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Tino Boos (l.) kam 2007 nach Stationen in Düsseldorf, Kassel und Köln nach Hannover © getty

Bei SPORT1 spricht Scorpions-Kapitän Tino Boos über Hannovers vorläufige Rettung und die Probleme des deutschen Eishockeys.

Von Julian Meißner

München - Himmel, Hölle und zurück - und das Ganze in wenigen Monaten.

Noch im April feierten die Hannover Scorpions ausgelassen die Deutsche Meisterschaft 229544(die Bilder).

Vor wenigen Tagen dann der Schock: Hannover stand dicht vor dem Aus. Eigentümer Günter Papenburg kündigte an, kein Geld mehr in Sport-Aktivitäten stecken zu wollen.

Erst am Mittwoch, nach positiven Verhandlungen über die Gründung einer Besitz- und Betreibergesellschaft für die Mehrzweckarena, zog Papenburg seine Drohung zurück, die nur unter Auflagen erhaltene Lizenz wieder abzugeben.

Die Niedersachsen reihen sich damit ein in die Liste der finanziell angeschlagenen Klubs in Deutschland. Frankfurt hat bereits zurückgezogen, die Kölner Haie verhinderten den Kollaps gerade noch, Kassel kämpft vor Gericht erbittert um die Spielberechtigung.

Bei SPORT1 spricht Scorpions-Kapitän Tino Boos über das Wechselbad der Gefühle, die Probleme des deutschen Eishockey - und die neue DEL-Saison.

SPORT1: Herr Boos, wie sehr sind Ihre Nerven durch das Hin und Her strapaziert worden?

Tino Boos: Es waren schon sehr stressige Tage. Ich hatte mich auf die neue Saison gefreut, dann kam der große Knall. Nach der Entscheidung vom Mittwoch ist die Stimmung nun gelöst. Wir freuen uns einfach, dass wir unseren Job machen können.

SPORT1: Kam die Krise für Sie also völlig überraschend, gab es keine Anzeichen im Vorfeld?

Boos: Nein, das ging tatsächlich von Null auf Hundert. Vergangenen Donnerstag rief mich ein Mannschaftskollege an, ob ich meine E-Mails gelesen habe. Das habe ich dann getan - dann haben direkt die Drähte geglüht. Diese Episode will ich am besten schnell vergessen.

SPORT1: Waren Sie als Kapitän in die Verhandlungen eingebunden?

Boos: Teilweise schon, aber es war eine schwierige Situation, weil man eigentlich nicht viel machen kann. Die Entscheidungen haben andere getroffen. Das war das Schlimmste: warten, was es Neues gibt.

SPORT1: Können Sie den aktuellen Stand der Dinge darstellen?

Boos: Der entscheidende Punkt ist die Einigung auf eine Betreibergesellschaft für die Arena. Nur darum ging es auch die ganze Zeit. Wir hängen an diesem Rattenschwanz dran und wurden als sportliches Aushängeschild in Hannover als Druckmittel benutzt. Das muss man klar so sagen. Anscheinend gibt es in der Wirtschaft manchmal keinen anderen Weg.

SPORT1: Können Sie denn Klub-Eigentümer Günter Papenburg und seine Drohung mit der Lizenzrückgabe nachvollziehen?

Boos: Man muss die Hintergründe kennen. Angesichts dessen, was er sich alles anhören musste und was ihm ins Gesicht versprochen und nicht gehalten wurde, kann ich das hundertprozentig verstehen. Auf der anderen Seite fragt man sich als Spieler natürlich: Was können wir dafür?

SPORT1: DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke sagte, die Scorpions seien "zum Spielball wirtschaftlicher und politischer Interessen" geworden. Das würden Sie demnach unterzeichnen?

Boos: Mit Sicherheit. Es ging immer nur um die Halle, nie um das Team. Herr Papenburg wurde im Stich gelassen und über Jahre hingehalten. Dass ihm dann irgendwann der Kragen platzt, ist nur normal.

SPORT1: Hand aufs Herz: Hatten Sie sich - trotz der Kürze der Zeit - schon nach Alternativen umgesehen?

