vergrößernverkleinern
Christian Ehrhoff trifft 110 Sekunden vor dem Spielende
Christian Ehrhoff kam 2011 von den Vancouver Canucks zu den Sabres © getty

Die Vorbereitung auf die WM wird von Dauer-Zoff hinter den Kulissen gestört. Der NHL-Star fordert bei SPORT1 Besserung.

Von Christoph Lother, Jan Reinold und Martin Hoffmann

München - Am Freitagmittag war es mal wieder soweit.

Einmal mehr sind es nicht die DEL-Finals oder die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft, die Schlagzeilen machen, sondern Unstimmigkeiten im deutschen Eishockey.

Grund ist einer geharnischte Pressemitteilung der Klubs der Zweiten Liga.

Das DEB-Angebot, ab der Saison 2013/14 an einer vom Verband organisierten Liga teilzunehmen, lehnen sie ab. Die Pläne hätten "weder eine zeitgemäße Organisation, noch eine wirtschaftliche Entwicklung, ein neues sportliches Konzept oder irgendeine Perspektive für ein Auf- und Abstiegsmodell".

Fassungslos in Amerika

Stattdessen plädieren die Klubchefs für eine Idee der Deutschen Eishockey-Liga: die Schaffung einer eigenständigen zweiten Liga namens "DEL II".

Anderswo passieren solche Entwicklungen ohne dass die eine Organisation der anderen öffentlich vorhält, dass ihre Konzepte - grob zusammengefasst - mächtiger Quark sind.

Dass das im Eishockey nicht klappt, frustriert einen Mann, der vom fernen Amerika aus recht fassungslos mit ansieht, wie sich die Entscheidungsträger in seiner Sportart mal wieder in den Haaren liegen.

"In den Strukturen stimmt es nicht"

"In den Strukturen im deutschen Eishockey stimmt es nicht, es wird nicht vernünftig zusammengearbeitet", findet NHL-Profi Christian Ehrhoff im Gespräch mit SPORT1:

"Es gibt inzwischen leichte Fortschritte, aber es ist immer noch nicht so, wie es sein sollte. Da sind uns andere Nationen weit voraus."

Den Verteidiger der Buffalo Sabres ärgert der Zwist zwischen Verband und der Eishockeyspielbetriebsgesellschaft (ESBG), die bislang für die Organisation der Zweite Liga verantwortlich war.

Die hatte die Kooperationsverträge mit DEB und den Landes-Eissportverbänden (LEV) gekündigt und damit einen Rechtsstreit ausgelöst.

Zu viele Egos

"Von Weitem sieht es oft so aus, dass dort einige Egos sind, die nicht überwunden werden können. Das ist sehr schade", findet Ehrhoff:

"Man sollte zumindest versuchen, sich an einen Tisch zu setzen und Lösungen zu finden, die im Sinne des deutschen Eishockeys sind."

Frust verursachte bei Ehrhoff etwa, dass es zuletzt keine Förderlizenzen für die Zweitligisten gab, mit denen junge DEL-Spieler Spielpraxis in der zweiten Liga sammeln können.

Förderlizenzen als Fortschritt

Zumindest hier konnten sich DEL und ESBG mittlerweile aber auf eine Wiedereinführung zur neuen Saison Einigkeit erzielen - und über die Möglichkeit, wieder Freundschaftsspiele zwischen DEL- und Zweitligaklubs auszutragen.

Die Förderlizenzen erlauben es Nachwuchsspielern bis zu ihrem 23. Lebensjahr, in derselben Spielzeit für zwei Mannschaften aus verschiedenen Ligen aufs Eis zu gehen und flexibel zu wechseln.

Junge Talente flüchten nach Nordamerika

Bislang war der Weg vom ambitionierten Nachwuchsspieler zum hochbezahlten Profi in Deutschland nicht gerade einfach.

Gerade mal zehn Mannschaften bilden aktuell die Deutsche Nachwuchs Liga (DNL), nur vier davon kommen aus der DEL (HEC Jungadler, Berlin, Düsseldorf, Krefeld).

Da sie sich den direkten Sprung aus dem Jugend- in den Profibereich nicht zutrauen, wechseln zudem zahlreiche Talente schon in jungen Jahren nach Nordamerika.

Der ehemalige Rosenheimer Torhüter Philipp Grubauer, der 2008 im Alter von nur 16 Jahren den Weg in die USA eingeschlagen hatte und bei den Washington Capitols Ende Februar sein lang ersehntes NHL-Debüt feierte, ist nur eines von vielen Beispielen.

Nationalteam in der Krise

Die organisatorischen Schwierigkeiten im deutschen Eishockey haben wohl ihren Anteil daran, dass vor der WM 2013 (3. bis 19. Mai LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM auf SPORT1.de) auch beim Nationalteam Missstimmung herrscht.

In der Vorbereitung ist die Truppe von Bundestrainer Pat Cortina nach vier Spielen noch ohne Sieg, zuletzt verlor sie zweimal hintereinander mit 1:3 gegen Tschechien (BERICHT: Cortina setzt auf Kämpfermentalität).

Vor den Länderspielen am Samstag (ab 14 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) in Krefeld und am Sonntag (14.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) in Frankfurt kann Cortina nur hoffen, dass der Negativtrend sich nicht fortsetzt.

Olympia-Aus eine "Katastrophe"

Die Euphorie nach dem sensationellen vierten Platz des DEB-Teams bei der WM 2010 im eigenen Land ist jedenfalls Vergangenheit.

Noch immer hadert Ehrhoff mit dem verpassten Ticket für die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi.

"Das ist eine Katastrophe! Gerade bei Olympia bekommt das Eishockey eine gute Berichterstattung und stößt auf viel Interesse in der Öffentlichkeit. Das fällt jetzt weg, das können wir gar nicht gebrauchen", klagte Ehrhoff.

Wind aus den Segeln

Von der Qualität seiner Kollegen ist der langjährige Nationalspieler zwar überzeugt, in Acht nehmen müsse sich die deutsche Auswahl bei der WM aber trotzdem: "Wenn man gegen Italien verliert (1:2 n.V. beim Olympia-Qualifikationsturnier, Anm. d. Red.), muss man zunächst einmal darauf achten, dass man nicht absteigt."

Auf lange Sicht sei es das erklärte Ziel, sich "unter den Top 8 zu etablieren", betonte Ehrhoff.

Leicht wird der Weg dorthin aber nicht: "Immer dann, wenn man ein bisschen Fahrt aufnimmt, passiert wieder irgendwas, was einem den Wind aus den Segeln nimmt."

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel