gehirnerschütterungen sind kein Eishockey-Problem, das ist ein Problem der Kontaktsportarten. Die zweitmeisten Gehirnerschütterungen in Nordamerika passieren beim Frauenfußball. Wir müssen lernen mehr aufzuklären. Wir müssen lernen, Gehirnerschütterungen besser zu diagnostizieren und dann auch besser zu therapieren. Und dann kann so etwas auch ausgeheilt werden - und dann ist es eine Verletzung wie jede andere auch. Wenn so etwas ausgeheilt ist, ist die Chance, wieder eine Gehirnerschütterung zu bekommen, nicht höher als vorher. Dann kann auch jeder normal zu seinem Sport zurückkehren.

SPORT1: Und wenn nicht?

Ustorf: Das Problem ist, wenn das nicht ausgeheilt wird und man nicht genau weiß, womit man sich befasst und dann solche Probleme bekommt wie in meinem Fall. Da gibt es einiges zu tun. In Deutschland weniger, aber auch beim Handball oder bei Wochenend-Skifahrern, die nicht wissen, dass sie eine haben. Und in Amerika beim Football? Es gibt genug Sportarten, wo Gehirnerschütterungen ein Problem sind. Da gibt es noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten.

SPORT1: Die DEL hat einen medizinischen Schnelltest bezüglich Gehirnerschütterungen eingeführt ("Poket SCAT2"), die Mannschaftsärzte haben sich zu einer "Medical Task Force" zusammengeschlossen. Reicht das, um die Eishockeyprofis besser zu schützen?

Ustorf: Das ist mit Sicherheit ein richtiger und wichtiger Schritt, dass sich die DEL damit befasst. Aber das ist ein Schritt, der nicht nur in der DEL, sondern auch im Nachwuchs und den Junioren-Nationalmannschaften passieren muss. Denn diese Verletzungen sind bei Kindern noch viel gefährlicher als bei Erwachsenen.

SPORT1: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Ustorf: Mit Sicherheit. Ich versuche, so schnell wie möglich gesund zu werden. Ich habe einige Operationen vor mir, die unabhängig von meinem Kopf sind und hoffentlich dazu führen, meinen Körper wieder in Stand zu bringen und dann meinem Kopf helfen, zu regenerieren. Das hängt alles zusammen, hoffentlich. Wie gesagt, mir geht es allgemein körperlich sehr schlecht. Ich hoffe, dass es zu einer Art Kettenreaktion kommt, wenn man anfängt alles nach und nach zu reparieren, so dass der Kopf nachzieht. Ich mache alles, was meine Ärzte mir anordnen und hoffe, dass ich so schnell wie möglich wieder gesund werde.

SPORT1: Wollen Sie dem Eishockey auch in Zukunft erhalten bleiben?

Ustorf: Es geht mir darum, so schnell wie möglich, in die Arbeitswelt, die bei mir natürlich Eishockey involvieren wird, zurückzukehren. Das ist mein Leben, damit kenne ich mich am besten aus und habe auch weiterhin große Ziele - ob das jetzt im Management- oder Trainerbereich ist. Ich habe noch viel vor und bin noch lange nicht fertig.

x
Bitte bewerten Sie diesen Artikel