Boos: Aktiv sicherlich nicht. Aber es gibt natürlich Vereine, die sich in so einer Situation direkt beim einen oder anderen Spieler melden. So kurz vor Saisonbeginn sind nicht mehr viele Plätze frei, weshalb die Situation für 80 Prozent der Mannschaft doppelt schwierig ist. Aber wir sind nicht umsonst Meister geworden, sondern weil wir ein intaktes Team sind. Daher lag die Priorität darauf, das durchzustehen und einen Weg zu finden. Wie sagt man im Rheinland: Et hätt noch immer jot jejange.

SPORT1: Sie sprechen den Teamgeist an. Kann man aus solch einer Krise sportlich auch etwas Positives ziehen?

Boos: Letztes Jahr hatten wir ja auch Probleme und sind dann eher demotiviert gestartet. Wir waren Letzter, als wir die Kurve gekriegt haben. Das spricht natürlich für die Mannschaft. Aber jedes Jahr muss ich so ein Theater nicht haben. Jedenfalls können wir uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Vielleicht schätzt man es jetzt umso mehr, dass man sich quälen darf und natürlich auch muss.

SPORT1: Hannover steckt nicht als einziger Klub in Schwierigkeiten. Die Liste ist mit Frankfurt, Köln und Kassel sogar recht lang. Wo sehen Sie die Gründe?

Boos: Ein komplexes Thema. Eishockey ist ein schwierig zu finanzierender Sport. Du hast 22 Leute im Kader, eine sehr teure Ausrüstung und vor allem sehr teure Multifunktionsarenen mit horrenden Nebenkosten. Teileweise - wie am Beispiel Köln zu sehen - wurden diese auch in der falschen Zeit falsch dimensioniert. Aber es geht auch anders. Man sieht es an kleineren Vereinen wie Iserlohn, die solide wirtschaften. Manchmal ufert es eben aus.

SPORT1: Was wäre ein Lösungsansatz?

Boos: Wir müssen erst einmal mehr Fans für den Sport begeistern und in die Halle bringen. Momentan thront der Fußball weit über allem, die anderen Sportarten haben es da sehr schwer.

SPORT1: Liegt die Gefahr nicht auch darin, dass man sich von wenigen Mäzenen abhängig macht?

Boos: Ideal wäre natürlich, wenn das Konstrukt auf ganz breiten Füßen steht. Dann könnte man es sofort auffangen, wenn ein Geldgeber wegbricht. Daran ist aber kaum zu denken - mit Ausnahme vom Fußball, und da eigentlich auch nur in der Ersten und Zweiten Liga. Ohne Mäzenatentum ist es momentan extrem schwierig und leider in nur sehr seltenen Fällen machbar, Profisport zu betreiben.

SPORT1: Hat das deutsche Eishockey den positiven Effekt der erfolgreichen Heim-WM größtenteils schon wieder verspielt?

Boos: Ich gehe davon aus. Man hätte sicherlich den Schub besser mitnehmen können, weil bei der WM auch viele Leute erreicht wurden, die sich sonst nicht so für Eishockey interessieren. Gerade live ist es einfach wesentlich interessanter als ein Fußballspiel. Das bestätigt mir jeder, den ich mitnehme. Wir müssen unsere Nische finden, dafür muss natürlich auch die Außendarstellung stimmen. Wenigstens sind wir im Sommerloch im Gespräch geblieben?

SPORT1: Wie sehen Sie die sportlichen Perspektiven für die neue Saison? Es geht immerhin um die Titelverteidigung.

Boos (lacht): Sehr gute Frage, die habe ich schon länger nicht mehr gehört. Ziel ist natürlich die Titelverteidigung, aber dafür muss schon alles passen und man darf keine Verletzten haben. So war es eben im letzten Jahr. Wir haben wieder eine Chance und wollen sicherlich mehr als nur mitspielen. Würden wir etwas anderes sagen, würde uns das keiner glauben. Aber den Meistertitel haben natürlich auch andere auf dem Zettel.

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